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Trump, AfD & Co.: Ist Populismus wirklich nur Identitätspolitik?
Schlagzeilen · 23.07.2026 11:22

Trump, AfD & Co.: Ist Populismus wirklich nur Identitätspolitik?

Kurz: Das Buch „The Great Realignment“ von Stephen Davies verspricht einen neuen Blick auf den Populismus. Doch ist die Identitätspolitik wirklich der einzige Schlüss

Ein neues Narrativ für den Populismus?

Die Debatte um den Aufstieg populistischer Bewegungen wie der AfD oder der Anhängerschaft von Donald Trump ist geprägt von einer gewissen Ratlosigkeit. In diesem Umfeld erscheint das Buch „The Great Realignment. Why the New Right is Here to Stay“ des Autors Stephen Davies. Der Titel suggeriert einen Bruch mit bisherigen Erklärungsmodellen und verspricht einen „neuen Realismus“, der die politische Welt der Nachkriegszeit als endgültig vergangen betrachtet.

Davies nutzt zur Einleitung ein psychologisches Modell, die fünf Stufen der Trauerbewältigung nach Kübler-Ross. Er unterstellt der bisherigen Forschung, bei der Auseinandersetzung mit dem Populismus in der Phase des „Verleugnens“ steckengeblieben zu sein. Sein eigener Ansatz soll den Leser dazu befähigen, das Unabänderliche zu akzeptieren und politisch die Kontrolle zurückzugewinnen.

Identität statt Ökonomie: Die neue Trennlinie

Der Kern der Argumentation von Davies liegt in der Annahme eines „großen Realignment“ – einer grundlegenden Neuausrichtung der politischen Konfliktlinien. Laut dem Autor hat sich der Fokus der politischen Auseinandersetzung verschoben: Weg von der klassischen ökonomischen Frage nach der Rolle des Staates, der Umverteilung und dem Gegensatz zwischen Kapitalismus und Sozialismus.

Stattdessen sieht Davies den zentralen Konflikt der Gegenwart in einer identitätspolitischen Spaltung. Die Fronten verlaufen demnach zwischen:

* **Nationalismus und partikularistischem Individualismus** auf der einen Seite.

* **Kosmopolitischem Individualismus und einer liberalen globalen Ordnung** auf der anderen Seite.

Dieser Konflikt manifestiert sich laut Davies in der Frage nach Volkssouveränität versus einer unpolitischen Regierungsführung durch internationale Verträge und Gesetze. Er ordnet die politischen Lager dabei in bekannte Kategorien ein, etwa in das GAL-Schema (grün, alternativ, libertär) gegenüber dem TAN-Schema (traditionell, autoritär, nationalistisch).

Kritik an der analytischen Tiefe

Obwohl Davies den Anspruch erhebt, eine neue Perspektive zu bieten, weist die Analyse nach Einschätzung von Kritikern erhebliche Schwächen auf. Die von ihm präsentierten Thesen decken sich weitgehend mit dem bereits etablierten Paradigma, das Identitätsfragen über ökonomische Interessen stellt. Dass der Autor diese Sichtweise als neuartige Erkenntnis präsentiert, erscheint vor dem Hintergrund der bestehenden sozialwissenschaftlichen Debatte fragwürdig.

Ein Grund für diese mangelnde Trennschärfe könnte in der Auswahl der Quellen liegen. Das Literaturverzeichnis konzentriert sich stark auf populärwissenschaftliche, britische Monographien, während fachwissenschaftliche Zeitschriftenbeiträge und internationale Sammelbände der letzten 15 Jahre weitgehend fehlen. Dies führt dazu, dass der Beitrag eher als journalistisch denn als politikwissenschaftlich fundiert wahrgenommen wird.

Offene Fragen und fehlende Empirie

Ein zentraler Kritikpunkt bleibt die mangelnde Verknüpfung von Beobachtungen mit einem stringenteren Argumentationsrahmen. Komplexe Herausforderungen wie der Klimawandel, geopolitische Verschiebungen, die KI-Revolution oder demografische Veränderungen werden zwar erwähnt, ihre konkrete Rolle bei der Transformation von Parteiensystemen bleibt jedoch vage. Es fehlt eine systematisch-vergleichende Empirie, um die aufgestellten Thesen zu untermauern.

Für Leser, die sich bisher wenig mit der Thematik auseinandergesetzt haben, bietet das Buch einen informativen Überblick. Wer jedoch nach einer tiefergehenden, neuen Analyse sucht, die über die bereits bekannten Identitätskonflikte hinausgeht, wird in diesem Werk kaum fündig werden. Die Suche nach einer fundierteren Erklärung für die politische Unruhe unserer Zeit muss somit weitergehen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/stadt-menschen-strasse-gehen-16722366/ · Foto: Tony Wu
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sachbuch/philipp-manow-ueber-stephen-davies-was-sind-die-ursachen-des-populismus-200947265.html