Ein unerwarteter Ansturm auf das Kulturgut
In den vergangenen Monaten hat sich für viele Antiquariate, etwa in Frankfurt am Main, eine drastische Veränderung im Geschäftsalltag eingestellt. Was zunächst wie ein wirtschaftlicher Aufschwung wirkte – sprunghaft ansteigende Verkaufszahlen und umfangreiche Bestellungen –, entpuppte sich bei näherer Betrachtung als Teil einer großangelegten Strategie internationaler Tech-Unternehmen. Firmen wie das in Kanada registrierte Unternehmen Zoom Books oder der US-Konzern Anthropic, der unter Decknamen wie „Project Panama“ agiert, kaufen systematisch physische Literatur auf.
Das Ziel dieser massiven Aufkäufe ist die Gewinnung von Trainingsdaten für Künstliche Intelligenz. Systeme wie „Claude“ oder „ChatGPT“ benötigen für ihre Weiterentwicklung verlässliche, qualitativ hochwertige Informationen. Da digitale Quellen im Internet oft fehlerhaft oder lückenhaft sind, greifen die Konzerne vermehrt auf gedruckte Werke zurück. In einem automatisierten Prozess werden die Bücher in Containern verschifft, physisch zerlegt und anschließend digitalisiert.
Vom Nischenwissen zum Trainingsdatensatz
Das Spektrum der aufgekauften Werke ist breit gefächert und reicht von regionalen Dorfchroniken über geologische Fachliteratur bis hin zu veralteten Restaurantführern. Für die Antiquare entsteht dadurch ein ambivalentes Bild: Einerseits generieren die Großbestellungen kurzfristig hohe Umsätze, andererseits sehen sie ihre Existenzgrundlage langfristig gefährdet.
Die Sorge der Händler ist dabei zweigeteilt. Zum einen befürchten sie eine Entwertung ihres Sortiments, wenn die KI-Systeme die Inhalte der Bücher in Sekunden zusammenfassen und somit den Kauf des physischen Werks für den Endverbraucher überflüssig machen. Zum anderen stellt sich die Frage nach der langfristigen Bedeutung des stationären Buchhandels, wenn das „Futter“ für die Algorithmen zur primären Ware wird.
Kritik am Umgang mit geistigem Eigentum
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels reagiert mit deutlicher Ablehnung auf diese Praxis. Peter Kraus vom Cleff, Hauptgeschäftsführer des Verbandes, bezeichnet das ungefragte Verwerten urheberrechtlich geschützter Werke als einen „barbarischen Akt“ und spricht von organisiertem Diebstahl geistigen Eigentums. Die Forderungen des Börsenvereins sind klar formuliert:
* **Transparenz:** Tech-Konzerne müssen offenlegen, welche Werke sie für ihre Trainingsdaten nutzen.
* **Regulierung:** Es bedarf strengerer gesetzlicher Rahmenbedingungen auf EU-Ebene.
* **Lizenzmodelle:** Autoren und Verlage müssen für die Nutzung ihrer Werke fair entschädigt werden.
Die Branche sieht hier einen massiven Eingriff in die Rechte der Urheber, die bisher kaum Möglichkeiten haben, der zweckentfremdeten Nutzung ihrer Arbeit in Milliarden-Unternehmen entgegenzutreten.
Die Rolle der Nationalbibliothek
Während der Buchhandel die ökonomische und rechtliche Bedrohung in den Vordergrund stellt, bleibt die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) in Frankfurt gelassen. Frank Scholze, Generaldirektor der DNB, sieht die physische Sammlung des „Gedächtnisses der Nation“ nicht durch die KI-Entwicklungen gefährdet.
Nach seiner Auffassung bleibt das physische Buch das unantastbare Original. Es diene als unverzichtbare Referenzquelle, unabhängig davon, wie viele Inhalte KI-Systeme aus den digitalisierten Kopien generieren. Für die DNB bleibt der Schutz des kulturellen Erbes in seiner physischen Form die Kernaufgabe, die durch die Digitalisierungswelle der Tech-Konzerne nicht ersetzt werden kann.
Ausblick auf eine offene Debatte
Die aktuelle Entwicklung markiert einen tiefgreifenden Kulturwandel. Die Frage, inwieweit gedrucktes Wissen als Rohstoff für die KI-Industrie dienen darf, berührt fundamentale Aspekte des Urheberrechts und der Wertschätzung geistiger Arbeit. Während die Tech-Konzerne den Bedarf an verlässlichen Daten als technologische Notwendigkeit betrachten, stehen die Akteure der Buchbranche vor der Herausforderung, ihre Rolle in einer zunehmend algorithmisch geprägten Welt neu zu definieren. Die kommenden Schritte werden maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, auf politischer Ebene verbindliche Regeln für die Nutzung urheberrechtlich geschützter Inhalte zu etablieren.