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Streit um den Sabbat in Israel: Ein Café als Ort des Kulturkampfs
Politik · 15.08.2026 13:43

Streit um den Sabbat in Israel: Ein Café als Ort des Kulturkampfs

Kurz: Das Café Basimta in Jerusalem ist zum Brennpunkt eines Kulturkampfes geworden: Ultraorthodoxe und säkulare Israelis streiten über die Öffnung am Sabbat.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

In Jerusalem hat sich das Café Basimta, versteckt in einem Hinterhof des Viertels Nachlaot, zu einem Schauplatz tiefgreifender gesellschaftlicher Spannungen entwickelt. Jeden Samstag, dem jüdischen Ruhetag, prägen dort nun regelmäßig Proteste das Bild. Ultraorthodoxe Juden, die sogenannten Haredim, versammeln sich vor dem Lokal, um gegen dessen Öffnung am Sabbat zu demonstrieren. Ihnen gegenüber stehen säkulare Israelis, die das Café demonstrativ besuchen, um ihren Kaffee zu trinken. Die Polizei ist gezwungen, regelmäßig Absperrgitter zu errichten, um die beiden Gruppierungen voneinander fernzuhalten und gewaltsame Auseinandersetzungen zu verhindern. Was vordergründig wie ein lokaler Streit um die Öffnungszeiten eines Gastronomiebetriebs erscheint, ist in Wahrheit ein hochgradig aufgeladener Kulturkampf. Es geht um die fundamentale Frage nach der Identität des Staates Israel, das Gleichgewicht zwischen religiösen Gesetzen und liberalen Freiheiten sowie die zukünftige Ausrichtung des öffentlichen Lebens. Die Situation hat sich in den vergangenen Wochen so weit zugespitzt, dass das Café für viele Bürger zu einem Symbol für den Erhalt säkularer Lebensweisen geworden ist, während es für die protestierenden Ultraorthodoxen einen Affront gegen ihre religiösen Werte darstellt.

Die Einzelheiten des Konflikts

Die Protagonisten des Geschehens sind vielfältig. Adel Ben David, die ursprünglich aus Berlin stammt, betreibt das Café Basimta gemeinsam mit ihrem Ehemann Yoel Ben David. Das Paar ist mit der Organisation „Juden für Jesus“ verbunden, einer Bewegung, die jüdische Identität mit dem christlichen Glauben an Jesus als Messias verknüpft. Adel Ben David beschreibt die wöchentlichen Proteste als psychisch belastend, da die Intensität der Auseinandersetzungen jedes Mal schwer einzuschätzen sei. Dennoch zeigt sie sich entschlossen, den Betrieb nicht einzustellen. Sie befürchtet, dass ein Nachgeben den Protestierenden signalisieren würde, dass sie durch Druckausübung jeden Ort zur Schließung zwingen können. Auf der Gegenseite steht Laura Wharton, eine säkulare Israelin, die regelmäßig zum Café kommt, um ihre Unterstützung zu zeigen. Sie betont, dass es ihr um das grundlegende Recht geht, den Alltag am Sabbat selbst zu bestimmen. Für sie ist der Besuch des Cafés ein Akt der Freiheit. Ein weiterer Unterstützer, Haim Omri, sieht in seiner Anwesenheit ein notwendiges Signal gegen den wachsenden religiösen Einfluss. Er äußert die Sorge, dass die säkulare Lebensweise in ein oder zwei Generationen in Israel nicht mehr in der heutigen Form existieren könnte.

Hintergrund und bisheriger Verlauf

Der Konflikt zwischen religiösen und säkularen Teilen der israelischen Gesellschaft ist keineswegs ein neues Phänomen, sondern begleitet den Staat seit seiner Gründung. In jüngster Zeit hat er jedoch massiv an Bedeutung gewonnen, da sich die demografische Struktur des Landes spürbar verändert. Ultraorthodoxe Juden machen derzeit bereits mehr als 14 Prozent der israelischen Bevölkerung aus. Aufgrund ihrer hohen Geburtenraten prognostizieren Experten, dass dieser Anteil bis zum Jahr 2050 auf etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung anwachsen könnte. Diese demografische Verschiebung wird von vielen säkularen Israelis nicht nur als statistische Größe wahrgenommen, sondern als eine existenzielle politische Herausforderung begriffen. Die Angst vor einer schleichenden religiösen Vereinnahmung des öffentlichen Raums wächst. Das Café Basimta ist in diesem Kontext lediglich der Ort, an dem sich diese seit Jahren schwelenden Spannungen nun entladen. Die Auseinandersetzung ist in den letzten Wochen eskaliert, da die Fronten zwischen denjenigen, die eine strikte Ausrichtung des Staates an religiösen Gesetzen fordern, und denjenigen, die auf liberalen, demokratischen Grundwerten beharren, immer unversöhnlicher aufeinandertreffen.

