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Salzburger Festspiele: Diese Inszenierung muss man gesehen haben
Kultur · 05.08.2026 14:19

Salzburger Festspiele: Diese Inszenierung muss man gesehen haben

Kurz: Romeo Castelluccis Inszenierung von Olivier Messiaens „Saint François d’Assise“ bei den Salzburger Festspielen setzt ein kraftvolles Zeichen gegen den Zeitgeist

Ein später Triumph am Ende einer Ära

Die Neuinszenierung von Olivier Messiaens Monumentaloper „Saint François d’Assise“ bei den Salzburger Festspielen markiert einen künstlerischen Höhepunkt, der für den scheidenden Intendanten Markus Hinterhäuser eine besondere Bedeutung hat. Nach dem vorzeitigen Ende seiner Intendanz, die von Spannungen mit dem Kuratorium der Festspiele geprägt war, erweist sich diese Produktion als ein nachdrücklicher Erfolg. Während Hinterhäusers Abschied von politischen und administrativen Querelen überschattet wurde, setzt das Bühnenwerk ein deutliches Ausrufezeichen.

Radikale Menschlichkeit auf der Bühne

Regisseur Romeo Castellucci, der in der Vergangenheit oft für seine stark selbstbezogenen Arbeiten bekannt war, findet in diesem Stück zu einer seltenen, unmittelbaren Klarheit. Er wählt einen Ansatz, der den Heiligen Franziskus nicht als idealisierte Figur zeigt, sondern dessen radikale Nachfolge Christi in den Mittelpunkt stellt. Dabei geht es um die Verteidigung der Würde des Menschen, selbst in dessen erbärmlichstem Zustand.

Ein zentraler Moment der Oper ist die Begegnung des Heiligen mit einem Aussätzigen. Castellucci inszeniert diese Szene mit einer Intensität, die den Zuschauer fordert: Ein nackter, gezeichneter Darsteller wird von Philippe Sly, der den Franziskus mit einer beeindruckenden, leisen Eindringlichkeit verkörpert, gewaschen. Trotz der Gefahr, in eine Art „Elendspornographie“ abzugleiten, bewahrt die Inszenierung durch die rituelle Strenge der Musik und die Ruhe der Bewegungen die Würde des Dargestellten.

Widerstand gegen den Zeitgeist

In einer Zeit, in der Themen wie Eugenik und Sterbehilfe zunehmend den gesellschaftlichen Diskurs prägen, wirkt die Inszenierung wie ein Akt des Widerstands. Castellucci stellt sich gegen eine moderne Ästhetik, die den Glauben oft als psychische Störung abtut. Stattdessen betont er die christliche Tradition, in der gerade das Hässliche, Kranke und Ausgestoßene eine göttliche Würde erfährt. Der Regisseur bricht dabei bewusst mit dem geschönten Bild des Heiligen, wie es etwa der Maler Giotto über Jahrhunderte geprägt hat, und rückt das Unscheinbare und Schmerzhafte in den Fokus.

Musikalische Präzision und visuelle Kargheit

Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Maxime Pascal, der die Wiener Philharmoniker zu einer konzentrierten Leistung führt. Das Orchester verlässt dabei seine gewohnten Pfade und meistert die komplexen, ornithologisch inspirierten Rhythmen Messiaens mit hoher Präzision. Auch der Chor der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor überzeugt unter der Einstudierung von Jozef Chabroň.

Die Bühne selbst ist von einer kargen, aber aufwendigen Ästhetik geprägt. Die vier Elemente – Erde, Feuer, Wasser und Luft – spielen eine zentrale Rolle. Die Inszenierung nimmt sich Zeit: Durch komplexe Umbauphasen verlängert sich die Aufführungsdauer auf siebeneinhalb Stunden. Dennoch bleibt die Spannung erhalten, etwa wenn der Engel, verkörpert durch die Sopranistin Lauranne Oliva, die von den Mönchen geformten Tonkrüge zertritt – ein Symbol dafür, dass menschliches Wirken nicht der göttlichen Vorsehung vorgreifen sollte.

Ein bleibender Eindruck

Mit dieser Arbeit ist Castellucci eine Verteidigung der kreatürlichen Existenz gelungen. Die Inszenierung fordert das Publikum heraus, sich mit der „Würde des Erbärmlichen“ auseinanderzusetzen, und bietet einen Gegenentwurf zu einer konsumorientierten Welt. Für die Salzburger Festspiele stellt dieses Werk eine künstlerische Leistung dar, die weit über die aktuellen Personaldebatten hinaus Bestand haben dürfte.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/kunst-luxus-innere-interior-18820281/ · Foto: Aleksandar Spasojevic
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/oper/saint-francois-dassise-bei-den-salzburger-festspielen-accg-201096912.html