Ein Format an der Belastungsgrenze
Seit 2024 gewährt die Netflix-Produktion „Kaulitz & Kaulitz“ Einblicke in das Leben der Tokio-Hotel-Musiker Bill und Tom Kaulitz. Was als unterhaltsame Dokumentation über das Jetset-Leben zwischen den USA und Deutschland begann und 2025 sogar mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, zeigt mit der nun veröffentlichten dritten Staffel deutliche Ermüdungserscheinungen. Die acht neuen Episoden, die seit dem 23. Juli verfügbar sind, lassen den einstigen Schwung vermissen.
Wenn Routine die Unterhaltung ersetzt
Die erzählerische Struktur der Serie bleibt den bewährten Mustern der Vorgänger treu. Der Alltag der Zwillinge setzt sich weiterhin aus einer Aneinanderreihung von Renovierungsprojekten, Poolpartys, Fotoshootings und Konzertauftritten zusammen. Dabei wirkt die Dramaturgie oft beliebig: Während Ereignisse wie die Hochzeit des Bandkollegen Georg Listing fragmentarisch über mehrere Folgen gestreckt werden, huschen andere Szenen – etwa ein Dialog über Bills fehlendes Schwimmabzeichen – ohne erkennbaren Mehrwert an der Zuschauerschaft vorbei.
Die inhaltliche Leere wird besonders bei der Darstellung von Bills Datingleben deutlich. Wiederholt sich das Muster der vorangegangenen Staffeln, in denen Bill Kaulitz auf Partner trifft, die an einer ernsthaften Beziehung wenig Interesse zeigen, wirkt dies mittlerweile vorhersehbar und wenig inspirierend. Der eingeübte Schlagabtausch der Brüder, der lange Zeit das Herzstück der Serie bildete, kann die fehlende inhaltliche Substanz in der dritten Staffel kaum noch kaschieren.
Die Marke Kaulitz: Vom Musiker zum Mediensternchen
Der Aufstieg der Zwillinge begann 2005 mit dem kometenhaften Erfolg von Tokio Hotel und dem Hit „Durch den Monsun“. Doch während die Musikkarriere heute eher eine Randnotiz darstellt, haben sich Bill und Tom Kaulitz längst zu einer eigenen Marke entwickelt. Ob als Juroren bei „The Voice of Germany“, durch die Verbindung zu Heidi Klum oder den erfolgreichen Podcast „Kaulitz Hills“ – die Brüder sind in der deutschen Medienlandschaft omnipräsent. Ihr Erfolg basiert dabei maßgeblich auf ihrer Fähigkeit, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen und ihre gegenseitige Dynamik geschickt zu vermarkten.
Lichtblicke in der Vergangenheit
Einzig in den Momenten, in denen die Serie den Blick zurück in die Kindheit in Loitsche bei Magdeburg richtet, gewinnt sie an Tiefe. Die Erzählungen der Mutter über das von Gewalt und dem Umfeld durch Rechtsradikale geprägte Aufwachsen der Brüder verleihen dem Format eine menschliche Komponente, die den glatten Lifestyle-Szenen oft fehlt. Der Besuch der alten Heimat und die nachträgliche Abschlussfeier, die die abgebrochene Schullaufbahn der Musiker symbolisch aufgreift, gehören zu den emotionalen Höhepunkten der neuen Folgen.
Ausblick: Ist der Zenit überschritten?
Die Frage, die sich nach dem Ansehen der dritten Staffel stellt, ist die nach der Zukunftsfähigkeit des Formats. Die Serie wirkt wie eine Party, deren Glanz verflogen ist. Während die Protagonisten als Persönlichkeiten weiterhin eine hohe Anziehungskraft besitzen, scheint das Konzept der Reality-Serie nach drei Staffeln ausgereizt. Ob es eine vierte Staffel geben wird oder ob die Produktion hier einen würdigen Abschluss findet, bleibt abzuwarten. Die aktuelle Staffel legt jedenfalls nahe, dass eine kreative Neuausrichtung oder ein Ende der Serie angebracht wäre.