Kritik an der strategischen Ausrichtung der Bundeswehr
Die Modernisierung der Bundeswehr steht unter intensiver Beobachtung durch Experten. Moritz Schularick, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), hat jüngst deutliche Kritik an der aktuellen Beschaffungspolitik von Verteidigungsminister Boris Pistorius geübt. Im Kern geht es um die Frage, ob die massiven Investitionen – bis 2030 stehen rund 700 Milliarden Euro für die Verteidigung zur Verfügung – in die richtigen technologischen Felder fließen.
Nach Einschätzung von Schularick droht ein Großteil dieser Mittel zu verpuffen, da der Fokus weiterhin auf konventionellen Waffensystemen wie Panzern und Fregatten liegt. Diese Technologien betrachtet der Ökonom als veraltet. Stattdessen plädiert er für eine radikale Neuausrichtung hin zu zukunftsfähigen Systemen.
Der Ruf nach technologischer Transformation
Schularick argumentiert, dass Deutschland zwar über erhebliches industrielles Know-how und Kapital verfüge, jedoch mit demografischen Herausforderungen kämpfe. Ein Mangel an Personal für klassische Einheiten wie Panzerbesatzungen mache eine technologische Kompensation zwingend erforderlich. Die Strategie müsse sich daher konsequent auf folgende Bereiche konzentrieren:
* Künstliche Intelligenz (KI)
* Robotik
* Drohnentechnologie
* Satellitentechnik
Die Forderung ist eindeutig: Die Bundeswehr sollte dort, wo es möglich ist, auf automatisierte und unbemannte Systeme setzen, anstatt den Fokus auf die personelle Aufstockung und den Ausbau stationärer Infrastrukturen wie Kasernen zu legen.
Neue Wege in der Beschaffung: Fabriken statt Einzelstücke
Ein weiterer zentraler Kritikpunkt des IfW-Präsidenten betrifft die Art und Weise der Auftragsvergabe. Bisher bestelle die Bundeswehr hochkomplexe, maßgefertigte Einzelstücke in geringen Stückzahlen. Dies sei ineffizient und im Krisenfall nicht skalierbar.
Schularick schlägt einen Paradigmenwechsel vor: Anstatt einzelne Waffensysteme zu ordern, solle der Staat den Aufbau von Produktionskapazitäten finanzieren. Das Ziel sei es, „die ganze Fabrik“ zu bestellen, die im Ernstfall in der Lage ist, die Produktion von beispielsweise Raketen innerhalb kürzester Zeit massiv hochzufahren – etwa von 200 auf 2.000 Einheiten pro Jahr. Da sich solche Kapazitäten in Friedenszeiten wirtschaftlich kaum für Unternehmen rechnen, sieht Schularick den Staat in der Pflicht, entsprechende Prämien für die Vorhaltung dieser Produktionslinien zu zahlen.
Forderung nach einem zentralen Koordinator
Um diese komplexe Transformation der Verteidigungsstrategie zu bewältigen, hält Schularick das Verteidigungsministerium in seiner jetzigen Struktur für überfordert. Er bezeichnet die Behörde als zu langsam und nicht ausreichend auf die Verzahnung von Industrie, Start-ups und Politik ausgerichtet.
Der Ökonom schlägt daher die Einsetzung eines zentralen Koordinators mit weitreichenden politischen Befugnissen vor, der direkt im Kanzleramt angesiedelt sein sollte. Als mögliche Kandidaten für eine solche Schlüsselrolle brachte er Persönlichkeiten wie den ehemaligen Telekom-Chef René Obermann oder den früheren Airbus-Chef Tom Enders ins Spiel. Ein solcher Koordinator solle Friktionen zwischen den Akteuren abbauen und die Rüstungsbemühungen auf ein gemeinsames Ziel fokussieren.
Wirtschaftliche Implikationen
Neben der reinen Verteidigungsfähigkeit betont Schularick auch den ökonomischen Aspekt. Bei korrekter Umsetzung könnten die Milliardeninvestitionen in moderne Rüstungstechnologie als Motor für das Wirtschaftswachstum dienen. Die Voraussetzung hierfür sei jedoch, dass Regierung und Industrie ihre Prozesse grundlegend umstellen und nicht lediglich bestehende Bestände auffüllen. Die Debatte verdeutlicht, dass die Modernisierung der Bundeswehr weit über die bloße Beschaffung von Material hinausgeht und eine tiefgreifende industrielle und strategische Neuausrichtung erfordert.