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Sachsen-Anhalt: Langsamstes Konzert soll 2640 enden
Kultur · 03.08.2026 07:05

Sachsen-Anhalt: Langsamstes Konzert soll 2640 enden

Kurz: In Halberstadt läuft seit 25 Jahren das langsamste Konzert der Welt. Das Orgelstück von John Cage soll erst im Jahr 2640 enden – ein Projekt für Generationen.

Ein musikalischer Zeitraffer in der Burchardi-Kirche

In der Sankt-Burchardi-Kirche in Halberstadt findet eine Aufführung statt, die jede menschliche Lebensspanne sprengt. Seit einem Vierteljahrhundert erklingt dort ein Orgelstück, das auf eine Gesamtdauer von 639 Jahren ausgelegt ist. Was für Besucher wie ein sanftes, maschinenartiges Wummern klingt, ist die Umsetzung der Komposition „ORGAN2/ASLSP“ des amerikanischen Avantgarde-Künstlers John Cage. Die Spielanweisung ist dabei so simpel wie radikal: Das Stück soll „so langsam wie möglich“ interpretiert werden.

Nach 25 Jahren sind erst knapp vier Prozent der geplanten Zeit verstrichen. Das Projekt, das in den Räumlichkeiten eines ehemaligen Zisterzienserinnenklosters beheimatet ist, hat sich zu einem Ort der dauerhaften, aber extrem entschleunigten Musikdarbietung entwickelt.

Die Mechanik des Klangwechsels

Das Konzert folgt keinem klassischen Rhythmus. Statt einer kontinuierlichen Melodie erleben Zuhörer in unregelmäßigen Abständen sogenannte Klangwechsel. Dabei werden neue Orgelpfeifen hinzugefügt oder entfernt, was den Klangteppich im Kirchenraum verändert. Am 5. August steht der 17. dieser Wechsel an, bei dem ein weiteres a' ergänzt wird, um einen Acht-Klang zu erzeugen.

Die mathematische Grundlage für diese Aufführung ist eng mit der Geschichte der Stadt verknüpft. Die Zahl 639 leitet sich aus der Historie der Blockwerkorgel von Nicolaus Faber im Halberstädter Dom ab: Vom Jahr 2000 an gerechnet, war dieses Instrument zu diesem Zeitpunkt genau 639 Jahre fertiggestellt. In der Konsequenz entspricht eine Zeitspanne von 0,2 Sekunden der ursprünglichen Uraufführung in Metz heute einem ganzen Monat in Halberstadt.

Herausforderungen und ehrenamtliches Engagement

Der Weg bis zum heutigen Stand war von Hürden geprägt. Zu Beginn im Jahr 2001 startete das Projekt mit einer langen Pause, bevor 2003 die ersten Töne erklangen. Eine Neuberechnung im Jahr 2004 ergab, dass der erste Klangwechsel elf Monate zu früh erfolgt war – ein Fehler, der durch eine verlängerte Pause in den darauffolgenden Jahren wieder ausgeglichen werden konnte. Auch finanzielle Engpässe und interne Differenzen begleiteten die Anfangsjahre.

Heute wird das Projekt von der John-Cage-Orgel-Stiftung Halberstadt getragen. Die Leitung liegt bei der Geoökologin Anneli Borgmann, die das Projekt als ein Unterfangen beschreibt, das Zuversicht über Generationen hinweg vermitteln soll. Die Arbeit wird fast ausschließlich von Ehrenamtlichen geleistet, die auf Spenden und Stiftungen angewiesen sind. Trotz der internationalen Bekanntheit ist das Projekt keine klassische, staatlich finanzierte Kultureinrichtung, sondern ein fragiles Gebilde, das auf kontinuierliche Unterstützung angewiesen ist.

Perspektiven für die ferne Zukunft

Um die Finanzierung langfristig zu sichern, setzt die Stiftung auf kreative Ansätze. Neben der „cage academy“, die Meisterkurse für zeitgenössische Vokalmusik anbietet, werden Fördertafeln an den Wänden der Kirche verkauft. Ein besonderes Instrument der Mittelbeschaffung sind die sogenannten „Final Tickets“.

Diese vererbbaren Eintrittskarten berechtigen den Inhaber oder dessen Nachfahren zur Teilnahme an der Abschlussveranstaltung am 4. September 2640. Insgesamt 2640 dieser Tickets, die jeweils 2640 Euro kosten, sollen dazu beitragen, ein Stiftungskapital aufzubauen, von dem künftige Generationen profitieren können. Laut der Kuratoriumsvorsitzenden Borgmann ist der Verkauf dieser Tickets bereits erfolgreich angelaufen.

Das Projekt in Halberstadt bleibt damit ein Unikat: Ein Ort, an dem Musik nicht konsumiert, sondern als ein über Jahrhunderte andauernder Prozess verstanden wird, der weit über die Akteure der Gegenwart hinausreicht.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/wahrzeichen-gebaude-reise-reisen-19074981/ · Foto: Siegfried Poepperl
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/konzert-in-halberstadt-dauert-639-jahre-accg-201089396.html