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Rechenzentren mit eigener Hitze kühlen: Adsorptionskühlung mit neuen Materialien
Technik · 22.07.2026 15:08

Rechenzentren mit eigener Hitze kühlen: Adsorptionskühlung mit neuen Materialien

Kurz: Das Unternehmen Exora nutzt metallorganische Gerüstverbindungen, um Rechenzentren effizienter mit deren eigener Abwärme zu kühlen.

Was geschehen ist: Ein technologischer Durchbruch bei der Kühlung von Rechenzentren

Die effiziente Kühlung von Rechenzentren stellt Betreiber weltweit vor enorme Herausforderungen. Da moderne IT-Infrastrukturen enorme Mengen an Abwärme produzieren, ist die Abführung dieser thermischen Energie ein entscheidender Kosten- und Umweltfaktor. Ein neuartiger Ansatz verspricht nun, dieses Problem durch die Nutzung eben jener Abwärme zu lösen. Das Unternehmen Exora hat auf dem OCP Global Summit des Open Compute Project (OCP) eine Technologie vorgestellt, die auf metallorganischen Gerüstverbindungen, kurz MOFs (Metal-Organic Frameworks), basiert. Das Ziel ist es, die Adsorptionskühlung so zu optimieren, dass sie bereits bei den vergleichsweise niedrigen Temperaturen arbeitet, die in modernen Rechenzentren anfallen. Während herkömmliche Adsorptionssysteme auf hohe Temperaturen angewiesen sind, ermöglicht die neue Materialklasse eine Nutzung der Abwärme ab etwa 35 Grad Celsius. Damit könnte der Strombedarf für die Kühlung von Serverfarmen um bis zu 90 Prozent gesenkt werden, indem die ohnehin vorhandene thermische Energie in den Kältekreislauf zurückgeführt wird. Dieser technologische Fortschritt markiert einen bedeutenden Schritt in Richtung nachhaltigerer Rechenzentren, da er die Abhängigkeit von energieintensiven, konventionellen Kältemaschinen drastisch reduziert und die Energieeffizienz der gesamten IT-Infrastruktur signifikant verbessert.

Die Einzelheiten: Funktionsweise und technische Spezifikationen

Das Prinzip der Adsorptionskältemaschine ist an sich seit über einem Jahrhundert bekannt. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie ohne mechanische Verdichter oder Kompressoren auskommt, was einen leisen Betrieb ermöglicht. Historisch gesehen fand diese Technik Anwendung in Hotel-Minibars oder in Wohnmobilen, wo sie teilweise mit Gasflammen betrieben wurde. Die Herausforderung bei der Anwendung in Rechenzentren liegt jedoch in den spezifischen Temperaturbereichen. Da CMOS-Logikchips empfindlich auf zu hohe Temperaturen reagieren, arbeiten Wasserkühlungen in Rechenzentren üblicherweise mit Rücklauftemperaturen zwischen 30 und maximal 45 Grad Celsius. Herkömmliche Sorptionssysteme, die häufig Zeolithe oder Silikagel als Sorptionsmaterial verwenden, benötigen für eine effiziente Kälteerzeugung Temperaturen von über 60 Grad Celsius. Hier setzen die von Exora genutzten MOFs an. Diese Materialien, für deren Erforschung die Wissenschaftler Susumu Kitagawa, Richard Robson und Omar Yaghi 2025 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet wurden, bestehen aus Metallionen als Eckpfeilern, die durch organische Moleküle verbunden sind. Diese Struktur erzeugt Kristalle mit großen Hohlräumen, die gezielt auf bestimmte Substanzen angepasst werden können. Aktuell betreibt Exora einen Prototyp mit einer Kühlleistung von 3 Kilowatt, um die Machbarkeit des Konzepts unter realen Bedingungen zu demonstrieren.

