Ein Philosoph zwischen Agora und Agon
Wolodymyr Jermolenko, einer der profiliertesten Intellektuellen der Ukraine und Präsident des PEN Ukraine, sieht in der aktuellen europäischen Philosophie ein fundamentales Defizit. In seiner Analyse, die unter anderem in seinem Essay „Eine Kultur des Trotzdem“ dargelegt wird, beschreibt er das Spannungsfeld zwischen „Agora“ – dem Ort des kommunikativen Austauschs – und „Agon“, dem notwendigen Kampf zur Verteidigung der eigenen Werte. Laut Jermolenko haben westeuropäische Gesellschaften nach 1945 das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Polen verloren, da der Kampf als prinzipiell negativ eingestuft wurde.
Kritik an Jürgen Habermas und deutscher Naivität
Besonders kritisch äußert sich Jermolenko über den deutschen Philosophen Jürgen Habermas. Er wirft ihm und anderen Intellektuellen eine gefährliche Abstraktion vor, die aus dem Verlust direkter Kriegserfahrung resultiere. Nach Einschätzung des Kiewer Philosophen unterlag Habermas dem Irrglauben, dass Kriege in Europa endgültig überwunden seien und durch universelle Dialoge ersetzt werden könnten. Diese Haltung habe dazu geführt, dass die imperiale Natur des russischen Krieges und die Unempfänglichkeit des Kremls für rationale Diskurse verkannt wurden.
Jermolenko verweist dabei auf eine persönliche Ebene: Sein Vater, Anatolij Jermolenko, der als bedeutender Habermas-Kenner in der Ukraine gilt, hatte bereits im ersten Kriegsjahr die zögerliche Haltung des deutschen Denkers kritisiert. Eine Antwort von Habermas blieb jedoch aus, was der Sohn als bezeichnend für die Distanz zwischen der westlichen Theorie und der osteuropäischen Realität bewertet.
Die „Freiheit trotzdem“ als ukrainisches Konzept
In der ukrainischen Perspektive gewinnt der Freiheitsbegriff eine neue Dimension. Jermolenko unterscheidet zwischen der klassischen „Freiheit von“ (Abwesenheit von Zwang) und seinem Konzept der „Freiheit trotzdem“. Letzteres beschreibt Freiheit nicht als einen Zustand, der nach der Beseitigung externer Hindernisse automatisch eintritt, sondern als einen permanenten Prozess. Freiheit müsse wie ein Muskel trainiert werden; sie sei ein ständiger Kampf, der nicht auf ideale Bedingungen warte, sondern diese aktiv schaffe.
Spannungsfelder in der ukrainischen Gesellschaft
Die Ukraine selbst sieht sich laut Jermolenko mit eigenen Herausforderungen konfrontiert. Während in Westeuropa ein Mangel an „Agon“ (Wehrhaftigkeit) herrsche, drohe in der Ukraine ein Ungleichgewicht in die entgegengesetzte Richtung. Die derzeitigen Proteste in Kiew – etwa gegen die Entlassung des Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow – verdeutlichen den Wunsch der Bevölkerung nach demokratischer Teilhabe in einer Zeit, in der prozedurale Instrumente wie Wahlen kriegsbedingt ausfallen.
Jermolenko identifiziert jedoch auch wachsende Polarisierungen:
* **Zivilbevölkerung vs. Militär:** Es mangelt an öffentlichem Raum für einen offenen Dialog, was die Spannungen zwischen den gesellschaftlichen Gruppen verschärft.
* **Gefahr des Agon-Exzesses:** Eine Gesellschaft, die nur noch im Kampfmodus agiert, läuft Gefahr, Feindbilder zu verfestigen und den demokratischen Diskurs zu ersticken.
* **Mobilmachung:** Ungerechtigkeiten bei der Rekrutierung und die mangelnde Inklusion der Armee in den gesellschaftlichen Diskurs bleiben ungelöste Probleme.
Lehren aus der Geschichte
Jermolenko warnt vor der Annahme, dass Gesellschaften aus den Fehlern anderer lernen könnten. Er vertritt die Auffassung, dass echte Erkenntnis meist erst durch eigene existenzielle Erfahrungen gewonnen wird. Die europäische Fixierung auf Risikominimierung seit dem Zweiten Weltkrieg habe zwar Stabilität gebracht, aber gleichzeitig die Handlungsfähigkeit der Bürger geschwächt. Ob westliche Gesellschaften die Gefahr rechtzeitig erkennen, bevor sie selbst zum Ziel werden, bleibt laut seiner Analyse eine offene Frage. Der Druck durch politische Entwicklungen, wie etwa das Erstarken rechter Kräfte, könnte jedoch als Katalysator wirken, um den Kampf für die Freiheit in Europa neu zu beleben.