Die Beteiligten und ihre Positionen

Die Akteure in diesem Konflikt verfolgen sehr unterschiedliche Ziele. Die Betreiber des Cafés, Adel und Yoel Ben David, sehen sich in der Pflicht, ihre unternehmerische Freiheit und ihre Identität zu verteidigen. Sie betrachten den Widerstand als eine Frage des Prinzips. Laura Wharton agiert als Vertreterin der säkularen Bürger, die eine Regierung fordern, die sich konsequent an liberalen Werten orientiert. Haim Omri repräsentiert die wachsende Sorge der säkularen Bevölkerung vor einer Zukunft, in der religiöse Regeln den Alltag dominieren könnten. Interessanterweise gibt es auch innerhalb der religiösen Gemeinschaft differenzierte Stimmen. Rabbi Yitzchak Goldstein, der eine religiöse Schule in der Jerusalemer Altstadt leitet, zeigt zwar inhaltliches Verständnis für die Ablehnung der Sabbat-Öffnung, distanziert sich jedoch scharf von der Art und Weise der Proteste. Er warnt davor, dass niemand das Recht habe, anderen Menschen seine eigene Lebensweise mit Gewalt oder Zwang aufzudrängen. Diese Haltung verdeutlicht, dass selbst innerhalb der religiösen Kreise eine Debatte über die Grenzen der Einflussnahme auf die öffentliche Ordnung stattfindet.

Einordnung der Situation

Einzuordnen ist das Geschehen vor dem Café Basimta als ein Symptom für die tiefgreifende Identitätskrise Israels. Den Berichten zufolge steht das Land vor der Herausforderung, den Spagat zwischen einem jüdischen Staat und einer modernen, demokratischen Gesellschaft zu bewältigen. Die Frage, wie viel Raum religiöse Gruppen im öffentlichen Leben einnehmen dürfen, berührt den Kern des gesellschaftlichen Konsenses. Wenn säkulare Israelis das Café als Symbol für ihre Freiheit betrachten, dann deshalb, weil sie den Sabbat nicht nur als religiösen Ruhetag, sondern als einen Bereich sehen, in dem ihre persönliche Autonomie in Gefahr ist. Die Proteste der Ultraorthodoxen hingegen speisen sich aus dem Wunsch, den Sabbat als heiligen Tag vor einer als säkular empfundenen Kommerzialisierung zu schützen. Die Einordnung der Experten deutet darauf hin, dass die demografische Entwicklung den Druck auf diesen Konsens weiter erhöhen wird. Der Konflikt ist somit kein bloßer Streit um Öffnungszeiten, sondern ein Ringen um die künftige Definition des Staates Israel selbst.

Offene Fragen und Ausblick

Der vorliegende Quelltext lässt einige wesentliche Fragen unbeantwortet. So bleibt unklar, ob es rechtliche Schritte gegen die Protestierenden oder das Café gibt, die über die bloße Polizeipräsenz hinausgehen. Es wird nicht erläutert, welche Rolle die Stadtverwaltung von Jerusalem oder die nationale Regierung in diesem spezifischen Fall einnehmen oder ob es Vermittlungsversuche gibt. Auch bleibt offen, wie die Polizei die Kosten und den personellen Aufwand für die wöchentlichen Absperrungen langfristig bewerten wird. Ebenso wenig ist bekannt, ob die Betreiber des Cafés bereits Drohungen erhalten haben oder ob die Auseinandersetzungen bereits zu Sachbeschädigungen geführt haben. Was die Zukunft betrifft, so deuten die Aussagen der Beteiligten darauf hin, dass keine Seite bereit ist, von ihrer Position abzurücken. Die Proteste werden voraussichtlich an den kommenden Samstagen fortgesetzt. Es gibt keine Anzeichen für eine baldige Entspannung; vielmehr droht der Konflikt bei einem weiteren Anwachsen der ultraorthodoxen Bevölkerungsgruppe an Intensität zuzunehmen, da die gesellschaftliche Polarisierung über die Frage der religiösen Prägung des Staates weiter an Fahrt gewinnt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/beleuchtet-stillleben-montiert-wandlampe-8706503/ · Foto: Arina Dmitrieva
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/asien/sabbat-kulturkampf-israel-100.html