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Trend zum Hochkant: Der aufrechte Gang des Geldes
Kultur · 30.07.2026 13:09

Trend zum Hochkant: Der aufrechte Gang des Geldes

Kurz: Das Hochkant-Format erobert unseren Alltag: Von Smartphones über Streaming-Serien bis hin zu neuen Euro-Banknoten vollzieht sich ein bemerkenswerter Wandel.

Ein neues Format für das Portemonnaie

Der Trend zum Hochkant-Format ist längst kein Nischenphänomen mehr. Während Kreditkarten bereits vor Jahren ihre Ausrichtung um 90 Grad drehten und damit Logos sowie IBAN-Nummern in die Vertikale verschoben, erreicht diese Entwicklung nun das Bargeld. Bei den Entwürfen für die neuen Euro-Banknoten setzen bereits vier von zehn Vorschlägen auf die aufrechte Darstellung. Wer künftig an der Kasse zahlt, könnte daher Porträts, wie etwa das der Opernsängerin Maria Callas, im Hochformat aus der Brieftasche ziehen.

Die Dominanz des Smartphones

Als treibende Kraft hinter dieser ästhetischen Neuausrichtung gilt das Smartphone. Die physische Beschaffenheit der Geräte, die sich schmal und handlich in die Handfläche schmiegen, hat die Gestaltung von Inhalten maßgeblich beeinflusst. Im Marketing hat sich hierfür der Begriff „Vertical Storytelling“ etabliert. Selbst große Streaming-Dienste wie Netflix oder Disney sowie öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten produzieren mittlerweile sogenannte „Vertical Dramas“. Was als technisches Design begann, hat sich zu einer kulturellen Norm entwickelt, die unsere Sehgewohnheiten prägt.

Anthropozentrik und der aufrechte Gang

Doch die Ursache für den Wandel reicht tiefer als die bloße Technik. Das hochkantige Rechteck scheint eine anthropozentrische Notwendigkeit zu bedienen: Es ist das ideale Format, um den Menschen abzubilden. Der aufrechte Gang des Homo sapiens spiegelt sich in dieser geometrischen Wahl wider. Es ist ein Ausdruck des menschlichen Strebens, sich über die Welt zu erheben – ein metaphysisches Bedürfnis nach „höher, schneller, weiter“.

Der Philosoph Peter Sloterdijk beschreibt dieses Phänomen als „Vertikalspannung“. Der Mensch strebt danach, seinen gegenwärtigen Zustand durch stetige Übung zu transzendieren. In Anlehnung an Rilkes berühmte Zeile „Du musst dein Leben ändern“ lässt sich die vertikale Ausrichtung als ein Symbol für diesen permanenten Veränderungswillen deuten.

Geometrie als Weltdeutung

Die Menschheit hat sich die Welt schon immer durch geometrische Grundformen erschlossen. Während die Pythagoreer das Dreieck verehrten und das Mittelalter dem Kreis eine religiöse Bedeutung beimaß, könnte man das aktuelle Zeitalter als das des „Orthogons“ bezeichnen.

Kritiker könnten einwenden, dass das Hochkant-Format den Blick auf die Welt verengt. Da das Rechteck immer nur einen Ausschnitt zeigt, besteht die Gefahr, dass der Teil fälschlicherweise zum Ganzen erklärt wird. Dennoch hat die Porträtkunst seit Jahrhunderten bewiesen, dass gerade das hochkantige Rechteck das Wesentliche einer Person hervorheben kann.

Perspektiven für die Zukunft

Die Herausforderung der kommenden Jahre wird darin bestehen, die vielen kleinen, vertikalen Ausschnitte als komplementäre Teile eines größeren Ganzen zu begreifen. Dass dies auch das Ziel der EZB bei der Neugestaltung des Bargelds ist, zeigt das offizielle Motto der neuen Euro-Serie: „In Vielfalt geeint“. Ob sich das hochkantige Geld im Alltag durchsetzen wird, bleibt abzuwarten, doch die Richtung ist durch den Zeitgeist der Vertikalität bereits vorgegeben.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/entwurf-design-innere-interior-12245821/ · Foto: Jan van der Wolf
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/warum-neue-euroscheine-und-videos-jetzt-hochkant-werden-201075568.html