Die vertikale Revolution im Alltag
Wer heute seinen Geldbeutel öffnet, könnte bald eine Überraschung erleben. Neben den klassischen horizontalen Scheinen könnten in Zukunft Banknoten stehen, die aufrecht gestaltet sind. Vier von zehn Entwürfen für die neuen Euro-Banknoten setzen bereits auf dieses Format. Was zunächst wie eine bloße Designentscheidung wirkt, ist Teil einer umfassenden Entwicklung: Unsere Welt wird zunehmend hochkant.
Dieser Trend ist keineswegs neu, sondern hat sich schleichend in verschiedene Lebensbereiche gefressen. Kreditkartenhersteller haben ihre Logos und Daten bereits vor Jahren in die Vertikale gedreht. Auch in der Unterhaltungsindustrie ist das horizontale Breitbildformat, das lange Zeit den Standard für Kinofilme und Fernsehen definierte, unter Druck geraten. Streaming-Dienste wie Netflix oder Disney sowie öffentlich-rechtliche Sender produzieren heute gezielt sogenannte „Vertical Dramas“.
Das Smartphone als Taktgeber
Die treibende Kraft hinter dieser „Hochkantisierung“ ist das Smartphone. Es liegt nicht nur ergonomisch in der Hand, sondern hat die Art und Weise, wie wir Inhalte konsumieren, grundlegend verändert. Das „Vertical Storytelling“ ist zum festen Begriff im Marketing geworden. Doch das Gerät selbst ist laut Berichten eher ein Symptom als die alleinige Ursache. Die materielle Form des Smartphones scheint unsere ästhetischen Vorlieben und die Produktion von Inhalten gleichermaßen zu diktieren.
Der Mensch als Maßstab
Anthropozentrisch betrachtet ist das hochkantige Rechteck die ideale Form, um den Menschen abzubilden. Der aufrechte Gang des Homo sapiens findet sich nun in der Geometrie unserer täglichen Begleiter wieder. Diese Entwicklung lässt sich als Ausdruck eines metaphysischen Strebens deuten: Der Wunsch nach dem „Höher, Schneller, Weiter“ spiegelt sich in der vertikalen Ausrichtung wider.
Der Philosoph Peter Sloterdijk beschreibt dieses Phänomen als „Vertikalspannung“. Der Mensch strebt danach, seinen aktuellen Zustand zu überwinden und sich durch stetige Übung zu transzendieren – eine Idee, die in Rilkes berühmter Zeile „Du musst dein Leben ändern“ gipfelt. Das Hochkant-Format könnte somit als geometrisches Symbol für diesen menschlichen Drang zur Selbstoptimierung und Aufwärtsbewegung verstanden werden.
Geometrie als Spiegel der Zeit
Historisch gesehen haben geometrische Formen immer wieder als Deutungsmuster für die Welt gedient. Während die Pythagoreer das Dreieck verehrten und im Mittelalter der Kreis eine zentrale religiöse Bedeutung innehatte, scheint unsere Ära das Zeitalter des „Orthogons“ zu sein.
Kritiker könnten einwenden, dass das hochkantige Format den Blick verengt. Da das Rechteck immer nur einen Ausschnitt der Realität zeigt, besteht die Gefahr, dass der Fokus auf das Detail den Blick für das große Ganze verstellt. Doch die Porträtkunst nutzt dieses Format bereits seit Jahrhunderten erfolgreich, um das Wesentliche einer Person hervorzuheben. Die Herausforderung besteht darin, diese vielen kleinen Ausschnitte nicht als isolierte Fragmente, sondern als ergänzende Teile eines größeren Ganzen zu begreifen.
Ausblick: In Vielfalt geeint
Die Debatte um das neue Design der Euro-Banknoten zeigt, dass die Frage nach dem Format auch eine Frage der Identifikation ist. Das offizielle Motto für die Neugestaltung der Währung lautet „In Vielfalt geeint“. Ob sich die Gesellschaft letztlich an die vertikalen Scheine gewöhnt, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch, dass die geometrische Ausrichtung unserer Umwelt weiterhin ein spannendes Feld bleibt, um die kulturellen Strömungen unserer Zeit zu beobachten.