Eine Allianz der Missverständnisse
Der Tech-Milliardär Peter Thiel sorgt erneut für Aufsehen, indem er den verstorbenen Papst Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger) als Kronzeugen für seine eigenen eschatologischen Visionen vereinnahmt. In einem Beitrag für die Zeitschrift „First Things“ unter dem Titel „The Pope and the Antichrist“ versucht Thiel, Ratzinger als einen Denker zu stilisieren, der die Weltuntergangsstimmung der Gegenwart antizipiert habe. Doch diese Interpretation stößt bei Fachleuten auf deutliche Kritik.
Der Berner Philosoph Luca Di Blasi, der am Institut für Systematische Theologie lehrt, ordnet Thiels Vorgehen als „prometheisches Christentum“ ein. Thiel nutze religiöse Motive wie die Unsterblichkeit oder die Auferstehung nicht im spirituellen Sinne, sondern als Werkzeuge für ein „persönliches und planetarisches Empowerment“. Für den Investor scheinen christliche Konzepte eine ähnliche Funktion zu erfüllen wie Science-Fiction-Szenarien: Sie dienen dazu, technologische Ambitionen mit einer metaphysischen Aura zu versehen.
Die Instrumentalisierung des Katechons
Ein zentraler Punkt in Thiels Argumentation ist das theologische Konzept des „Katechon“ – jener Kraft, die das Ende der Welt aufhält. Thiel scheint sich selbst in der Rolle des „Anti-Antichristen“ zu sehen, der durch wissenschaftlich-technischen Fortschritt den drohenden Untergang abwenden will. Di Blasi weist in der „Allgemeinen Zeitschrift für Philosophie“ darauf hin, dass hier ein paradoxes Geschäftsmodell vorliegt: Thiel legitimiert technologische Entwicklungen, die er selbst als existenzielle Bedrohung für die Menschheit einstuft, und sichert so seine eigene ökonomische Basis.
Diese Form der „Verzeitlichung von Figuren der Ewigkeit“ zielt darauf ab, Erlösung in eine handelbare Ressource zu verwandeln. Indem Thiel versucht, das Ende der Welt empirisch zu datieren und zu lokalisieren, entzieht er der Theologie ihre transzendente Dimension und macht sie für seine tech-zentrierten Interessen anschlussfähig.
Ratzingers eschatologischer Vorbehalt
Die von Thiel forcierte Allianz mit Ratzinger gilt unter Experten als „krasse Fehllektüre“. Zwar lässt sich Ratzinger zweifellos als ein Denker bezeichnen, der die Endzeit in sein Weltbild integriert hat, doch unterscheidet sich sein Ansatz fundamental von Thiels technokratischem Optimismus.
Das christliche Leben ist nach Ratzinger stets in der Spannung zwischen dem „schon“ und dem „noch nicht“ verortet. Diese Schwebe, die den Glauben als Teil der Heilsgeschichte zwischen Alpha und Omega begreift, steht in direktem Widerspruch zu Thiels Versuch, das Ende der Welt „dingfest“ zu machen. Während Ratzinger den eschatologischen Vorbehalt betonte, versucht Thiel, die Endzeit durch menschliches Handeln und technologische Überlegenheit zu kontrollieren.
Zwischen Vision und Realitätsverlust
Der Hintergrund dieser Debatte ist Thiels anhaltende Suche nach einer philosophischen Rechtfertigung für sein Wirken als Investor. Dass er dabei auf theologische Schwergewichte zurückgreift, zeigt den Versuch, technologische Machtansprüche in einen größeren, geschichtsphilosophischen Rahmen zu stellen. Die kritische Einordnung zeigt jedoch, dass diese Versuche oft an der Substanz der zitierten Quellen vorbeigehen.
Die nächsten Schritte in dieser Debatte dürften sich vor allem um die Frage drehen, wie weit der Einfluss von Tech-Eliten auf die Deutungshoheit religiöser Texte reicht. Während Thiel versucht, die Welt durch seine technologische „Anti-Antichrist“-Strategie zu retten, bleibt die theologische Perspektive, die das Ende als etwas Unverfügbares betrachtet, ein notwendiger Gegenentwurf zu seinem prometheischen Weltbild.