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Titelgewinn nach Essstörung: Wie der Triathlon Europameisterin Lili Kramer rettete
Regional · 03.08.2026 10:15

Titelgewinn nach Essstörung: Wie der Triathlon Europameisterin Lili Kramer rettete

Kurz: Lili Kramer gewann den Ironman in Frankfurt. Hinter dem sportlichen Erfolg der 22-Jährigen steht ein langer Kampf gegen schwere Essstörungen.

Ein unerwarteter Triumph auf dem Römer

Für die 22-jährige Lili Kramer aus Bad Vilbel fühlt sich der Sieg beim Ironman in Frankfurt auch Wochen nach dem Wettkampf noch surreal an. Ende Juni 2026 überquerte sie als erste Frau die Ziellinie und sicherte sich damit den Europameistertitel. In einem Teilnehmerfeld, in dem die Profi-Frauen fehlten, setzte sie sich mit einer Zeit von 6:06:11 Stunden durch. Die verkürzte Strecke kam der ehemaligen Schwimmerin dabei entgegen, doch der emotionale Höhepunkt war für sie das Vorbeifahren an ihrem Elternhaus in Bad Vilbel, wo Familie und Freunde sie lautstark unterstützten.

Der steinige Weg aus der Krise

Der sportliche Erfolg ist für Kramer weit mehr als eine bloße Leistung; er ist das Ergebnis eines langen und schmerzhaften Prozesses. Bereits im Alter von sechs Jahren begann sie mit dem Schwimmsport, doch die Corona-Pandemie markierte einen Wendepunkt. Durch die erzwungene Trainingspause entwickelte die damals Jugendliche eine Anorexie. Was als Versuch begann, durch den Verlust von zwei bis drei Kilogramm leistungsfähiger zu werden, entwickelte sich zu einer ernsthaften Erkrankung.

Die Situation verschärfte sich, als ein Trainerwechsel im Jahr 2021 keine Unterstützung brachte. Statt Verständnis für ihre gesundheitliche Lage zu zeigen, reagierte der Coach mit Unverständnis und schloss die junge Athletin schließlich aufgrund mangelnder Leistung aus der Trainingsgruppe aus. Für Kramer war dies ein schwerer Identitätsverlust, der sie dazu bewegte, das Schwimmen hinter sich zu lassen und zum Triathlon zu wechseln.

Vom Rückzug zur neuen Lebensfreude

Der Wechsel in eine neue Sportart bedeutete jedoch nicht sofortige Besserung. Nach der Anorexie rutschte Kramer in eine Bulimie. Während eines Studienaufenthalts in Spanien nahm sie innerhalb weniger Monate 40 Kilogramm zu. Die psychische Belastung war so groß, dass sie sich aus Scham kaum noch aus ihrem Zimmer traute.

Die Wende kam im September 2023, als sie nach Bad Vilbel zurückkehrte. Sie traf die Entscheidung, dem Triathlon eine echte Chance zu geben, anstatt sich weiter in die Isolation zurückzuziehen. Durch eine Anstellung als Schwimmtrainerin beim Fun-Ball Dortelweil fand sie zurück in ein soziales Umfeld. Der Sport wurde für sie zu einem Anker, der ihr half, die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen.

Zukunftspläne und der Traum von Hawaii

Nachdem sie bereits 2025 in ihrer Altersklasse beim Ironman Frankfurt siegte, folgte 2026 der Gesamtsieg. Trotz dieses Erfolgs bleibt eine sportliche Herausforderung bestehen: Die Teilnahme an der Weltmeisterschaft auf Hawaii. Die Kosten von rund 10.000 Euro sind für die junge Athletin aktuell nicht zu stemmen.

Kramer blickt jedoch optimistisch auf das kommende Jahr. Sie plant, das notwendige Kapital durch Ersparnisse und hoffentlich neue Sponsoren aufzubringen. Ihr langfristiges Ziel ist der Sprung in das Profilager. Dabei geht es ihr nicht nur um sportliche Rekorde, sondern auch um eine persönliche Genugtuung: Sie möchte all jenen beweisen, die an ihr zweifelten, dass sie ihren Platz im Leistungssport gefunden hat.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/nachtansicht-der-strassenszene-in-der-innenstadt-von-hamburg-30716070/ · Foto: Frank Rietsch
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/regional/hessen/hr-titelgewinn-nach-essstoerung-wie-der-triathlon-europameisterin-lili-kramer-rettete-102.html