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Klimawandel: Zementwerke lassen sich in CO2-Senken umwandeln
Technik · 14.08.2026 09:08

Klimawandel: Zementwerke lassen sich in CO2-Senken umwandeln

Kurz: Ein neues Verfahren der ETH Zürich und Heirloom Carbon Technologies könnte Zementwerke von Klimasündern in effektive CO2-Senken verwandeln.

Ein technologischer Durchbruch für die Zementindustrie

Die Zementherstellung zählt weltweit zu den größten Quellen für Treibhausgasemissionen und belastet das globale Klima massiv. Ein Forschungsteam der ETH Zürich hat in Kooperation mit dem US-amerikanischen Start-up Heirloom Carbon Technologies einen innovativen Ansatz entwickelt, um diesen Prozess grundlegend zu transformieren. Das Kernstück der Neuerung ist ein Verfahren, das als Kalzium-Looping bekannt ist. Dabei wird eine Methode genutzt, die ohnehin bereits in der Zementproduktion verankert ist, jedoch durch eine gezielte Modifikation in ihr Gegenteil verkehrt wird. Anstatt lediglich Emissionen zu verursachen, könnten Zementwerke unter bestimmten Bedingungen in der Zukunft als aktive Kohlenstoffsenken fungieren. Dies bedeutet, dass sie mehr CO2 aus der Atmosphäre entfernen, als sie während ihres Betriebes ausstoßen. Die Technologie bietet das Potenzial, die Umweltbilanz eines der klimaschädlichsten Industriezweige der Welt signifikant zu verbessern, sofern die nachfolgende Einspeicherung des abgeschiedenen Kohlenstoffdioxids erfolgreich und dauerhaft umgesetzt werden kann.

Die Funktionsweise des Kalzium-Loopings im Detail

Das Verfahren basiert auf einer chemischen Umkehrung der sogenannten Kalzinierung. Bei der herkömmlichen Zementherstellung zerfällt Kalkstein unter Hitzeeinwirkung in Branntkalk und Kohlenstoffdioxid. Der Branntkalk ist ein unverzichtbarer Bestandteil für die spätere Zementproduktion, doch genau dieser Schritt ist für die schlechte ökologische Bilanz verantwortlich. Im neuen Prozess wird der Branntkalk gelöscht, indem er mit Wasser vermischt wird. Dabei entsteht erneut Kalkstein, wobei das System aktiv CO2 aus der Umgebungsluft bindet. Wird dieser Kalkstein anschließend wieder gebrannt, wird das CO2 kontrolliert freigesetzt. Da die Konzentration des Gases im Ofen deutlich höher ist als in der freien Atmosphäre, lässt es sich wesentlich effizienter einfangen. Dieser Kreislauf, der sich beliebig oft wiederholen lässt, bildet das Herzstück des Kalzium-Loopings. Die Studie, die in der Fachzeitschrift Chem Circularity veröffentlicht wurde, unterstreicht, dass bei optimaler Prozessführung pro Tonne gebundenem CO2 lediglich 40 Kilogramm an unvermeidbarem Treibhausgasausstoß anfallen, was eine beeindruckende Netto-Bilanz darstellt.

Der entscheidende Wandel in der Energieversorgung

Ein kritischer Aspekt für den Erfolg dieses Verfahrens ist die Umstellung der Energiequelle für die Öfen. Bisher wird die für die Kalzinierung notwendige Hitze in den meisten Zementwerken durch die Verbrennung fossiler Energieträger wie Gas oder Kohle erzeugt. Die Forscher betonen, dass allein die Umstellung auf eine elektrische Beheizung der Öfen den CO2-Ausstoß um nahezu 80 Prozent reduzieren kann. Erst durch diese Elektrifizierung wird das Kalzium-Looping zu einem wirkungsvollen Instrument gegen den Klimawandel. Die Kombination aus elektrisch betriebenen Öfen und der gezielten Abscheidung des Gases ermöglicht es, dass die Anlage nicht mehr nur als Emissionsquelle, sondern als Filter für die Atmosphäre fungiert. Die Zementproduktion, die aktuell für bis zu acht Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich ist – ein Wert, der das Dreifache der gesamten Luftfahrtindustrie übersteigt –, könnte somit eine zentrale Rolle bei der Dekarbonisierung der Industrie spielen.

