Was geschehen ist: Yasa plant den Verzicht auf Seltenerdmetalle
Der britische Motorenhersteller Yasa, ein Tochterunternehmen des deutschen Automobilkonzerns Mercedes-Benz, hat ein strategisches Projekt zur Neuentwicklung seiner Antriebstechnologie gestartet. Wie das Unternehmen am 11. August 2026 bekannt gab, liegt der Fokus des Vorhabens, das unter dem Namen „Projekt Resilienz“ läuft, auf der Abkehr von Seltenerdmetallen bei der Produktion von Axialflussmotoren. Bisher sind diese speziellen Materialien, die insbesondere für die Herstellung leistungsfähiger Permanentmagnete in den Rotoren unerlässlich sind, ein fester Bestandteil der Fertigung. Durch den Verzicht auf diese Stoffe möchte das Unternehmen seine Unabhängigkeit von globalen Lieferketten stärken, die derzeit durch eine hohe geografische Konzentration und erhebliche Volatilität gekennzeichnet sind. Die Initiative markiert einen wichtigen technologischen Wendepunkt für den Spezialisten, der für seine kompakten und hochleistungsfähigen Scheibenläufer bekannt ist. Die Entwicklung soll nicht nur die Versorgungssicherheit erhöhen, sondern auch den technologischen Vorsprung des Unternehmens in einem politisch und wirtschaftlich herausfordernden Umfeld sichern. Dabei steht die Erforschung neuer Materialien im Vordergrund, die eine vergleichbare Leistungsdichte ermöglichen, ohne auf die kritischen Ressourcen angewiesen zu sein, die in der Vergangenheit immer wieder Gegenstand geopolitischer Spannungen waren.
Die Einzelheiten: Zahlen, Fakten und Förderungen
Das Projekt Resilienz wird durch die britische Regierung im Rahmen des Förderprogramms „Drive35“ finanziell unterstützt. Insgesamt wurden für dieses Programm neun Millionen Pfund bereitgestellt, was nach aktuellem Umrechnungskurs etwa 10,5 Millionen Euro entspricht. Diese Summe verteilt sich auf zehn ausgewählte Projekte, zu denen auch das Vorhaben von Yasa zählt. Das erklärte Ziel der Ingenieure ist die Entwicklung eines Demonstrationsmotors, der vollständig ohne die schweren Seltenerdmetalle Dysprosium und Terbium auskommt. Diese Stoffe sind derzeit entscheidend für die magnetischen Eigenschaften der Rotoren. Die Relevanz des Projekts wird durch die aktuelle Fertigungspraxis unterstrichen: Seit Juni 2026 produziert Yasa Axialflussmotoren im Mercedes-Werk in Berlin-Marienfelde. Diese Motoren, die unter anderem im Hinterradantrieb des neuen Mercedes-AMG GT Coupé zum Einsatz kommen, zeichnen sich durch ein extrem geringes Gewicht von jeweils nur 25 Kilogramm bei einer Breite von lediglich 9 Zentimetern aus. Trotz dieser kompakten Bauweise liefern sie eine Leistung von jeweils rund 300 Kilowatt, was einer beeindruckenden Leistungsdichte von 12 Kilowatt pro Kilogramm entspricht. Diese hohen Leistungsdaten ohne die gewohnten Materialien zu erreichen, stellt die zentrale technische Herausforderung des Projekts dar.
Hintergrund: Geopolitik und Lieferkettenproblematiken
Die Entscheidung von Yasa, auf Seltenerdmetalle zu verzichten, ist tief in den aktuellen geopolitischen Realitäten verwurzelt. Die Abhängigkeit der Automobilindustrie von Lieferketten, die geografisch stark konzentriert sind, stellt ein erhebliches Risiko für die Produktion dar. Ein entscheidender Wendepunkt in dieser Entwicklung war der Oktober 2025: Im Zuge eines eskalierenden Handelskrieges mit den Vereinigten Staaten führte China Exportbeschränkungen für bestimmte Seltenerdmetalle ein. Da diese Stoffe für die Herstellung von Permanentmagneten in modernen Elektromotoren essenziell sind, löste dieser Schritt weltweit Besorgnis in der Industrie aus. Die Volatilität dieser Lieferketten hat Unternehmen wie Yasa dazu gezwungen, ihre Strategien grundlegend zu überdenken. Das Projekt Resilienz ist somit eine direkte Antwort auf die Erkenntnis, dass technologische Souveränität untrennbar mit der Materialverfügbarkeit verbunden ist. Durch die Reduzierung der Abhängigkeit von diesen spezifischen Rohstoffen versucht Yasa, die eigene Produktion gegen externe politische Einflüsse abzusichern. Der Schritt ist ein Beispiel für die Bemühungen der Automobilbranche, sich aus der einseitigen Abhängigkeit von asiatischen Märkten zu lösen und eine resilientere, lokalere oder diversifiziertere Lieferstruktur aufzubauen, um die Produktion von Hochleistungskomponenten langfristig zu gewährleisten.