Hintergrund: Die Entwicklung der Sorptionsmaterialien

Die Geschichte der Adsorptionskühlung ist lang, doch ihre Anwendung in der modernen IT-Welt war bisher durch physikalische Grenzen limitiert. Die Notwendigkeit, Abwärme in Fernwärmenetzen oder zur Kühlung zu nutzen, scheiterte oft an der zu geringen Temperaturqualität der Abwärme aus Servern. Während die Branche lange Zeit auf klassische Sorptionsmittel wie Kieselgel oder Zeolithe angewiesen war, die eine hohe thermische Anregung erforderten, hat die Materialwissenschaft in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Die Entwicklung der metallorganischen Gerüstverbindungen eröffnete völlig neue Möglichkeiten. Diese Materialien sind hochgradig modifizierbar, was bedeutet, dass ihre chemische Zusammensetzung präzise auf die Adsorption von Molekülen bei niedrigen Temperaturen hin optimiert werden kann. Die Verleihung des Nobelpreises für Chemie im Jahr 2025 an die Pioniere auf diesem Gebiet unterstreicht die wissenschaftliche Relevanz dieser Materialklasse. Dass Exora nun diese wissenschaftliche Basis nutzt, um eine industrielle Anwendung für Rechenzentren zu entwickeln, ist die logische Konsequenz aus der Kombination von chemischer Innovation und dem steigenden Bedarf der IT-Industrie an energieeffizienten Lösungen. Die jahrelange Forschung an MOFs findet somit ihren Weg aus dem Labor in die industrielle Praxis, um ein konkretes Problem der modernen Digitalisierung zu adressieren.

Die Beteiligten: Akteure und Institutionen

Im Zentrum dieser technologischen Entwicklung steht das Unternehmen Exora, das durch seinen CEO Alexis Van Wesemael auf dem OCP Global Summit repräsentiert wurde. Van Wesemael fungiert als Sprachrohr für die technologische Vision des Unternehmens und präsentierte den aktuellen Stand der Entwicklung sowie die ambitionierten Pläne für die kommenden Jahre. Die wissenschaftliche Grundlage für das Projekt wurde durch die Arbeit der Nobelpreisträger Susumu Kitagawa, Richard Robson und Omar Yaghi gelegt, deren Forschung an metallorganischen Gerüsten die Basis für die heutige Anwendung bildet. Eine weitere wichtige Institution ist das Open Compute Project (OCP), eine globale Gemeinschaft, die sich der Entwicklung effizienter Hardware für Rechenzentren verschrieben hat und als Plattform für die Vorstellung solcher Innovationen dient. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl weiterer Akteure in der Branche, darunter Hersteller von Adsorptionskältemaschinen, die bereits heute Systeme auf Basis von Zeolithen oder Silikagel für industrielle Zwecke, wie etwa die Kühlung von Verbrennungsmotoren, anbieten. Diese Akteure stehen in einem technologischen Wettbewerb, bei dem es darum geht, die Effizienzgrenzen durch neue Materialien wie MOFs weiter zu verschieben.

Einordnung: Was der technologische Fortschritt bedeutet

Einzuordnen ist dieser technologische Fortschritt als ein potenzieller Wendepunkt für den Betrieb von Rechenzentren. Den Berichten zufolge ermöglicht die neue Technologie eine drastische Reduktion des elektrischen Energiebedarfs für die Kühlung, indem sie die ohnehin anfallende Abwärme als Energiequelle für den Kältekreislauf nutzt. Während konventionelle Kältemaschinen auf eine externe Stromzufuhr angewiesen sind, um die Kälte zu erzeugen, reduziert das Exora-System den Stromverbrauch auf lediglich zehn Prozent der Leistung, die ein herkömmliches System für die gleiche Kühlleistung benötigen würde. Dies ist aus ökonomischer und ökologischer Sicht von enormer Bedeutung. Die Effizienzsteigerung um 90 Prozent könnte die Betriebskosten von Rechenzentren massiv senken und gleichzeitig den ökologischen Fußabdruck der IT-Infrastruktur verringern. Dennoch ist zu beachten, dass es sich derzeit noch um einen Prototyp handelt. Die Skalierung von einer 3-Kilowatt-Einheit hin zu einer industriellen Serienfertigung und schließlich in den Megawatt-Bereich ist ein komplexer Prozess, der sowohl technische als auch wirtschaftliche Hürden überwinden muss. Die Technologie ist vielversprechend, aber ihre breite Markteinführung hängt von der erfolgreichen Skalierung der MOF-Produktion und der Zuverlässigkeit der Systeme im Dauerbetrieb ab.

