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Weltkriegssoldat aus Hessen bekommt nach 86 Jahren Grabstein in England
Regional · 22.08.2026 18:53

Weltkriegssoldat aus Hessen bekommt nach 86 Jahren Grabstein in England

Kurz: Nach 86 Jahren erhielt der im Zweiten Weltkrieg gefallene Wilhelm Reuhl aus Maintal in England einen offiziellen Grabstein – ein Zeichen der Versöhnung.

Ein Zeichen der Versöhnung nach 86 Jahren

In der südenglischen Ortschaft Porlock fand eine bemerkenswerte Gedenkstunde statt, die ein Kapitel der deutsch-britischen Geschichte abschließt. Auf dem dortigen Dorffriedhof wurde ein neuer Grabstein für den deutschen Soldaten Wilhelm Reuhl enthüllt. Reuhl, der aus dem heute zu Maintal im Main-Kinzig-Kreis gehörenden Bischofsheim stammte, kam während des Zweiten Weltkriegs ums Leben. Nach 86 Jahren, in denen lediglich ein schlichtes Holzkreuz seine letzte Ruhestätte markierte, hat der junge Mann nun ein dauerhaftes Denkmal erhalten. Die Zeremonie war nicht nur ein Akt des Gedenkens an einen Einzelnen, sondern wurde von den Beteiligten als ein starkes Symbol der Aussöhnung zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern wahrgenommen. Die Geschichte von Wilhelm Reuhl ist dabei weit mehr als die Biografie eines gefallenen Soldaten; sie steht beispielhaft für die menschliche Verbundenheit, die trotz der Gräuel des Krieges über Jahrzehnte hinweg zwischen den Einwohnern von Porlock und der Familie des Verstorbenen gewachsen ist. Die feierliche Errichtung des Steins unterstreicht den Wandel vom einstigen Feindbild hin zu einem gemeinsamen Gedenken, das heute fest in der lokalen Kultur des kleinen englischen Dorfes verankert ist.

Die tragischen Ereignisse im September 1940

Die historischen Hintergründe des Falls führen zurück in den Herbst des Jahres 1940. Am 27. September wurde ein Aufklärungsflugzeug vom Typ Ju88 der deutschen Luftwaffe nahe der englischen Küste bei Porlock von britischen Kräften beschossen. Die Maschine wurde schwer getroffen und musste am Strand in der Nähe des Ortes notlanden. Von den vier Besatzungsmitgliedern überlebten drei den Absturz, doch für den damals erst 20-jährigen Wilhelm Reuhl kam jede Hilfe zu spät. Die Dorfbewohner von Porlock reagierten auf die Situation in einer Weise, die weit über das damals Übliche hinausging: Sie bereiteten dem gefallenen Soldaten ein würdiges Begräbnis auf dem örtlichen Friedhof. Über fast neun Jahrzehnte hinweg pflegten die Menschen vor Ort das Grab des Mannes, den sie einst als Feind hätten betrachten können. Das Holzkreuz, das die Stelle markierte, wurde im Laufe der Jahrzehnte mehrfach ersetzt, um den Zustand der Grabstätte zu wahren. Diese kontinuierliche Fürsorge bildete die Grundlage für eine tiefe emotionale Bindung, die sich nach Kriegsende zwischen den Dorfbewohnern und den Angehörigen des Verstorbenen entwickelte.

Eine gewachsene Freundschaft zwischen Nationen

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstand zwischen den Hinterbliebenen von Wilhelm Reuhl und den Einwohnern von Porlock ein enger Kontakt. Sabine Reuhl, eine Nichte des Gefallenen, beschrieb in einem Brief das bewundernswerte Mitgefühl, das die Briten über all die Jahre gezeigt haben. Die Dorfbewohner behandelten das Grab des Bischofsheimers so, als wäre er ein Mitglied ihrer eigenen Gemeinschaft gewesen. Bei Besuchen der Familie in England stellten sie fest, dass die Geschichte des deutschen Soldaten im Dorf allgemein bekannt war. Diese gelebte Erinnerungskultur ist ein zentrales Element der Geschichte. Während in den 1960er Jahren die Mehrheit der deutschen Kriegstoten in England auf den zentralen Friedhof Cannock Chase bei Birmingham umgebettet wurde, lehnte die Familie Reuhl diesen Schritt ausdrücklich ab. Sie wünschte, dass Wilhelm in Porlock verbleibt, wo er durch die Fürsorge der Anwohner eine zweite Heimat gefunden hatte. Diese Entscheidung bewahrte einen Ort, der heute als lebendiges Zeugnis für die Möglichkeiten der Versöhnung und den Aufbau zwischenmenschlicher Brücken dient.

