Ein Auffangnetz im Wandel
Wenn Unternehmen Stellen abbauen oder Insolvenz anmelden, stehen Beschäftigte vor einer ungewissen Zukunft. In solchen Phasen rücken Transfergesellschaften zunehmend in den Fokus. Diese befristeten Einrichtungen sollen den Übergang von einem Arbeitsverhältnis in das nächste sozialverträglich gestalten. Während ihre Bedeutung in Zeiten nahezu vollständiger Beschäftigung abnahm, zeigt sich aktuell eine gegenteilige Entwicklung: Die Zahl der Menschen, die auf dieses Instrument angewiesen sind, steigt wieder an.
Funktionsweise und Ziele
Eine Transfergesellschaft ist als befristete Auffanglösung konzipiert. Wer in eine solche Gesellschaft wechselt, erhält für maximal zwölf Monate das sogenannte Transferkurzarbeitergeld. Dieses wird von der Bundesagentur für Arbeit finanziert und entspricht mindestens 60 Prozent des vorherigen Nettogehalts. Oftmals stocken die bisherigen Arbeitgeber diesen Betrag auf, um die soziale Härte abzufedern.
Der Wechsel in eine Transfergesellschaft ist jedoch mit einer weitreichenden Entscheidung verbunden: Die Beschäftigten unterzeichnen in der Regel einen Aufhebungsvertrag. Damit verzichten sie auf die Möglichkeit, gerichtlich gegen die Kündigung vorzugehen. Im Gegenzug erhalten sie Zugang zu Beratungsangeboten und Weiterbildungsmöglichkeiten, die den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt forcieren sollen.
Warum die Nachfrage steigt
Nachdem die Zahl der Teilnehmenden über Jahre hinweg – abgesehen von der Sondersituation während der Corona-Pandemie – auf einem niedrigen Niveau verharrte, zeichnet sich seit Ende 2023 ein Trend nach oben ab. Im Dezember 2025 bezogen rund 17.100 Menschen Transferkurzarbeitergeld, verglichen mit etwa 10.000 im Vorjahr.
Experten wie der Sozialwissenschaftler Gernot Mühge von der Hochschule Darmstadt werten diesen Anstieg als Warnsignal für den Arbeitsmarkt. Besonders die Automobil- und Zulieferbranche steht unter Druck, was sich beispielsweise in der Einrichtung einer Transfergesellschaft für den Automobilzulieferer Mahle in Neustadt an der Donau widerspiegelt. Auch Beratungsanbieter wie Sophia von Rundstedt beobachten eine gestiegene Nachfrage nach professioneller Unterstützung, insbesondere beim Wechsel in Branchen mit höherem Wachstumspotenzial.
Perspektiven und Kritik
Obwohl Transfergesellschaften als wünschenswertes Instrument gelten, ist ihre Wirksamkeit Gegenstand von Diskussionen. Laut Mühge gibt es zwar eine hohe Zufriedenheit unter den Teilnehmenden hinsichtlich der Beratung, doch wissenschaftlich sei bisher nicht belegt, dass sie zu einer schnelleren Vermittlung führen als andere Angebote.
Die Gewerkschaft IG Metall betont zudem die erheblichen Qualitätsunterschiede. Eine Transfergesellschaft sei keine Garantie für eine neue Anstellung. Der Erfolg hänge stark von individuellen Faktoren wie dem Alter oder der Qualifikation der Beschäftigten ab. Die Gewerkschaft mahnt, dass nicht die schnellstmögliche Vermittlung das Ziel sein dürfe, sondern eine tragfähige berufliche Perspektive. Ein entscheidender Erfolgsfaktor sei dabei die frühzeitige Einbindung von Betriebsräten und Beschäftigten, um passgenaue Lösungen zu entwickeln.
Historische Erfahrungen und Lehren
Die Geschichte der Transfergesellschaften in Deutschland ist von unterschiedlichen Erfahrungen geprägt. Während das Konzept bei der Insolvenz der Baumarktketten Praktiker und Max Bahr 2013 erfolgreich genutzt wurde – nach einem Jahr hatten rund 67,6 Prozent der 7.600 Betroffenen eine neue sozialversicherungspflichtige Arbeit gefunden –, gab es auch prominente Fälle des Scheiterns.
Besonders das Beispiel der Drogeriemarktkette Schlecker im Jahr 2012 bleibt in Erinnerung. Hier scheiterte die geplante Transfergesellschaft an fehlenden Finanzierungszusagen der Bundesländer, was bei den rund 25.000 betroffenen Mitarbeitenden für tiefe Enttäuschung sorgte. Ähnliche Startschwierigkeiten gab es zunächst bei der Fluggesellschaft AirBerlin, bevor später eine vom Land Berlin unterstützte Lösung immerhin etwa 1.100 Mitarbeitenden half, von denen laut der Beratungsgesellschaft PCG Project Consult drei Viertel in neue Jobs vermittelt werden konnten.
Hintergrund für Arbeitgeber
Nicht nur für Arbeitnehmer bietet das Modell Vorteile. Auch Unternehmen haben ein Interesse an der Einrichtung solcher Gesellschaften. Durch den Abschluss von Aufhebungsverträgen entfällt das Risiko von Kündigungsschutzklagen, was den Prozess des Personalabbaus rechtlich befriedet. Dennoch bleibt die Komplexität der rechtlichen Rahmenbedingungen ein Grund dafür, warum das Instrument trotz seiner potenziellen Vorteile nicht flächendeckend verbreitet ist.