Ein digitaler Ansatz gegen historische Ungerechtigkeit
Mehr als acht Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs bleibt das Schicksal von etwa 100.000 Kunstwerken ungeklärt, die während der NS-Zeit geraubt oder unter dem Druck der Verfolgung unter Wert verkauft wurden. Während in den vergangenen Jahrzehnten bereits hunderttausende Objekte an ihre rechtmäßigen Besitzer oder deren Erben zurückgegeben werden konnten, erschweren lückenhafte und dezentral gelagerte Informationen die Identifizierung der verbliebenen Werke. Ein Forschungsteam an der Santa Clara University in Kalifornien setzt nun auf Künstliche Intelligenz, um diese Datenlücke zu schließen.
Die Herausforderung der Provenienzforschung
Das Schicksal des Wiener Varieté-Stars Fritz Grünbaum dient als mahnendes Beispiel für das Ausmaß des Kunstraubs. Nachdem Grünbaum 1938 in das Konzentrationslager Dachau verschleppt und später ermordet wurde, wurde seine Kunstsammlung geplündert. Erst nach jahrzehntelangen Bemühungen konnten einige dieser Werke, darunter Zeichnungen von Egon Schiele, an seine Nachfahren restituiert werden. Solche Fälle sind keine Einzelschicksale: Schätzungen zufolge wechselten zwischen 1933 und 1945 bis zu 700.000 Kunstobjekte unter Verfolgungsdruck den Besitzer; bezieht man religiöse Gegenstände und Bücher mit ein, gehen Experten von Millionen Objekten aus.
Die Schwierigkeit bei der Rückgabe liegt oft nicht in einem totalen Informationsmangel, sondern in der Zersplitterung der Daten. Provenienzangaben sind über eine Vielzahl von Archiven, Auktionskatalogen und Museumsdatenbanken weltweit verstreut. Unterschiedliche Datenbankstrukturen, uneinheitliche Schreibweisen von Namen und eine unvollständige Digitalisierung erschweren die Zusammenführung dieser Informationen erheblich.
Funktionsweise des KI-Assistenten
Der von Wirtschaftswissenschaftler Michael Santoro und seinem Team entwickelte „AI Provenance Assistant“ soll diese isolierten Datenbestände miteinander verknüpfen. Als Ausgangsbasis dient das Register des Pariser Musée Jeu de Paume. Während der deutschen Besatzung fungierte das Museum als zentraler Umschlagplatz für den Kunstraub in Europa. Zehntausende Objekte wurden dort erfasst, bevor sie an NS-Größen oder deutsche Museen verteilt wurden. Die Forscher haben über 30.000 Datensätze aus diesem Register für die KI aufbereitet.
In ersten Tests konnte das System bereits Zusammenhänge aufzeigen, etwa bei der Identifizierung von Werken, die an führende Nationalsozialisten gelangten. So deutet die KI darauf hin, dass 81 von 208 registrierten Objekten, die an NS-Funktionäre gingen, direkt an Adolf Hitler geliefert wurden. Solche quantitativen Auswertungen sind jedoch noch nicht unabhängig verifiziert.
Aktueller Entwicklungsstand und Perspektiven
Das Projekt befindet sich in einem frühen Stadium. Berichte des Magazins „ARTnews“ weisen darauf hin, dass das System derzeit noch mit Fehlern behaftet ist. Bei Suchanfragen traten vereinzelt unbrauchbare Tabellen oder inhaltlich falsche Einträge auf. Die Entwickler betrachten die KI jedoch als lernendes System, das ähnlich wie in der medizinischen Forschung durch die Zunahme an Daten und kontinuierliche Verfeinerung der Algorithmen präziser werden soll.
Die nächsten Schritte sehen vor, weitere Datenbanken in das System zu integrieren und die Suchmechanismen in enger Zusammenarbeit mit Provenienzforschern zu optimieren. Langfristig ist die Gründung einer Stiftung geplant, die das Tool Forschungseinrichtungen zur Verfügung stellen soll. Das Ziel ist eine breitere Anwendung des Systems, die über die NS-Raubkunst hinausgehen könnte: In Zukunft soll die Technologie auch dabei helfen, gestohlene Kulturgüter aus der Kolonialzeit in Afrika oder Lateinamerika aufzuspüren.