Was geschehen ist – die Kernmeldung
Am heutigen Samstag steht der deutsche Sport vor einer richtungsweisenden Entscheidung. Im Kurhaus von Baden-Baden versammeln sich die Mitglieder des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zu einer außerordentlichen Versammlung, um den nationalen Kandidaten für eine zukünftige Bewerbung um die Olympischen Sommerspiele zu bestimmen. Dabei geht es nicht um ein einzelnes Jahr, sondern um einen strategischen Zeitraum, der die Spiele 2036, 2040 oder 2044 umfasst. Die Entscheidung markiert den vorläufigen Höhepunkt eines intensiven Auswahlprozesses, an dem ursprünglich mehrere deutsche Städte und Regionen beteiligt waren. Nach der Auswahl des nationalen Bewerbers durch den DOSB ist vorgesehen, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gemeinsam mit DOSB-Präsident Thomas Weikert das Ergebnis der Abstimmung offiziell verkündet. Dieser Schritt ist essenziell, um als geschlossene Nation in den internationalen Wettbewerb gegen andere interessierte Länder zu treten. Die Veranstaltung wird medial begleitet, wobei die ARD das Ergebnis ab 13.45 Uhr im Ersten sowie via Livestream überträgt, um der Öffentlichkeit den Ausgang dieses bedeutenden Auswahlverfahrens zeitnah zugänglich zu machen.
Die Einzelheiten des Auswahlprozesses
Nachdem sich das Teilnehmerfeld im Vorfeld der Abstimmung deutlich gelichtet hat, verblieben mit München und der Metropolregion Rhein-Ruhr – mit Köln als zentralem Ankerpunkt – zwei ernsthafte Anwärter. Die Evaluierungskommission des DOSB, die in den vergangenen Wochen die Konzepte der Bewerber einer detaillierten Prüfung unterzog, sieht in ihrem am Dienstag veröffentlichten Bericht München minimal im Vorteil. Dennoch bleibt der Ausgang der Wahl offen, da die Entscheidung durch die stimmberechtigten Mitglieder getroffen wird. Insgesamt sind 144 Stimmen zu vergeben, die sich auf die olympischen Spitzenverbände, das Präsidium des DOSB sowie eine Gruppe persönlicher Mitglieder verteilen. Zu diesen persönlichen Mitgliedern zählt unter anderem der Fußballnationalspieler Leon Goretzka. Die Bewerbung aus Rhein-Ruhr besticht durch ihre regionale Verteilung der Wettkampfstätten, was bei einer erfolgreichen Umsetzung die zuschauerstärksten Spiele der Geschichte mit über 17 Millionen Tickets ermöglichen könnte. München hingegen punktet mit einer bereits vorhandenen, erprobten Infrastruktur für Sportgroßereignisse. Die Stadt hat erst kürzlich den Zuschlag für das Champions-League-Finale 2028 und die Leichtathletik-WM 2031 erhalten. Für beide Bewerber besteht die Option, Segelwettbewerbe in Kiel oder Rostock-Warnemünde auszurichten, was an die Tradition der Spiele von 1972 anknüpft.
Hintergrund und bisheriger Verlauf
Der Weg zur heutigen Entscheidung war von zahlreichen Hürden und gescheiterten Anläufen geprägt. Deutschland blickt auf eine ambivalente olympische Geschichte zurück: Während die Sommerspiele 1936 in Berlin von den Nationalsozialisten massiv für Propagandazwecke instrumentalisiert wurden, sollten die Spiele 1972 in München als „heitere Spiele“ in die Historie eingehen. Dieses Ziel wurde jedoch durch das verheerende Attentat auf das israelische Team, bei dem elf israelische Sportler und ein deutscher Polizist ihr Leben verloren, jäh zerstört. In den vergangenen Jahrzehnten scheiterten weitere deutsche Initiativen entweder an der starken internationalen Konkurrenz oder am mangelnden Rückhalt in der eigenen Bevölkerung. Ein prominentes Beispiel hierfür ist Hamburg, wo sich die Bürger im Mai in einem Votum gegen eine Bewerbung aussprachen. Auch Berlin, das bis kurz vor der heutigen Abstimmung noch im Rennen war, zog seine Kandidatur zurück. Dies geschah nach dem Wahlsieg der Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp, die die hohen Kosten kritisierte und den Nutzen für die Hauptstadt in Zweifel zog. Die DOSB-Evaluierung hatte Berlin ohnehin die geringsten Erfolgsaussichten attestiert.
