Ein dramatisches Finale in den Alpen
Die 20. Etappe der Tour de France entwickelte sich zu einem der packendsten Abschnitte der diesjährigen Rundfahrt. Auf dem Weg von Le Bourg d’Oisons nach Alpe d’Huez über 171 Kilometer mussten die Fahrer insgesamt 5.450 Höhenmeter bewältigen. Die Strecke, die über den Col de Sarenne und nicht über die klassischen 21 Kehren führte, forderte den Profis alles ab.
Im Zentrum des Geschehens stand der Amerikaner Sepp Kuss. Lange Zeit sah er wie der sichere Sieger aus, nachdem er die letzte Bergwertung 14,3 Kilometer vor dem Ziel als Erster passiert hatte. Doch nur wenige Kilometer vor dem Zielstrich wendete sich das Blatt: Kuss strauchelte in einem Tunnel und stürzte kurz darauf in einen Fangzaun. Nur diesem Hindernis war es zu verdanken, dass der Fahrer nicht in die Tiefe stürzte. Richard Carapaz nutzte den Moment, zog an dem verunglückten Kuss vorbei und sicherte sich seinen zweiten Etappensieg bei dieser Tour.
Carapaz dominiert die Bergwertung
Für Richard Carapaz war die Etappe ein doppelter Erfolg. Bereits vor seinem Tagessieg hatte der 33-Jährige den Gewinn des Bergtrikots rechnerisch perfekt gemacht. Sein Duell mit Valentin Paret-Peintre prägte den ersten Teil des Rennens. Während Paret-Peintre in den Tagen zuvor noch die Oberhand behalten hatte, wählte Carapaz diesmal eine offensive Taktik. 3,6 Kilometer vor der Passhöhe des Col de la Croix de Fer setzte er sich ab und sicherte sich wertvolle Punkte. Auch am Col du Galibier, dem „Dach der Tour“, unterstrich er seine Kletterstärke und baute seinen Vorsprung in der Bergwertung uneinholbar aus.
Taktische Meisterleistung von Pogacar
An der Spitze des Gesamtklassements setzt Tadej Pogacar weiterhin ein Ausrufezeichen. Der Träger des Gelben Trikots stellte seine eigenen Ambitionen auf der Königsetappe vollständig in den Dienst seines Teams. Über 50 Kilometer leistete der Slowene die Tempoarbeit, um seinen Teamkollegen Isaac del Toro zu unterstützen und dessen dritten Platz in der Gesamtwertung abzusichern. Pogacar verzichtete sogar darauf, auf die späte Attacke von Remco Evenepoel zu reagieren, und blieb stattdessen an der Seite des Mexikaners. Gemeinsam überquerten sie als Vierter und Fünfter die Ziellinie.
Evenepoel und Pedersen glänzen
Remco Evenepoel bestätigte erneut seine Rolle als zweitbester Fahrer der Tour. Nach dem Sturz von Kuss zog er auf der Zielgeraden an diesem vorbei und sicherte sich den zweiten Platz (+26 Sekunden). Trotz der Freude über seine starke Leistung im Hochgebirge zeigte sich der 26-Jährige im Anschluss leicht enttäuscht, da der Etappensieg in greifbare Nähe gerückt war.
Eine weitere bemerkenswerte Leistung zeigte Mads Pedersen. Der Träger des Grünen Trikots bewies erneut seine Kletterqualitäten, indem er vor dem Feld der Klassementfahrer den Col de la Croix de Fer erreichte. Bei der Sprintwertung in Saint-Julien-Mont-Denis holte er sich ohne Gegenwehr die entscheidenden Punkte und hat das Grüne Trikot vor der finalen Etappe nach Paris sicher.
Ausblick auf das Finale
Nach den Strapazen in den Alpen steht für das Peloton der Transfer nach Paris an. Die letzte Etappe wurde aufgrund von Waldbränden in Frankreich kurzfristig auf 89 Kilometer verkürzt. Der Kurs führt über den Montmartre, wobei nach der dritten Passage noch zehn Kilometer bis zum Ziel auf den Champs-Elysées verbleiben. Dies bietet den Sprintern eine realistische Chance, Ausreißergruppen einzuholen und das Rennen in einem Massensprint zu entscheiden.