Die Akteure hinter der Innovation

An der Entwicklung dieser Technologie sind maßgeblich zwei Akteure beteiligt: das renommierte Forschungsteam der ETH Zürich sowie das US-amerikanische Unternehmen Heirloom Carbon Technologies. Heirloom hat bereits in Kalifornien eine kommerzielle Kalzium-Looping-Anlage in Betrieb genommen, die als praktischer Beweis für die Machbarkeit des Konzepts dient. Die Zusammenarbeit vereint wissenschaftliche Grundlagenforschung mit industrieller Anwendungserfahrung. Während die ETH Zürich die theoretischen und chemischen Prozesse optimiert und analysiert hat, bringt Heirloom die nötige Expertise für den Betrieb solcher Anlagen in einem kommerziellen Umfeld mit. Diese Kooperation zeigt auf, wie durch den Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die industrielle Praxis neue Wege für den Klimaschutz geebnet werden können. Die Beteiligten setzen dabei auf ein chemisches Prinzip, das in der Zementindustrie bereits seit Jahrzehnten etabliert ist, und nutzen dieses Wissen nun für eine völlig neue Zielsetzung: die aktive Entnahme von Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre.

Einordnung der technologischen Möglichkeiten

Einzuordnen ist das Verfahren als ein vielversprechender Ansatz zur Bewältigung der industriellen Emissionen. Den Berichten zufolge ist die Methode besonders attraktiv, da sie auf bestehende Infrastrukturen aufbaut, anstatt das Rad völlig neu zu erfinden. Dennoch ist die Technologie kein Selbstläufer. Die Forscher weisen darauf hin, dass die Skalierung für den großindustriellen Einsatz noch erhebliche technische Anpassungen erfordert. Insbesondere die Öfen müssen für die neuen Anforderungen modifiziert werden, und die Anlagen, die den Branntkalk mit der Außenluft in Kontakt bringen, bedürfen einer weiteren Optimierung, um die Effizienz der CO2-Bindung zu maximieren. Darüber hinaus ist das Verfahren stark von externen Rahmenbedingungen abhängig. Damit sich die Investitionen in diese Technik wirtschaftlich rechnen, ist eine entsprechende CO2-Bepreisung am jeweiligen Standort der Produktion zwingend erforderlich. Ohne einen finanziellen Anreiz bleibt die Umstellung auf elektrisch betriebene Anlagen für viele Unternehmen ökonomisch unattraktiv, selbst wenn der ökologische Mehrwert unbestreitbar ist.

Offene Fragen und zukünftige Herausforderungen

Trotz der positiven Ergebnisse der Studie bleiben einige Fragen unbeantwortet, die für die breite Anwendung entscheidend sein werden. Der Quelltext macht keine expliziten Angaben dazu, wie die langfristige und sichere Speicherung des eingefangenen CO2 in großem Maßstab erfolgen soll. Auch die Kostenstruktur für die notwendige Umrüstung bestehender Zementwerke auf elektrische Öfen wird nicht im Detail aufgeschlüsselt. Zudem bleibt unklar, wie schnell die Technologie in bestehende, teils veraltete Industrieanlagen integriert werden kann, ohne den laufenden Betrieb zu gefährden. Ebenso wenig wird thematisiert, inwieweit die Verfügbarkeit von günstigem, grünem Strom an den Standorten der Zementwerke gegeben ist, was für die CO2-Bilanz des gesamten Prozesses jedoch essenziell ist. Die Lücke zwischen der theoretischen Machbarkeit im Labor oder in Pilotanlagen und dem flächendeckenden Einsatz in der weltweiten Zementindustrie bleibt somit eine Herausforderung, die über die rein chemische Prozessführung hinausgeht und vor allem wirtschaftliche sowie logistische Fragen aufwirft.

Ausblick auf die weitere Entwicklung

Wie es weitergeht, hängt nun maßgeblich von der technischen Weiterentwicklung der Anlagen und den politischen Rahmenbedingungen ab. Die Forscher arbeiten daran, die Öfen für den großindustriellen Einsatz anzupassen und die Kontaktflächen für die CO2-Aufnahme weiter zu optimieren. Ein entscheidender Faktor für die Zukunft wird sein, ob es gelingt, die notwendigen politischen Anreize in Form einer CO2-Bepreisung zu schaffen, die den wirtschaftlichen Betrieb dieser Anlagen erst ermöglichen. Die Forschungsergebnisse, die in Chem Circularity publiziert wurden, dienen dabei als wissenschaftliche Grundlage für die nächsten Schritte. Es ist zu erwarten, dass weitere Pilotprojekte folgen werden, um die Effizienz der Methode unter realen Bedingungen weiter zu steigern. Die Transformation der Zementindustrie zu einer klimaneutralen oder gar klimapositiven Branche ist ein langfristiges Unterfangen, das neben technischem Fortschritt auch eine konsequente Anpassung der industriellen Infrastruktur und der regulatorischen Vorgaben erfordert.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/computer-labor-pharmazeutisch-wissenschaftler-9574502/ · Foto: Tima Miroshnichenko
Quelle: https://www.golem.de/news/klimawandel-zementwerke-lassen-sich-in-co2-senken-umwandeln-2608-211930.html