Ein neues Gesicht für den Euro
Nach zwei Jahrzehnten steht das europäische Bargeld vor einem optischen Wandel. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Prozess zur Neugestaltung der Eurobanknoten eingeleitet. Ziel ist es laut EZB-Präsidentin Christine Lagarde, die Identifikation der Bürger mit ihrer Währung zu stärken und die Werte Europas moderner abzubilden. Bis Ende des Jahres soll feststehen, welche gestalterische Richtung das neue Papiergeld einschlagen wird.
Insgesamt zehn Designserien – von A bis J – stehen zur Auswahl. Jede Serie umfasst sechs Nominalwerte von 5 bis 200 Euro. Die Entwürfe stammen aus verschiedenen Designerstuben und decken ein breites Spektrum an visuellen Stilen ab, was bereits erste Debatten über Geschmack und Repräsentation ausgelöst hat.
Zwischen kulturellem Anspruch und abstrakter Kunst
Die gestalterische Vielfalt der Vorschläge ist bemerkenswert. Während einige Entwürfe auf berühmte europäische Persönlichkeiten wie Maria Callas, Ludwig van Beethoven oder Miguel de Cervantes setzen, fokussieren sich andere Serien auf die europäische Tier- und Pflanzenwelt. Die Rückseiten der Scheine zeigen zudem häufig zentrale EU-Gebäude aus Frankfurt, Brüssel oder Straßburg.
Kritiker bemängeln jedoch die stilistische Inkonsistenz. Während die Serie F durch einen künstlerisch ambitionierten, fast schon wilden Stil mit Porträts wie dem von Leonardo da Vinci besticht, wirken andere Entwürfe deutlich steriler. Einige Darstellungen von Menschen werden als leblos oder abstrakt beschrieben, was Vergleiche zu computergenerierten Renderings aufkommen ließ. Auch die Motivwahl steht in der Kritik: So wird etwa bemängelt, dass osteuropäische Persönlichkeiten in der Auswahl kaum vertreten sind.
Japanische Einflüsse und architektonische Fragen
Ein auffälliges Merkmal vieler Entwürfe ist eine Ästhetik, die Beobachter an fernöstliche Kunst erinnert. Insbesondere die Darstellung von Vögeln vor schneebedeckten Bergen oder silbrigen Sonnenscheiben wirkt auf viele Betrachter eher japanisch als europäisch. Auch bei der Architekturdarstellung gehen die Meinungen auseinander: Einige Entwürfe setzen auf futuristische, teils kühl wirkende Gebäudestrukturen, die in der öffentlichen Wahrnehmung kontrovers diskutiert werden.
Warum eine Neugestaltung?
Die EZB führt neben dem Wunsch nach einer stärkeren Identifikation vor allem pragmatische Gründe für den Wechsel an. Die neuen Banknoten sollen den aktuellsten Fälschungstechnologien einen Schritt voraus sein. Die bisherigen Scheine, die seit Jahren durch ihre Darstellung europäischer Baustile überzeugten, boten zwar ein verbindendes Element, doch die technologische Entwicklung erfordert laut Lagarde eine Anpassung der Sicherheitsmerkmale.
Zudem betont die EZB den Anspruch, das Geld „nachhaltiger und inklusiver“ zu gestalten. Skeptiker sehen in diesen Begriffen jedoch eher eine Marketing-Floskel, da die physische Beschaffenheit des Geldes von diesen Attributen kaum beeinflusst werde.
Was bedeutet das für den Alltag?
Für die Bürger gibt es vorerst keinen Grund zur Eile. Die alten Euroscheine behalten ihre Gültigkeit dauerhaft und müssen nicht umgetauscht werden. Bis die neuen Entwürfe tatsächlich in den Portemonnaies landen, werden laut EZB noch mehrere Jahre vergehen. Wer an den bisherigen Motiven – etwa dem „Romanik-Zehner“ oder dem „Gotik-Zwanziger“ – hängt, kann diese also weiterhin wie gewohnt nutzen.
Die Abstimmung über die neuen Designs ist als Versuch zu verstehen, die Bevölkerung stärker in den Prozess der Währungsgestaltung einzubeziehen. Ob dies gelingt oder ob die unterschiedlichen Geschmäcker die Debatte über die europäische Identität eher weiter anheizen, bleibt abzuwarten.