Was geschehen ist – die Kernmeldung
Die AfD ist bei der vergangenen Bundestagswahl zur stärksten politischen Kraft unter Arbeiterinnen und Arbeitern aufgestiegen. Je nach Erhebung gaben zwischen 30 und 38 Prozent dieser Wählergruppe ihre Stimme für die Partei ab. Doch eine aktuelle, von dem ARD-Magazin Panorama in Auftrag gegebene Studie der Universität Tübingen zeichnet ein völlig anderes Bild der politischen Ausrichtung dieser Partei. Der Politikwissenschaftler Floris Biskamp hat das Grundsatzprogramm sowie sämtliche Wahlprogramme der AfD seit ihrer Gründung im Jahr 2013 einer detaillierten Analyse unterzogen. Das Ergebnis ist eindeutig: Die AfD ist keineswegs eine Partei, die die Interessen der Arbeiterschaft im klassischen Sinne vertritt. Stattdessen verfolgt sie einen konsequent marktliberalen, unternehmensfreundlichen und fiskalkonservativen Kurs. In ihrer wirtschaftspolitischen Programmatik ordnet sich die Partei damit in das Spektrum zwischen der Union und der FDP ein. Die Studie verdeutlicht, dass die AfD nach einer zwischenzeitlichen Phase der inhaltlichen Abmilderung in den Jahren 2021 wieder zu ihrem ursprünglichen, radikal marktliberalen Profil zurückgekehrt ist. Die Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Programmatik und dem Image, das die Partei bei Arbeitern genießt, ist somit eklatant und wirft grundlegende Fragen über die heutige politische Identität dieser Wählergruppe auf.
Die Einzelheiten der Analyse
Für seine Untersuchung nutzte Floris Biskamp verschiedene wissenschaftliche Methoden, darunter quantitative Programmanalysen sowie eine systematische Auswertung der Antworten der AfD auf den Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung. Biskamp fokussierte sich dabei auf wirtschafts- und sozialpolitische Themen wie Steuerpolitik, die Gestaltung von Sozialleistungen, Staatsausgaben und die Regulierung von Märkten. Um die Positionen vergleichbar zu machen, entwickelte er eine Skala von 0 bis 100 Prozent. Dabei stehen 0 Prozent für eine umverteilende, sozialstaatliche Ausrichtung, während 100 Prozent eine maximal marktliberale und unternehmensfreundliche Politik repräsentieren. Die Ergebnisse sind bemerkenswert: Die AfD erreichte bei der Bundestagswahl 2025 einen Wert von 92 Prozent auf dieser Skala. Zum Vergleich: Die FDP lag bei 100 Prozent, die Union bei 79 Prozent. Andere Parteien wie das BSW (29 Prozent), SPD und Grüne (jeweils 25 Prozent) sowie die Linke (8 Prozent) liegen weit entfernt von diesem marktliberalen Pol. Die historische Betrachtung zeigt, dass die AfD 2013 mit 89 Prozent startete, diesen Wert 2017 auf 83 Prozent senkte und 2021 sogar auf 71 Prozent zurückging, bevor sie 2025 ihr bisheriges Maximum erreichte.
Hintergrund und bisheriger Verlauf
Die AfD hat sich in den rund 13 Jahren seit ihrer Gründung im politischen System der Bundesrepublik fest etabliert. Während sie in ihren Anfangsjahren primär als wirtschaftsliberale Protestpartei auftrat, hat sie sich inhaltlich über die Jahre hinweg deutlich nach rechts verschoben. Die Strategie, gezielt Arbeiter als Wählergruppe anzusprechen, ist dabei keineswegs ein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis langfristiger Überlegungen. Bereits im Jahr 2016 dokumentiert ein internes Strategiepapier des AfD-Bundesvorstands, das Panorama vorliegt, das explizite Ziel, "kleine Leute", Arbeiter und Arbeitslose als Kernwähler zu gewinnen. Die Partei erkannte früh, dass sie in der gehobenen Mittelschicht mit einem negativen Image zu kämpfen hatte. Die Lösung bestand darin, die fehlenden Stimmen in den oberen Schichten durch überdurchschnittliche Erfolge bei den sogenannten "kleinen Leuten" zu kompensieren. Biskamp betont, dass die Partei dabei vor allem an ihrem Image arbeitete, während die wirtschaftspolitische Programmatik im Kern marktliberal blieb. Die aktuelle Studie bestätigt, dass dieser strategische Fokus auf Arbeiter zwar erfolgreich war, inhaltlich jedoch auf einer Politik basiert, die den ökonomischen Interessen dieser Gruppe objektiv entgegensteht.
