Ein Außenseiter als Orakel
Im Zentrum von Peter Handkes vierundzwanzigstem Bühnenwerk steht eine tragikomische Figur: ein Horoskopschreiber, der sich von der Gesellschaft entfremdet hat. Während er tagsüber in schmutzigen Gassen die Schicksale seiner Mitmenschen in Form von Horoskopen entwirft, empfindet er tiefen Ekel vor deren geordnetem Leben, ihrer Zuversicht und ihren intakten Sätzen. Sein Schreiben wird zur Waffe, zu einem Akt der Rebellion gegen die vermeintliche Diktatur der Allgemeinheit. Mit jedem verfassten Satz scheint er den Menschen zuzurufen: „Ich bin gegen euch alle.“
Die Figur bleibt ein Einzelgänger, der keine Resonanz auf seine Texte erfährt. Seine Inspiration findet er nicht im Austausch mit Gleichgesinnten, sondern in der Beobachtung von „hässlichen Kneipenkindern“ – einem Milieu, in dem Scham und Gnade für ihn noch greifbar erscheinen. Über die Jahre hinweg verliert sich der Schreiber zunehmend in seiner eigenen Sprachwelt. Seine Texte werden kryptischer, sein Dasein einsamer, bis er schließlich nur noch einzelne Worte hinterlässt, bevor er spurlos verschwindet.
Sprachliche Steppe statt linearer Erzählung
In der Salzburger Inszenierung unter der Regie von Jossi Wieler wird das hinterlassene Konvolut an Aphorismen, Ratschlägen und Prophezeiungen zu einer fast zweistündigen Performance verdichtet. Der Text verzichtet auf einen klassischen Erzähler. Stattdessen präsentiert sich das Stück als eine Art „Lautesammler“, der Sprichwörter, Zitate und Redewendungen zu einer dichten, rhythmischen Sprachfläche verwebt.
Handke greift hierbei auf ein Motiv aus Tschechows Erzählung „Die Steppe“ zurück. Die Sprache wird zum Selbstzweck, sie tauscht logische Zusammenhänge gegen Klang und Rhythmus ein. Es ist ein „Kreuz-und-quer“, das sich jeder systematischen Einordnung entzieht.
Schauspielerische Akrobatik auf der Bühne
Die Hauptrollen sind mit Marina Galic und Jens Harzer prominent besetzt. Die Regie zieht dabei Parallelen zu Samuel Becketts „Warten auf Godot“. Wie Wladimir und Estragon befinden sich die Figuren in einem Zustand des Stillstands, in dem sie die Zeit durch sprachliche Jonglage überbrücken.
- **Jens Harzer:** Er verkörpert den Text mit einer beinahe sportlichen Ausdauer. Seine Darstellung erinnert an einen Mittelstreckenläufer, der sich durch das „Text-Steppen-Gelände“ bewegt.
- **Marina Galic:** Sie agiert als Gegenpart, die die Schwere der Horoskop-Sprüche mit einer narrenhaften Leichtigkeit bricht und die humorvollen, fast daumenkinohaften Qualitäten der Sprache hervorhebt.
Die Bühne selbst ist minimalistisch gehalten: Ein provisorischer Bretterhaufen, ergänzt durch einfache Requisiten wie falsche Schnurrbärte und rote Mützen, unterstreicht die reduzierte, fast existenzialistische Atmosphäre.
Zwischen Heiligkeit und Absurdität
Die Dialoge zwischen Galic und Harzer schwanken zwischen profanen Kalauern und fast apokryphen, heiligen Sätzen. Es entsteht der Eindruck, als bereiteten sich die Figuren durch dieses „semantische Aufwärmen“ auf eine finale Rede vor – eine Art Rechenschaftsbericht vor einer höheren Instanz. Der Horoskopschreiber selbst scheint dabei von der Hoffnung beseelt, dass für ihn ein Platz im Licht reserviert ist, da er sein Leben der Übersetzung höherer Weisungen gewidmet hat.
Der Premierenabend in Salzburg endete mit einem Auftritt des Autors selbst. Als erblindender Seher auf die Bühne tretend, verweigerte Peter Handke die konventionelle Verbeugung. Mit einer drohenden Geste seines Stocks gegenüber dem Publikum unterstrich er die Ambivalenz seines Werks: Ein Abschied, der gleichermaßen als Herausforderung und als trotzige Behauptung des Außenseiters verstanden werden kann.