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Robert Macfarlane: „Wer ist dieser Vogel?“
Technik · 31.07.2026 19:44

Robert Macfarlane: „Wer ist dieser Vogel?“

Kurz: Robert Macfarlane widmet sich in seinem neuen Werk der Vogelwelt. Doch statt biologischer Präzision dominieren poetische Metaphern und inhaltliche Schwächen.

Ein literarischer Blick auf die gefiederte Welt

Das Verhältnis zwischen Mensch und Natur ist ein zentrales Thema zeitgenössischer Sachbücher. Mit „Das Buch der Vögel“ legt der britische Autor Robert Macfarlane, illustriert von Jackie Morris, eine Sammlung vor, die den Anspruch erhebt, die Vogelwelt durch eine poetische Brille neu zu betrachten. Während klassische Nachschlagewerke wie der „Brockhaus“ den Fokus auf biologische Fakten, Fortpflanzung und Schutzfunktionen legen, wählt Macfarlane einen deutlich emotionaleren und metaphorischen Ansatz.

Zwischen Poesie und rhetorischer Überladung

Macfarlanes Schreibstil ist geprägt von einer hohen Dichte an sprachlichen Bildern, die jedoch bei genauerer Betrachtung an ihre Grenzen stoßen. Anstatt die Vögel in ihrer natürlichen Umgebung präzise zu beschreiben, verliert sich der Text häufig in einer Aneinanderreihung von Metaphern. Kritiker werfen dem Autor vor, die Aufmerksamkeit des Lesers stärker auf die eigene Sprachgewalt als auf das eigentliche Objekt der Beobachtung zu lenken.

Beispiele für diese Art der Darstellung finden sich zahlreich im Werk:

* Die Singdrossel wird mit einem „DJ-Gedächtnis“ für Melodien verglichen.

* Der Fischadler wird als „Silberdieb“ inszeniert, der die „Safes“ der Flüsse knackt.

* Das Alpenschneehuhn wird schlicht als „reiner Berg“ bezeichnet.

Diese Formulierungen führen dazu, dass die biologische Realität hinter einer Fassade aus rhetorischem Ehrgeiz zurücktritt. Der Autor scheint dabei weniger an einer sachlichen Vermittlung ornithologischer Kenntnisse interessiert zu sein, als vielmehr an einer subjektiven Identifikation mit den Tieren.

Herausforderungen bei der Bestimmung

Wer das Buch als Bestimmungsführer nutzen möchte, wird laut Kritikern enttäuscht. Die Illustrationen von Jackie Morris sind zwar ästhetisch ansprechend, bieten jedoch nicht die für eine exakte Artenbestimmung notwendige Detailtiefe. Ornithologen und interessierte Laien sind hier nach wie vor mit etablierten Standardwerken wie dem „Kosmos-Vogelführer“ von Lars Svensson besser beraten, deren Illustrationen durch Killian Mullarney und Dan Zetterström eine wissenschaftliche Verlässlichkeit bieten, die Macfarlanes Werk vermissen lässt.

Mängel in der fachlichen Genauigkeit

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die terminologische Präzision. In der deutschen Übersetzung durch Daniela Seel zeigen sich Schwächen, die über bloße Stilfragen hinausgehen. So werden Artnamen teils ungenau übersetzt oder verallgemeinert:

* Die „Tern“ (Flussseeschwalbe) wird im Original unspezifisch benannt.

* Der „Sparrow“ wird im Deutschen lediglich als „Spatz“ geführt, was die Unterscheidung zwischen verschiedenen Arten wie dem Haus- oder Feldsperling erschwert.

* Die „Skylark“ wird zur bloßen „Lerche“ verkürzt, womit die präzise Einordnung in die Familie der Sperlingsvögel verloren geht.

Diese Nachlässigkeiten stehen in einem deutlichen Kontrast zum Klappentext, der dem Werk eine „poetische Präzision“ attestiert. In der Praxis erweist sich jedoch, dass der Fokus auf die poetische Komponente zulasten der wissenschaftlichen Sorgfalt geht.

Die Intention hinter dem Werk

Das erklärte Ziel des Autors ist es, durch die Porträts zum Handeln zu animieren, da viele der beschriebenen Arten vom Aussterben bedroht sind. Die Frage bleibt jedoch, inwieweit eine rein metaphorische und teils fachlich ungenaue Darstellung dazu beitragen kann, das Bewusstsein für den Artenschutz effektiv zu schärfen. Während das Buch den Leser dazu einlädt, sich zu fragen „Wer ist dieser Vogel?“, bleibt der praktische Nutzen für den Naturschutz und das Verständnis der ökologischen Zusammenhänge in der Argumentation des Autors weitgehend offen. Für den Leser bleibt somit ein Werk, das eher als literarisches Experiment denn als fundierter Beitrag zur Ornithologie zu verstehen ist.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/vintage-apple-imac-display-in-retro-tech-setup-37148218/ · Foto: Ruben Boekeloo
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sachbuch/robert-macfarlanes-das-buch-der-voegel-poesie-statt-fakten-accg-200953558.html