Die beteiligten Akteure
Die politische Unterstützung für das Vorhaben ist auf höchster Ebene gegeben. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat sich klar für eine deutsche Bewerbung ausgesprochen und betont, dass man damit in die Zukunft des Landes investiere. Auch die Landesregierungen in Bayern und Nordrhein-Westfalen signalisieren volle Rückendeckung für ihre jeweiligen Regionen. Eine Schlüsselrolle nimmt der neue Sportstaatsminister Ronald Rauhe ein, der erst Anfang September sein Amt antrat. Der ehemalige Kanu-Olympiasieger von Tokio 2021 setzt sich leidenschaftlich für eine „Generation Olympia“ ein und fordert, dass eine Bewerbung von einer breiten gesellschaftlichen Basis getragen werden muss. Er wünscht sich Kinder als Zielgruppe, die in den Athleten Vorbilder finden können. Auf der Seite der Entscheidungsträger steht der DOSB-Präsident Thomas Weikert, der gemeinsam mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Verantwortung für die offizielle Kommunikation trägt. Steinmeier hat bereits im Vorfeld die historische Verantwortung betont, die insbesondere mit einer möglichen Bewerbung für das Jahr 2036, einhundert Jahre nach den Berliner Spielen, einhergeht.
Einordnung der Situation
Einzuordnen ist die aktuelle Lage als ein Balanceakt zwischen sportlicher Ambition und historischer Sensibilität. Den Berichten zufolge hofft Deutschland durch die bewusste Entscheidung gegen eine Festlegung auf ein konkretes Jahr, die Chancen im internationalen Wettbewerb zu erhöhen. Da die Spiele 2024 in Paris, 2028 in Los Angeles und 2032 in Brisbane stattfinden, rechnen Beobachter damit, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) für 2036 eher einem asiatischen Bewerber den Vorzug geben könnte. Katar, Indien und die Türkei haben bereits ihr Interesse bekundet. Die deutsche Strategie wirkt daher wie ein vorsichtiger Versuch, sich für einen späteren Zeitpunkt in Stellung zu bringen, ohne die Option auf 2036 komplett aufzugeben. Die kritische Debatte um 2036 ist dabei nicht nur eine Frage der historischen Aufarbeitung, sondern auch eine der öffentlichen Akzeptanz. Dass sich die Politik so früh und so deutlich positioniert, zeigt den Willen, das Projekt diesmal auf ein stabileres Fundament zu stellen, als es bei den gescheiterten Versuchen der Vergangenheit der Fall war.
Offene Fragen und Lücken
Trotz der detaillierten Vorbereitungen bleiben wesentliche Aspekte des weiteren Ablaufs ungeklärt. Der Quelltext lässt offen, wie genau der DOSB im Falle einer erfolgreichen nationalen Vorauswahl die Finanzierung und die gesellschaftliche Akzeptanz in der Bevölkerung langfristig sichern will, nachdem es in der Vergangenheit bereits zu Absagen durch Bürgerentscheide kam. Zudem ist unklar, wie die internationale Konkurrenz – insbesondere die Bewerber aus Katar, Indien und der Türkei – ihre Konzepte konkret ausgestalten werden, was einen direkten Vergleich der Erfolgsaussichten erschwert. Eine weitere Lücke betrifft die zeitliche Planung für die Spiele 2040 und 2044. Während das IOC eine Entscheidung für 2036 für das Jahr 2029 in Aussicht gestellt hat, gibt es für die darauffolgenden Jahrzehnte keinerlei verbindliche Zeitpläne oder Entscheidungskriterien. Auch die konkreten Auswirkungen der historischen Belastung durch das Jahr 1936 auf die internationale Bewertung einer deutschen Bewerbung für 2036 bleiben spekulativ, da eine offizielle Einschätzung des IOC hierzu noch aussteht.
Wie es weitergeht
Nach der heutigen Entscheidung in Baden-Baden beginnt für den gewählten deutschen Kandidaten eine Phase der intensiven Vorbereitung. Der DOSB wird in einen Dialog mit dem Internationalen Olympischen Komitee treten, um die Bewerbung für das Zieljahr 2036 zu präzisieren. Ein entscheidender Meilenstein ist dabei das Jahr 2029, für das das IOC die finale Vergabe der Sommerspiele 2036 angekündigt hat. Bis dahin müssen die deutschen Verantwortlichen nicht nur die sportfachlichen Konzepte verfeinern, sondern auch den gesellschaftlichen Rückhalt im Land festigen. Wann genau die Entscheidungen für die Spiele 2040 und 2044 fallen werden, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht terminiert und wird von den weiteren Entwicklungen im Dialog mit dem IOC abhängen. Die kommenden Jahre werden somit von einer kontinuierlichen Abstimmung zwischen dem DOSB, der Bundesregierung und den jeweiligen Landesregierungen geprägt sein, um das Ziel einer „Generation Olympia“ in die Realität umzusetzen.