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Michel Friedman in Bayreuth: »Der Judenhass ist das Thermometer für den Zustand der Demokratie«
Schlagzeilen · 26.07.2026 15:35

Michel Friedman in Bayreuth: »Der Judenhass ist das Thermometer für den Zustand der Demokratie«

Kurz: Michel Friedman mahnt bei den Bayreuther Festspielen: Antisemitismus ist ein Gradmesser für den Zustand unserer Demokratie. Ein Appell für mehr Zivilcourage.

Ein Weckruf auf dem Grünen Hügel

Im Rahmen des 150. Jubiläums der Bayreuther Festspiele trat der Publizist Michel Friedman als Redner auf. Seine Rede fand im Kontext einer Gedenkveranstaltung statt, die an jüdische Musiker erinnerte, welche während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Der Auftritt war von einer Vorgeschichte geprägt: Ursprünglich war Friedman für die Eröffnungsrede vorgesehen, wurde jedoch kurzfristig aufgrund von Sicherheitsbedenken ausgeladen. Nach öffentlicher Kritik und einer Entschuldigung der Festspielchefin Katharina Wagner kam es schließlich doch zu dem Auftritt, der als deutliches Zeichen für die Aufarbeitung der Festspielgeschichte gewertet wird.

Antisemitismus als Indikator für den Demokratiezustand

Friedman nutzte die Bühne für eine eindringliche Analyse der aktuellen gesellschaftlichen Lage in Deutschland. Er bezeichnete den Judenhass als ein „Thermometer“, das den Zustand der Demokratie messe. Aktuell zeige dieses Thermometer einen kritischen Wert von 40 Grad an. Laut Friedman sei jüdisches Leben in Deutschland seit 1945 noch nie so stark gefährdet gewesen wie in der heutigen Zeit. Er betonte, dass Hass – sei es gegen Juden, Muslime, Frauen oder Homosexuelle – letztlich immer eine fundamentale Verachtung des Menschen darstelle. Eine Diktatur zeichne sich dadurch aus, dass sie den Menschen nicht nur verachte, sondern ihn als Individuum gar nicht erst wahrnehme.

Aufruf zur Verteidigung der demokratischen Werte

Der Publizist, dessen Familie massiv unter dem NS-Regime gelitten hat, stellte die rhetorische Frage, was noch geschehen müsse, damit Bürger ihre Demokratie aktiv verteidigen. Er kritisierte eine Haltung des „Nörgelns“ und betonte, dass demokratische Teilhabe eine Grundvoraussetzung für die Freiheit des Einzelnen sei. Mit Blick auf politische Umfragen, etwa in Sachsen-Anhalt, warnte er davor, dass man sich nicht mehr in einer Phase des „Anfängen wehrens“ befinde, sondern sich bereits mitten in einem Prozess befinde, der das demokratische Fundament herausfordere. Er forderte dazu auf, aktiv für die Demokratie als „das bessere Produkt“ zu werben.

Die schwierige Aufarbeitung der Festspielgeschichte

Ein zentraler Punkt von Friedmans Rede war die historische Belastung der Bayreuther Festspiele selbst. Der Gründer Richard Wagner war für seine antisemitischen Schriften bekannt, und die Festspiele waren in der NS-Zeit eng mit dem Regime verflochten. Adolf Hitler war ein häufiger Gast, und die damalige Festspielleitung, insbesondere Winifred Wagner, pflegte eine Nähe zum Nationalsozialismus.

Friedman kritisierte, dass nach 1945 das Bestreben dominierte, das „dunkle Kapitel“ zu schließen, anstatt es aufzuarbeiten. Er verwies auf die Anweisung der Wagner-Brüder Wieland und Wolfgang im Jahr 1951, politische Debatten zu vermeiden, um den Musikgenuss nicht zu stören. Über Jahrzehnte hinweg habe man lieber die ästhetische Seite des „Grünen Hügels“ zelebriert, anstatt sich mit der braunen Vergangenheit und der Frage auseinanderzusetzen, wer einst auf den Zuschauerplätzen saß.

Ein Wandel in der Erinnerungskultur

Der Auftritt Friedmans und der begleitende Besuch der Ausstellung „Verstummte Stimmen“ markieren einen Wandel im Umgang mit dieser Geschichte. Festspielchefin Katharina Wagner wurde von Friedman für ihre Bemühungen gelobt, die Erinnerungskultur in Bayreuth aktiv zu verändern. Die Veranstaltung sollte explizit den „Ungeist“ thematisieren, der einst von Bayreuth ausging. Friedman schloss mit der symbolischen Feststellung, dass er nun das Wort habe und der Antisemit Richard Wagner ihm zuhören müsse.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/stadt-strasse-reise-reisen-22619635/ · Foto: Anh Nguyen
Quelle: https://www.spiegel.de/kultur/michel-friedman-in-bayreuth-der-judenhass-ist-das-thermometer-fuer-den-zustand-der-demokratie-a-84151c56-0ed5-4fd3-9023-f1c25e4f86ed#ref=rss