Ein Stresstest für die digitale Souveränität
Die Anforderungen an die IT-Infrastruktur öffentlicher Stellen sind hoch, insbesondere wenn es um die Aufrechterhaltung der Kommunikation in Krisenzeiten geht. Ein aktuelles Projekt, das von Januar bis April 2026 lief, untersuchte nun die Praxistauglichkeit der Open-Source-Office-Suite Opendesk in genau diesen Extremsituationen. Beteiligt an der Testreihe waren die Bundesagentur für Arbeit, das IT-Unternehmen Bitmarck sowie der IT-Dienstleister BG-Phoenics. Koordiniert wurde das Vorhaben durch das Zentrum für digitale Souveränität der öffentlichen Verwaltung (Zendis).
Ziel war es, die Eignung der Suite als Notfallarbeitsplatz zu evaluieren. Dabei standen insbesondere die Interoperabilität zwischen verschiedenen Systemen, die Konnektivität sowie der Nutzen in unterschiedlichen Cloud-Infrastrukturen im Fokus. Um realistische Bedingungen zu simulieren, wurden vier eigenständige Instanzen der Software aufgesetzt.
Funktionsprüfung unter Realbedingungen
Im Rahmen der Testphase wurden die zentralen Module von Opendesk – darunter Chat-Funktionen, Dateiverwaltung, E-Mail-Systeme und Videokonferenz-Tools – unter Belastung geprüft. Die Auswertung der Szenarien fiel nach Angaben der beteiligten Akteure durchweg positiv aus. Die Suite konnte demnach ihre Funktionsfähigkeit als Instrument für die Notfallkommunikation unter Beweis stellen.
Laut Leonhard Kugler, Geschäftsführer von Zendis, liefert das Projekt den Beleg dafür, dass Opendesk in der Lage ist, schnell und dezentral bereitgestellt zu werden, selbst wenn die Rahmenbedingungen durch eine Krise erschwert sind. Die Stabilität und Zuverlässigkeit der Software unter diesen speziellen Anforderungen gelten als wesentliche Erkenntnisse des Tests.
Integration in europäische Strategien
Die Ergebnisse dieser Untersuchung bleiben nicht auf den deutschen Raum beschränkt. Die gewonnenen Daten und Erkenntnisse sollen direkt in die sogenannte 8ra-Initiative der Europäischen Union einfließen. Diese Initiative verfolgt das übergeordnete Ziel, eine sichere und technologisch souveräne Cloud-Infrastruktur für Europa aufzubauen, um die Abhängigkeit von großen internationalen Anbietern zu verringern.
Ein wachsendes Ökosystem für Open-Source-Lösungen
Das Interesse an Opendesk als Alternative zu etablierten Office-Paketen wie Microsoft 365 nimmt international zu. Die öffentliche Verwaltung sucht verstärkt nach Wegen, um digitale Souveränität zu gewährleisten. Dabei variieren die Erfahrungen und Ansätze je nach Institution:
* **Internationale Organisationen:** Der Internationale Strafgerichtshof hat sich bereits für einen Wechsel auf Opendesk entschieden, nachdem es zu politisch induzierten Vorfällen im Zusammenhang mit Microsoft-Produkten gekommen war.
* **Sicherheitsbehörden:** Die Schweizer Armee plant, die Arbeitsplätze des „Kommando Cyber“ mit der Open-Source-Suite auszustatten.
* **Nationale Verteidigung:** Auch die Bundeswehr hat das Ziel formuliert, Opendesk in Zukunft einzusetzen.
* **Kommunale Ebene:** Städte wie Zürich haben das System bereits auf seine Praxistauglichkeit hin prüfen lassen, wobei die Ergebnisse dort zu einer differenzierten Bewertung führten.
Die erfolgreiche Absolvierung des Krisentests markiert einen weiteren Schritt in der Etablierung von Open-Source-Lösungen innerhalb kritischer Infrastrukturen. Die nächsten Schritte werden zeigen, wie die gewonnenen Erkenntnisse in die breitere Implementierung der 8ra-Initiative integriert werden und inwieweit die Suite in weiteren Behörden als Standard- oder Notfalllösung Einzug halten wird.