Die Beteiligten: Akteure und Institutionen
Im Zentrum dieses Vorhabens steht Yasa, ein spezialisierter Hersteller von Axialflussmotoren mit Sitz in Großbritannien, der als Tochtergesellschaft eng in die Konzernstruktur von Mercedes-Benz eingebunden ist. Die operative Umsetzung findet sowohl in der Forschung und Entwicklung als auch in der Produktion statt, wobei das Mercedes-Werk in Berlin-Marienfelde als zentraler Fertigungsstandort für die aktuelle Generation der Motoren fungiert. Auf politischer und regulatorischer Ebene ist die britische Regierung ein entscheidender Akteur, da sie über das Förderprogramm Drive35 die notwendigen finanziellen Mittel bereitstellt, um die Forschung an alternativen Materialien voranzutreiben. Die Auswahl von zehn Projekten, die mit insgesamt neun Millionen Pfund gefördert werden, unterstreicht das staatliche Interesse an einer Stärkung der heimischen Industrie im Bereich der Elektromobilität. Die Zusammenarbeit zwischen dem privaten Sektor, vertreten durch Yasa, und der öffentlichen Hand verdeutlicht die strategische Bedeutung, die der Entwicklung von Schlüsseltechnologien beigemessen wird, um den technologischen Wandel der Automobilindustrie in Richtung Elektromobilität erfolgreich zu gestalten und gleichzeitig die wirtschaftliche Stabilität gegenüber globalen Handelskonflikten zu erhöhen.
Einordnung: Was der Technologiewechsel bedeutet
Einzuordnen ist das Vorhaben von Yasa als ein notwendiger Schritt zur Risikominimierung in einer global vernetzten, aber zunehmend fragmentierten Weltwirtschaft. Den Berichten zufolge ist die Abhängigkeit von Dysprosium und Terbium ein strategisches Nadelöhr, das die Skalierbarkeit der Elektromobilität gefährden könnte. Dass ein Unternehmen wie Yasa, das für seine hocheffizienten Scheibenläufer bekannt ist, nun aktiv an einer Alternative arbeitet, zeigt, dass die Industrie den Druck der Exportbeschränkungen ernst nimmt. Die Entwicklung eines Demonstrationsmotors ohne diese Stoffe ist ein ambitioniertes Ziel, da die magnetischen Eigenschaften, die für die hohe Leistungsdichte von 12 Kilowatt pro Kilogramm erforderlich sind, bisher eng mit der Verwendung von Seltenerdmetallen verknüpft sind. Ein Erfolg würde Yasa einen erheblichen Wettbewerbsvorteil verschaffen, da das Unternehmen seine Produktion unabhängig von den Preisschwankungen und Verfügbarkeitsrisiken auf dem Weltmarkt gestalten könnte. Es ist davon auszugehen, dass dieser Technologiewechsel nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine ökologische Komponente hat, da der Abbau von Seltenerdmetallen oft mit erheblichen Umweltbelastungen verbunden ist. Die Strategie zielt darauf ab, die Leistungsfähigkeit der Axialflussmotoren beizubehalten, während die kritischen Abhängigkeiten eliminiert werden.
Offene Fragen: Was noch geklärt werden muss
Obwohl das Projekt Resilienz klare Ziele definiert hat, bleiben wesentliche Fragen zur technischen Umsetzung offen. Der Quelltext macht keine Angaben dazu, welche konkreten Materialien oder Legierungen als Ersatz für Dysprosium und Terbium in Betracht gezogen werden. Es bleibt unklar, ob die angestrebte Leistungsdichte von 12 Kilowatt pro Kilogramm ohne diese Stoffe tatsächlich erreicht werden kann oder ob bei einem Verzicht auf Seltenerdmetalle Abstriche bei der Performance oder dem Gewicht der Motoren in Kauf genommen werden müssen. Zudem fehlen Informationen darüber, in welchem Zeitrahmen die Entwicklung des Demonstrationsmotors abgeschlossen sein soll und wann eine mögliche Serienreife für die neuen, seltenerdmetallfreien Motoren erreicht werden könnte. Auch zur genauen Verteilung der Fördermittel innerhalb der zehn Projekte des Drive35-Programms gibt es keine detaillierten Angaben. Es ist nicht ersichtlich, ob Yasa bereits Prototypen im Laborstadium getestet hat oder ob sich das Projekt derzeit noch in einer rein theoretischen oder frühen Simulationsphase befindet. Die langfristige wirtschaftliche Rentabilität eines solchen Motors im Vergleich zu den aktuellen Modellen bleibt ebenfalls eine offene Variable, da neue Fertigungsverfahren oft mit höheren Kosten verbunden sind.
Wie es weitergeht: Ausblick auf die Entwicklung
Die nächsten Schritte des Projekts Resilienz sind eng an die Förderbedingungen des Programms Drive35 geknüpft. Yasa ist nun gefordert, die Forschungsergebnisse in einen funktionsfähigen Demonstrationsmotor zu überführen, der die Leistungsfähigkeit der neuen Technologie unter Beweis stellt. Da die Produktion der aktuellen Motorengeneration im Mercedes-Werk Berlin-Marienfelde bereits in vollem Gange ist, wird die Industrie aufmerksam verfolgen, wann und wie die neuen Erkenntnisse in den Produktionsprozess integriert werden. Die britische Regierung wird die Fortschritte der geförderten Projekte evaluieren, um sicherzustellen, dass die bereitgestellten neun Millionen Pfund effektiv zur Stärkung der technologischen Resilienz beitragen. Für Yasa steht nun die Phase der Materialerprobung und der technischen Validierung im Vordergrund. Ob und wann die seltenerdmetallfreien Motoren den Weg in die Serienfahrzeuge von Mercedes-Benz finden werden, hängt maßgeblich vom Erfolg des Demonstrationsmodells ab. Die kommenden Monate werden zeigen, ob das Unternehmen in der Lage ist, die hohen technischen Anforderungen an einen Axialflussmotor ohne die bisher unverzichtbaren Seltenerdmetalle zu erfüllen und damit eine neue Ära in der Motorenfertigung einzuleiten.