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Rotierende Raumzeit: Neu entdeckter Stern prüft Theorien zu schwarzen Löchern
Technik · 22.08.2026 07:44

Rotierende Raumzeit: Neu entdeckter Stern prüft Theorien zu schwarzen Löchern

Kurz: Astronomen haben den Stern S301 entdeckt, der Sagittarius A* extrem nahe kommt. Seine Bahn ermöglicht neue Tests zur rotierenden Raumzeit und Relativität.

Einzigartige Entdeckung im Zentrum der Milchstraße

Einem Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für extraterrestrische Physik in Garching ist ein bedeutender Durchbruch in der astrophysikalischen Beobachtung gelungen. Nach einer intensiven, insgesamt 40 Jahre andauernden Identifizierungsphase konnte der Stern S301 ausfindig gemacht werden. Dieser Himmelskörper zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Eigenschaft aus: Er bewegt sich auf einer elliptischen Bahn, die ihn in extrem geringer Distanz an Sagittarius A* vorbeiführt, dem massereichen schwarzen Loch im Zentrum unserer Galaxie. Die Entdeckung ist deshalb so bemerkenswert, weil S301 im Vergleich zu seiner direkten stellaren Umgebung eine deutlich geringere Leuchtkraft aufweist – er ist um den Faktor 100.000 lichtschwächer als die ihn umgebenden Sterne. Dennoch gelang es den Wissenschaftlern, das Objekt präzise zu isolieren und seine Flugbahn über einen langen Zeitraum hinweg exakt zu verfolgen. Diese Beobachtungen eröffnen nun völlig neue Möglichkeiten, um grundlegende physikalische Theorien zur Gravitation und zur Struktur der Raumzeit unter extremen Bedingungen zu überprüfen, die bisher nur theoretisch modelliert werden konnten.

Technische Details und die Beobachtungsmethodik

Die Identifizierung und kontinuierliche Überwachung von S301 war nur durch den Einsatz modernster astronomischer Instrumente möglich. Zum Einsatz kam das Instrument namens Gravity, welches am Very Large Telescope der europäischen Südsternwarte in Chile installiert ist. Die Datenlage ist beeindruckend: Der Stern nähert sich dem schwarzen Loch Sagittarius A* auf eine Distanz von lediglich zwei Milliarden Kilometern an. Zum Vergleich: Dies entspricht etwa der Entfernung zwischen unserer Sonne und dem Planeten Saturn. Alle 8,7 Jahre erreicht S301 den sonnennächsten Punkt seiner elliptischen Umlaufbahn, dem sogenannten Periastron. Kein anderes bisher bekanntes astronomisches Objekt vollzieht einen derart nahen Vorbeiflug an einem schwarzen Loch in einem derart kurzen Zeitintervall. Diese hohe Frequenz und die extreme Nähe zum Ereignishorizont machen S301 zu einem idealen Testobjekt für die Astrophysik. Die präzise Vermessung seiner Bahnkurve liefert dabei Daten, die weit über das hinausgehen, was mit herkömmlichen Beobachtungsmethoden bisher erreichbar war, und stellt die Wissenschaft vor neue Herausforderungen bei der Interpretation der gravitativen Wechselwirkungen.

Die physikalische Herausforderung der rotierenden Raumzeit

Die Beobachtung von S301 ist deshalb so aufschlussreich, weil die klassische Physik hier an ihre Grenzen stößt. Die Flugbahn des Sterns lässt sich nicht mehr allein durch die Newtonschen Gravitationsgesetze erklären. Selbst die vereinfachte Schwarzschild-Lösung der allgemeinen Relativitätstheorie, die zwar die Raumzeitkrümmung durch eine massive Kugel beschreibt, greift hier zu kurz. Das Problem liegt in der Rotation des schwarzen Lochs selbst: Sagittarius A* rotiert, und diese Rotation reißt die Raumzeit in unmittelbarer Nähe mit sich. Dieses Phänomen erfordert eine komplexere mathematische Beschreibung. Die Wissenschaftler müssen nun auf die sogenannte Kerr-Metrik zurückgreifen, um die Verzerrung der Raumzeit im Nahbereich des schwarzen Lochs korrekt abzubilden. Da S301 so tief in diesen Bereich eindringt, in dem die rotierende Masse des schwarzen Lochs die Geometrie der Raumzeit maßgeblich beeinflusst, liefert er die notwendigen Messdaten, um die Gültigkeit dieser komplexen mathematischen Modelle unter realen Bedingungen im Universum zu verifizieren oder gegebenenfalls zu korrigieren.