Die Beteiligten und ihre Positionen
Der Politikwissenschaftler Floris Biskamp ist der zentrale Akteur der wissenschaftlichen Aufarbeitung. Er liefert die Datenbasis für die kritische Einordnung der AfD-Politik. Auf der Gegenseite steht der AfD-Sozialpolitiker René Springer, der die Interpretation der Studie entschieden zurückweist. Springer argumentiert, dass die SPD und andere etablierte Parteien eine "riesige Repräsentationslücke" hinterlassen hätten, die die AfD nun ausfülle. Er definiert die Interessen der Arbeiter nicht mehr primär über ökonomische Verteilungsfragen, sondern über Begriffe wie "Heimat, Familie und Leistung". Springer räumt zwar ein, dass diese Werte nicht exklusiv von Arbeitern geteilt werden, sieht darin aber dennoch den Kern der AfD-Ansprache. Unterstützt wird die kritische Sichtweise durch Berechnungen des ZEW Mannheim, die vor der Bundestagswahl 2025 zeigten, dass die steuerpolitischen Vorschläge der AfD überproportional Wohlhabenden und Menschen mit hohen Einkommen zugutekommen würden. Springer kontert diese Kritik, indem er auf indirekte Abgaben wie die CO2-Bepreisung verweist, deren Abschaffung die AfD fordert. Dass auch diese Maßnahme aufgrund des höheren CO2-Ausstoßes von Wohlhabenden diesen überdurchschnittlich nützen würde, bleibt ein zentraler Streitpunkt in der ökonomischen Debatte.
Einordnung der politischen Dynamik
Einzuordnen ist das Phänomen der AfD-Wähler unter Arbeitern laut Biskamp vor allem durch den Wandel des politischen Konflikts. Der klassische Verteilungskonflikt zwischen "oben und unten" – also die Frage nach Löhnen, Vermögenssteuern und sozialer Gerechtigkeit – hat im politischen Wettbewerb massiv an Bedeutung verloren. Dies liegt den Berichten zufolge auch daran, dass sich Arbeiter heute seltener in klassischen Milieus wie Gewerkschaften oder Arbeitersportvereinen sozialisieren. Die AfD nutzt dieses Vakuum, indem sie eine alternative Deutung anbietet. Anstelle des ökonomischen Konflikts setzt die Partei auf ein Narrativ von "innen gegen außen". René Springer bringt dies im Interview auf den Punkt: Die soziale Frage des 21. Jahrhunderts sei nicht mehr die Verteilung von Reichtum, sondern der Schutz vor Migration und Globalisierung. Das Ziel ist es, die Aufmerksamkeit von den Reichen auf die Zuwanderung zu lenken. Die AfD suggeriert dabei, dass das Sozialsystem durch Migranten gefährdet sei, und positioniert sich als Schutzmacht der Einheimischen. Diese Umdeutung der sozialen Frage ist der entscheidende Mechanismus, der es der Partei ermöglicht, trotz ihrer marktliberalen Programmatik bei Arbeitern zu punkten.
Offene Fragen zur politischen Zukunft
Der Quelltext lässt einige Fragen offen, die für das Verständnis der weiteren politischen Entwicklung von zentraler Bedeutung sind. Zunächst bleibt unklar, wie lange das Narrativ von "innen gegen außen" seine Wirkung bei der Arbeiterschaft entfalten kann, sollte sich die wirtschaftliche Lage für diese Gruppe weiter verschlechtern, ohne dass die AfD konkrete sozialpolitische Entlastungen liefert. Es wird nicht explizit beantwortet, ob die Wähler der AfD die marktliberale Ausrichtung der Partei schlichtweg nicht wahrnehmen oder ob sie diese bewusst zugunsten der migrationspolitischen Positionen in Kauf nehmen. Ebenso fehlen im vorliegenden Material detaillierte Analysen dazu, wie die anderen Parteien konkret auf die "Repräsentationslücke" reagieren könnten, ohne lediglich in einen populistischen Wettbewerb zu treten. Die Studie gibt zwar Hinweise darauf, dass rein sozialpolitische Versprechen nicht ausreichen, doch welche konkreten Maßnahmen den Glauben an den Wohlfahrtsstaat wiederherstellen könnten, bleibt eine offene, komplexe Frage für die politische Praxis. Auch die langfristigen Auswirkungen der AfD-Politik auf die soziale Ungleichheit in Deutschland werden nur in Ansätzen durch das ZEW Mannheim beleuchtet.
Wie es weitergeht und Ausblick
Die politische Auseinandersetzung um die Ausrichtung der Arbeiterwähler bleibt hochaktuell. Mit Blick auf anstehende Wahlen, wie etwa die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der der Wahl-O-Mat bereits online geschaltet wurde, zeigt sich, dass die Parteien weiterhin um diese Wählergruppe buhlen. Für die anderen Parteien ergibt sich aus der Studie von Biskamp die Notwendigkeit, nicht nur über sozialpolitische Angebote zu kommunizieren. Vielmehr müssten sie daran arbeiten, dass die Wähler den Staat und den Wohlfahrtsstaat wieder als Instrumente wahrnehmen, die ihre Lebensbedingungen aktiv verbessern. Diese Wahrnehmung ist in den letzten Jahrzehnten stark erodiert. Ob und wie die Parteien diesen Vertrauensverlust aufarbeiten können, ist eine der zentralen Herausforderungen für die kommenden Jahre. Die AfD hingegen wird voraussichtlich an ihrer Strategie festhalten, die soziale Frage kulturell zu überlagern. Die Debatte darüber, ob die AfD eine Arbeiterpartei ist oder lediglich eine Partei, die Arbeiter als strategische Zielgruppe nutzt, wird die politische Landschaft in Deutschland weiter prägen, während die inhaltliche Kluft zwischen dem Parteiprogramm und den sozioökonomischen Realitäten der Wähler bestehen bleibt.