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Pilz zum Anziehen? Forscher züchten aus Mycel ein reißfestes Tuch – das sich selbst flicken und färben kann
Technik · 05.08.2026 06:00

Pilz zum Anziehen? Forscher züchten aus Mycel ein reißfestes Tuch – das sich selbst flicken und färben kann

Kurz: Forscher haben ein neuartiges Tuch aus lebendem Pilzgeflecht entwickelt. Das Material ist reißfest, kann sich selbst reparieren und sogar aktiv die Farbe ändern

Ein lebendiger Stoff aus Pilzkulturen

Die Textilindustrie steht unter Druck, nachhaltigere Alternativen zu konventionellen Materialien zu finden. Während Pilzmycel bereits als Ersatz für Kunststoffe oder als Baustoff bekannt ist, gehen Forschende des Shenzhen Institute of Advanced Technology nun einen entscheidenden Schritt weiter. Sie haben ein Verfahren entwickelt, um aus lebendem Pilzgeflecht ein reißfestes Tuch zu fertigen, das über aktive biologische Funktionen verfügt.

Der Herstellungsprozess: Von der Nährlösung zum Textil

Grundlage für das innovative Material bildet der Pilz *Cordyceps militaris*, auch bekannt als Puppen-Kernkeule. Der Prozess beginnt mit der Kultivierung von Pilzsporen in einer speziellen Nährlösung. Dabei entstehen kleine Mycel-Pellets, die als essenzielle Bausteine dienen. Diese Pellets lassen sich in nahezu jede zwei- oder dreidimensionale Form bringen.

Nachdem die Struktur getrocknet ist, weist sie zunächst eine spröde Beschaffenheit auf. Um das Material in ein flexibles und widerstandsfähiges Tuch zu verwandeln, wird es in Glycerol getaucht. Das Ergebnis ist ein Textil, das nicht nur stabil, sondern auch mechanisch belastbar ist.

Selbstheilung und aktive Anpassung

Das Besondere an diesem Pilz-Tuch ist seine biologische Aktivität. Da das Mycel lebendig bleibt, bietet es Funktionen, die bei herkömmlichen Stoffen undenkbar wären:

* **Reparaturfähigkeit:** Löcher oder Risse lassen sich nahtlos schließen, indem frische, feuchte Pellets auf die betroffenen Stellen aufgetragen werden.

* **Wachstum auf Befehl:** Durch die gezielte Zugabe von Nährstoffen können Mycel-Fasern an spezifischen Stellen zum Wachstum angeregt werden. So lassen sich beispielsweise Muster oder Logos direkt in das Gewebe „züchten“.

* **Wasserabweisende Oberflächen:** Die gezielte Aktivierung des Wachstums führt zu einer hydrophoben Struktur, die das Tuch selbstreinigend macht.

* **UV-Schutz:** Durch den Kontakt mit Sporen des Schwarzschimmels *Aspergillus niger* produziert das Mycel Melanin, welches als natürlicher Schutzschild gegen UV-Strahlung fungiert.

Farbgestaltung durch Symbiose

Ein weiterer Durchbruch gelang dem Team bei der Farbgebung. Anstatt auf chemische Farbstoffe zurückzugreifen, kultivierten die Forscher das Mycel gemeinsam mit speziell entwickelten Strängen von Bäckerhefen. Diese Hefen produzieren natürliche Farbpigmente in Blau, Rot, Orange oder Violett, die das Tuch während des Wachstumsprozesses einfärben.

Zukunftsaussichten und Herausforderungen

Obwohl das Material beeindruckende Eigenschaften zeigt, steckt die Technologie noch in der Erprobungsphase. Die Forschenden weisen darauf hin, dass die Eignung für Alltagskleidung noch eingehend geprüft werden muss. Fragen zur Waschbarkeit, zur Reaktion auf wechselnde Temperaturen und zur langfristigen mechanischen Belastung sind derzeit Gegenstand weiterer Untersuchungen.

Die Umweltbilanz ist jedoch vielversprechend: In Versuchen zersetzten sich die Mycel-Textilien nach dem Vergraben im Boden innerhalb von 41 Tagen vollständig. Aufgrund der aktuellen Beschaffenheit sehen die Entwickler das Material vorerst eher in Bereichen wie der Verpackungsindustrie oder bei Kunst- und Architekturinstallationen.

Eine Plattform für synthetische Biologie

Das Team betrachtet das Projekt als „Plug-and-play-Plattform“, bei der die mechanische Stabilität des Mycel-Netzwerks von der biologischen Funktionalität getrennt wird. Langfristig ist das Ziel, die gewünschten Funktionen direkt in das Genom des Pilzes zu integrieren, um den Herstellungsprozess weiter zu vereinfachen. Damit könnte die Textilproduktion der Zukunft nicht mehr auf Fabriken, sondern auf biologischen Wachstumsprozessen basieren.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-menschen-frau-labor-8877094/ · Foto: cottonbro studio
Quelle: https://t3n.de/news/pilz-forscher-mycel-tuch-1755474/?utm_source=rss&utm_medium=newsFeed&utm_campaign=newsFeed