Die Akteure hinter der Entdeckung

Die federführende Institution hinter diesem Projekt ist das Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik mit Sitz in Garching. Das dortige Forschungsteam hat über vier Jahrzehnte hinweg die notwendige Vorarbeit geleistet, um S301 überhaupt als eigenständiges Objekt zu identifizieren. Unterstützt wurde diese Arbeit maßgeblich durch die Infrastruktur der europäischen Südsternwarte in Chile, deren Very Large Telescope die entscheidende technologische Basis für die Beobachtungen darstellt. Die Beteiligten stehen nun vor der Aufgabe, die über die nächsten zehn Jahre gesammelten Daten auszuwerten. Es handelt sich um ein langfristig angelegtes Forschungsvorhaben, das auf der Zusammenarbeit internationaler Experten basiert, die sich mit der Erforschung von schwarzen Löchern und der allgemeinen Relativitätstheorie beschäftigen. Die wissenschaftliche Gemeinschaft blickt gespannt auf die Ergebnisse, da sie das Potenzial haben, unser Verständnis von der Beschaffenheit schwarzer Löcher grundlegend zu verändern und bestehende physikalische Annahmen auf eine harte Probe zu stellen.

Einordnung der wissenschaftlichen Relevanz

Einzuordnen ist diese Entdeckung als ein entscheidender Test für das sogenannte No-Hair-Theorem. Dieses besagt, dass ein schwarzes Loch vollständig durch lediglich drei physikalische Parameter beschrieben werden kann: seine Masse, seinen Drehimpuls und seine elektrische Ladung. Den Berichten zufolge herrscht in der Physik bisher jedoch Uneinigkeit darüber, ob diese vereinfachte Darstellung der Realität tatsächlich gerecht wird oder ob schwarze Löcher eine komplexere innere Struktur aufweisen, die über diese drei Werte hinausgeht. Sollten die Beobachtungen von S301 Abweichungen von der Kerr-Metrik zeigen, könnte dies darauf hindeuten, dass das No-Hair-Theorem nicht in der angenommenen Form gilt. Die Wissenschaftler hoffen, durch die präzise Vermessung der Bahnkurve des Sterns über das kommende Jahrzehnt hinweg den Nachweis oder die Widerlegung dieses Theorems erbringen zu können. Es geht hierbei um die fundamentale Frage, wie Materie und Raumzeit in den extremsten Umgebungen des Kosmos interagieren und ob unsere mathematischen Modelle die Natur korrekt abbilden.

Offene Fragen und zukünftige Forschungsziele

Obwohl die Entdeckung von S301 einen signifikanten Fortschritt darstellt, bleiben zahlreiche Fragen unbeantwortet. Der Quelltext lässt offen, welche spezifischen technologischen Hürden bei der Datenverarbeitung der Gravity-Instrumente in den kommenden Jahren zu erwarten sind und wie genau die Fehleranfälligkeit bei der Messung in der extremen Nähe des schwarzen Lochs minimiert werden soll. Ebenso bleibt unklar, welche alternativen physikalischen Theorien in Betracht gezogen werden, falls die Kerr-Metrik die Beobachtungsdaten nicht vollständig erklären kann. Auch die Frage nach der Entstehungsgeschichte von S301 und wie er in seine spezifische Umlaufbahn geraten ist, wird nicht explizit thematisiert. Die kommenden zehn Jahre sind als Beobachtungszeitraum festgesetzt, in denen das Forschungsteam kontinuierlich Daten sammeln wird. Ob nach Ablauf dieser Dekade eine abschließende Antwort zum No-Hair-Theorem vorliegen wird oder ob weitere Beobachtungszyklen notwendig sein werden, bleibt abzuwarten. Die wissenschaftliche Welt wartet nun auf die ersten Zwischenergebnisse dieser langfristigen Messkampagne, die klären sollen, ob die Raumzeit um Sagittarius A* tatsächlich den theoretischen Vorhersagen folgt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/computer-monitor-bildschirm-coronavirus-8875613/ · Foto: cottonbro studio
Quelle: https://www.golem.de/news/rotierende-raumzeit-neu-entdeckter-stern-prueft-theorien-zu-schwarzen-loechern-2608-212134.html