Die Akteure und das offizielle Gedenken

An der jüngsten Gedenkstunde waren maßgebliche Akteure beteiligt, die den Übergang vom provisorischen Holzkreuz zum offiziellen Grabstein ermöglichten. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. mit Sitz im nordhessischen Niestetal arbeitete eng mit der Commonwealth War Grave Commission (CWGC) zusammen, um dieses Projekt zu realisieren. Dirk Backen, der Generalsekretär des Volksbundes, betonte die außergewöhnliche Atmosphäre während der Zeremonie. Er zeigte sich beeindruckt davon, wie stark die Geschichte des deutschen Soldaten in die Ortskultur von Porlock integriert wurde. Entgegen der Erwartung, dass nur wenige Menschen an der Einweihung teilnehmen würden, versammelte sich eine beachtliche Anzahl an Anwohnern und sogar deutsche Touristen, die durch lokale Medienberichte auf das Ereignis aufmerksam geworden waren. Die Resonanz in den sozialen Medien sowie die Berichterstattung durch den britischen Fernsehsender BBC1 unterstreichen die Bedeutung, die diesem lokalen Ereignis mittlerweile beigemessen wird. Die Beteiligung der Institutionen stellt sicher, dass das Grab nun offiziell als deutsches Kriegsgrab geführt und dauerhaft von der CWGC verwaltet wird.

Einordnung der Bedeutung für die Erinnerungskultur

Einzuordnen ist das Geschehen in Porlock als ein Modellprojekt für den Umgang mit der Vergangenheit. Dirk Backen bezeichnete die Geschichte als eine „Blaupause für Versöhnung“. Es gehe nicht darum, die Ereignisse des Krieges zu vergessen, sondern vielmehr darum, gemeinsam eine friedlichere Zukunft zu gestalten. Das Grab von Wilhelm Reuhl fungiert dabei als ein Ort, der Botschaften des Friedens über den Ärmelkanal sendet. Den Berichten zufolge ist das Verständnis für das Ausmaß des Krieges erst dann vollständig möglich, wenn man sich auch die Perspektive der anderen Seite erschließt und die Kriegsgräber ehemaliger Gegner besucht. Die Geschichte zeigt, dass Versöhnung auf der Ebene der Zivilgesellschaft stattfinden kann, abseits von staatlichen Protokollen. Dass ein einzelnes Grab eine solche Strahlkraft entwickeln kann, verdeutlicht, wie wichtig die individuelle Auseinandersetzung mit der Geschichte für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist. Die Anerkennung des Grabes durch die offiziellen Stellen ist somit auch eine Würdigung der jahrzehntelangen, zivilen Friedensarbeit der Einwohner von Porlock.

Offene Fragen und der Blick in die Zukunft

Der aktuelle Quelltext lässt einige Fragen offen, insbesondere hinsichtlich der genauen Identität der drei überlebenden Besatzungsmitglieder der Ju88 und deren Schicksal nach dem Abschuss im Jahr 1940. Auch bleibt unklar, wie genau die Kommunikation zwischen der Familie Reuhl und den Dorfbewohnern in den frühen Nachkriegsjahren initiiert wurde, als der Eiserne Vorhang und die politische Lage in Europa die Kontakte erschwerten. Die konkreten Details der logistischen Umsetzung der Grabsteinsetzung, etwa die Finanzierung oder die genaue Auswahl des Materials, werden nicht weiter spezifiziert. Dennoch ist der Ausblick klar definiert: Das Grab von Wilhelm Reuhl bildet den Auftakt für eine systematische Erfassung weiterer Gräber. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat eine Liste von 327 Einzelgräbern auf der britischen Insel identifiziert, die in den kommenden Jahren geprüft werden sollen. Es stellt sich nun die Aufgabe, den Zustand dieser Gräber zu evaluieren und zu entscheiden, wo weitere Maßnahmen zur Erhaltung oder Aufwertung notwendig sind. Die Geschichte aus Porlock dient dabei als Orientierungspunkt für die künftige Arbeit der Kriegsgräberfürsorge.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/detailliertes-modell-eines-deutschen-panzers-aus-dem-zweiten-weltkrieg-35546857/ · Foto: Matias Luge
Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/weltkriegssoldat-aus-hessen-bekommt-nach-86-jahren-grabstein-in-england-v1,kriegsgrab-wilhelm-reuhl-100.html