Ein historischer Wendepunkt für die Vereinten Nationen
Das Ende des Jahres 2026 markiert einen bedeutenden Einschnitt für die Vereinten Nationen: Der amtierende Generalsekretär António Guterres verlässt sein Amt. Die Suche nach einer Nachfolge hat nun eine entscheidende Phase erreicht. Die Präsidentin der UN-Generalversammlung, Annalena Baerbock, hat die sechs offiziellen Bewerberinnen und Bewerber zu einer öffentlichen Fragerunde geladen. Dieses Townhall-Format soll den Mitgliedsstaaten und der Öffentlichkeit die Möglichkeit geben, die Profile der Anwärter direkt zu prüfen.
Seit der Gründung der Vereinten Nationen vor 80 Jahren wurde das höchste Amt der Organisation ausschließlich von Männern bekleidet. Baerbock betont wiederholt, dass es an der Zeit sei, diese Tradition zu brechen. Angesichts der Tatsache, dass Frauen die Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen, wird der Ruf nach einer weiblichen Führungspersönlichkeit an der Spitze der UN immer lauter.
Der Fokus auf Lateinamerika
Nach dem informellen Rotationsprinzip der UN ist bei der aktuellen Besetzung die Regionalgruppe Lateinamerika an der Reihe. Dies spiegelt sich im Bewerberfeld wider, das von Frauen aus dieser Region dominiert wird. Zu den Kandidatinnen zählen:
* **Rebecca Grynspan:** Die ehemalige Vizepräsidentin Costa Ricas ist bereits seit einem halben Jahr im Rennen.
* **María Fernanda Espinosa:** Die frühere Außenministerin Ecuadors hat ihre Ambitionen vor zwei Monaten offiziell gemacht.
* **Carolyn Rodrigues-Birkett:** Die ehemalige Außenministerin und frühere Direktorin der Welternährungsorganisation bewirbt sich ebenfalls aus dieser Region.
Herausforderungen und politische Hürden
Als prominenteste Bewerberin gilt die ehemalige chilenische Präsidentin Michelle Bachelet. Ihre bisherige Laufbahn, unter anderem als erste Exekutivdirektorin von UN Women, qualifiziert sie für das Amt. Dennoch sehen Beobachter ihre Chancen als gering an. Bachelet vertritt eine liberale Haltung, etwa beim Thema Abtreibungsrechte, was sie bei konservativen Kräften im US-Kongress in die Kritik brachte. Zudem stieß sie in ihrer Funktion als UN-Hochkommissarin für Menschenrechte auf Widerstand in China, da sie die dortige Behandlung der Uiguren offen kritisierte. Ein Veto einer der fünf ständigen Sicherheitsratsmitglieder würde ihre Kandidatur faktisch beenden.
Auch der männliche Bewerber Macky Sall, ehemaliger Präsident des Senegal, hat derzeit einen schweren Stand. Er gehört nicht der anvisierten Regionalgruppe Lateinamerika an, wird von der Afrikanischen Union nicht unterstützt und sah sich in seiner Heimat mit Vorwürfen autoritären Regierens konfrontiert.
Der Favorit aus Argentinien
Unter den verbleibenden Bewerbern sticht Rafael Grossi hervor. Der argentinische Diplomat leitet seit 2019 die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA). Experten der Denkfabrik Crisis Group schätzen seine Erfolgsaussichten als hoch ein. Seine Erfahrung in komplexen internationalen Atomkonflikten habe ihn dazu gezwungen, mit globalen Akteuren wie den USA, China und Russland zu vermitteln. Diese diplomatische Routine und seine mediale Präsenz machen ihn laut Expertenmeinung zu einem Favoriten in diesem Wahlkampf.
Der Einfluss der Vetomächte
Obwohl der Auswahlprozess durch öffentliche Fragerunden transparenter gestaltet wird, bleibt die finale Entscheidung in den Händen der fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats. Um den Posten zu erhalten, muss ein Kandidat mindestens neun der 15 Stimmen im Sicherheitsrat auf sich vereinen und darf von keiner der fünf Vetomächte – USA, China, Russland, Frankreich oder Großbritannien – abgelehnt werden.
Es besteht die Möglichkeit, dass die Vetomächte am Ende einen Kompromisskandidaten außerhalb der aktuellen Gruppe favorisieren. So wird beispielsweise der ehemalige bulgarische Außenminister Nikolai Mladenov als mögliche Alternative gehandelt. Sollte dieser Fall eintreten, würde die angestrebte Besetzung durch eine Frau aus Lateinamerika zugunsten eines Mannes aus Osteuropa verworfen werden. Die kommenden Probeabstimmungen im Sicherheitsrat werden zeigen, ob sich die Favoriten halten können oder ob interne Machtdynamiken den Prozess in eine neue Richtung lenken.