Offene Fragen: Was der Quelltext nicht beantwortet

Obwohl die technologische Basis durch die Nutzung von MOFs gut beschrieben ist, lässt der Quelltext einige zentrale Fragen unbeantwortet. So bleibt unklar, welche spezifischen metallorganischen Gerüstverbindungen genau zum Einsatz kommen, da MOFs eine riesige Klasse von Materialien darstellen und die chemische Zusammensetzung für die Effizienz entscheidend ist. Ebenso fehlen Informationen über die Kosten der Herstellung dieser Materialien und deren Langlebigkeit unter den rauen Bedingungen eines Rechenzentrums, in dem die Systeme über Jahre hinweg im Dauerbetrieb laufen müssen. Auch die Frage nach der Wartungsintensität der Adsorptionskältemaschinen im Vergleich zu herkömmlichen Kompressor-Kühlsystemen wird nicht thematisiert. Zudem bleibt offen, wie die Integration in bestehende Rechenzentrumsarchitekturen technisch gelöst werden soll, insbesondere bei Anlagen, die nicht für eine solche Abwärmenutzung ausgelegt sind. Auch zur Verfügbarkeit der Technologie auf dem freien Markt und zu möglichen Lizenzmodellen für Rechenzentrumsbetreiber gibt der vorliegende Text keine Auskunft. Die Skalierbarkeit von der aktuellen Prototypengröße auf die angestrebten Megawatt-Leistungen ist eine enorme technische Herausforderung, deren spezifische Risiken und Lösungsansätze im Detail nicht weiter erläutert werden.

Wie es weitergeht: Ausblick auf die kommenden Jahre

Die Roadmap für die Entwicklung des Exora-Systems ist bereits grob skizziert. Nach der erfolgreichen Vorstellung des 3-Kilowatt-Prototyps auf dem OCP Global Summit liegt der Fokus nun auf der weiteren Skalierung der Technologie. Als nächster Meilenstein ist für das Jahr 2028 die Serienproduktion einer 100-Kilowatt-Einheit geplant. Dies stellt einen entscheidenden Schritt dar, um die Praxistauglichkeit und die wirtschaftliche Rentabilität der Technologie in einem größeren Maßstab zu beweisen. Sollte dieser Schritt gelingen, plant das Unternehmen für das Jahr 2030 den Vorstoß in den Megawatt-Bereich. Damit würde das System für den großflächigen Einsatz in kommerziellen Rechenzentren relevant werden. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die theoretischen Vorteile der MOF-basierten Kühlung auch in der industriellen Anwendung Bestand haben und ob das Unternehmen in der Lage ist, die angestrebten Produktionsziele in den genannten Zeiträumen zu erreichen. Die Entwicklung bleibt somit ein spannendes Feld, das sowohl für die Energieeffizienz der IT-Branche als auch für die chemische Materialforschung von großer Bedeutung ist.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/computer-pc-ventilator-kuhlung-7858767/ · Foto: Ron Lach
Quelle: https://www.heise.de/news/Rechenzentren-mit-eigener-Hitze-kuehlen-Adsorptionskuehlung-mit-neuen-Materialien-11373567.html?wt_mc=rss.red.ho.ho.atom.beitrag.beitrag