Ein Fußballfest mit Nachgeschmack
Das Testspiel zwischen dem Regionalligisten KSV Hessen Kassel und dem Bundesliga-Aufsteiger FC Schalke 04 sollte eigentlich ein Highlight des Sommers werden. Mit 18.737 Zuschauern im ausverkauften Auestadion war die Kulisse beeindruckend, doch hinter der Fassade der Volksfeststimmung brodelte es. Während der Verein das Spiel als Erfolg für die Region verbuchte, sah sich die aktive Fanszene in ihrer Identität bedroht.
Kritik an der Inszenierung
Die Unzufriedenheit äußerte sich nicht nur durch das Ausbleiben des üblichen Supports durch die Ultras – was bei Freundschaftsspielen durchaus üblich ist –, sondern vor allem durch deutliche Botschaften auf Spruchbändern. Die Fans kritisierten eine aus ihrer Sicht übertriebene Gastfreundschaft, die den Fokus zu sehr auf den Gast aus dem Ruhrgebiet legte.
Konkret störten sich Anhänger an Elementen wie einem Bergmanns-Chor, dem Abspielen der Schalker Hymne und musikalischen Darbietungen, die den Gästen gewidmet waren. Auf den Bannern war von „Fremdscham“ und einer verpassten Chance die Rede, den eigenen Verein als regionalen Akteur in den Mittelpunkt zu stellen. Wie der KSV-Fan Florian Lasse Führer in sozialen Medien erläuterte, hätte der Fokus bei einem solchen Vergleich deutlich stärker auf der Präsentation des heimischen, klassentieferen Vereins liegen müssen.
Die Sicht des Vereins
Daniel Bettermann, Vorstandsmitglied für Marketing und Sponsoren, verteidigt den eingeschlagenen Kurs. Er betont, dass das Ziel darin bestanden habe, Werbung für den Fußball in der Region zu machen. Die hohe Zuschauerzahl beweise, dass ein großes Interesse am Sport in Kassel bestehe. Den Vorwurf, die „Seele“ des Vereins zu verkaufen, wies er zurück. Man versuche, den Klub behutsam weiterzuentwickeln, ohne dabei die eigene Herkunft zu verleugnen. „Wir sind rot-weiß und nicht blau-weiß“, so Bettermann.
Sportliche Perspektive und der „schlafende Riese“
Trainer René Klingbeil bewertete das Spiel primär als teambildende Maßnahme, um auch Spielern ohne bisherige Regionalliga-Einsätze Spielpraxis zu verschaffen. Sportlich gesehen dient das Spiel als Fingerzeig für die Ambitionen des Vereins. Klingbeil sieht in Kassel einen „schlafenden Riesen“ und fordert eine klare sportliche Entwicklung.
Das Ziel für die kommenden zwei bis drei Jahre sei der Aufstieg in die 3. Liga. Laut Klingbeil und seinem Trainerteam, zu dem mit Sebastian Busch und Alban Meha ehemalige KSV-Spieler gehören, besitze der Verein das Potenzial, auch in der Regionalliga regelmäßig hohe Zuschauerzahlen im fünfstelligen Bereich zu generieren, sofern die sportliche Leistung stimmt. Die aktuelle Kritik der Fans an der Vermarktung des Testspiels könnte somit auch als Ausdruck des Wunsches verstanden werden, den Verein wieder auf Augenhöhe mit größeren Klubs zu etablieren, anstatt sich in der Rolle des Gastgebers für höherklassige Vereine zu begnügen.
Einordnung der Debatte
Der Konflikt verdeutlicht den schmalen Grat, auf dem sich Vereine im semiprofessionellen Bereich bewegen. Einerseits ist die Öffnung für große Events notwendig, um Sponsoren zu gewinnen und die Sichtbarkeit zu erhöhen. Andererseits reagiert die treue Anhängerschaft sensibel auf Maßnahmen, die den Eindruck erwecken, der eigene Verein ordne sich dem Gast unter. Die kommenden Schritte des KSV werden zeigen, ob der Spagat zwischen notwendiger Kommerzialisierung und dem Erhalt der eigenen Identität gelingt, während der Druck zur sportlichen Rückkehr in den Profifußball weiter zunimmt.