Konflikt am Steinbrücker Teich
Die Stadt Darmstadt hat eine drastische Maßnahme ergriffen, um der wachsenden Population invasiver Nilgänse im Naherholungsgebiet "Steinbrücker Teich" zu begegnen. Wie die Stadtverwaltung mitteilte, wurde die Jagd auf die Tiere freigegeben. Künftig sollen drei bis vier Mal pro Woche gezielte Einsätze stattfinden, um die Anzahl der Vögel vor Ort spürbar zu verringern. Während die Stadt die Notwendigkeit dieses Schrittes mit dem Schutz der öffentlichen Flächen und der Lebensqualität der Bürger begründet, regt sich von Naturschutzseite Widerstand.
Gründe für das Eingreifen der Stadt
Der Steinbrücker Teich ist derzeit von einer hohen Dichte an Nil- und Kanadagänsen betroffen. Die Stadtverwaltung nennt eine Reihe von Problemen, die den Alltag der Erholungssuchenden einschränken. Besonders kritisch wird die Situation auf Spielplätzen und Liegewiesen bewertet, die durch den Kot der Tiere stark verunreinigt sind. Dies führt dazu, dass Familien die Flächen nur noch eingeschränkt nutzen können.
Neben der hygienischen Belastung führt die Stadt folgende Punkte an:
- Schäden an Uferbereichen und Grünanlagen durch Fraß und Tritt.
- Zerstörung von Abfallbehältern, was zu weiterem Müllaufkommen führt.
- Aggressives Verhalten der Tiere gegenüber Menschen, insbesondere während der Brut- und Setzzeit.
Bisherige Versuche, die Tiere durch Vergrämungsmaßnahmen von den Flächen fernzuhalten, blieben laut Stadtverwaltung wirkungslos. Auch die regelmäßige Reinigung der Flächen biete nur kurzfristige Erleichterung.
Sicherheitsvorkehrungen bei der Jagd
Grünflächendezernent Michael Kolmer (Grüne) betont, dass die Stadt kein "wildtierfreies Darmstadt" anstrebe. Vielmehr gehe es darum, die Kotbelastung dauerhaft zu senken und den Gänsen ihren natürlichen Fluchtabstand zum Menschen zurückzugeben. Um die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten, unterliegen die Jagdeinsätze strengen Auflagen:
- Die Einsätze werden durch einen Wildtierbeauftragten koordiniert.
- Die Jagd findet ausschließlich außerhalb der regulären Nutzungszeiten statt.
- Betroffene Areale werden vorab gesichert.
Einordnung: Die Nilgans als Neozoon
Die Nilgans stammt ursprünglich aus Afrika und wurde durch den Menschen in Europa angesiedelt. Sie gilt als Neozoon – eine gebietsfremde Art. Nach Schätzungen des Naturschutzbundes (NABU) leben in Hessen derzeit rund 20.000 Nilgänse, wobei der Schwerpunkt der Verbreitung im Rhein-Main-Gebiet und in Südhessen liegt. Die Tendenz der Bestandszahlen ist weiter steigend.
Der NABU ordnet die Tiere zwar nicht als generelle Bedrohung für das Ökosystem ein, erkennt jedoch das Potenzial für lokale Konflikte an. Dennoch lehnt der Verband die Bejagung als Mittel zur Bestandsreduktion ab. Die Naturschützer argumentieren, dass die reguläre Jagd bei einer sich dynamisch ausbreitenden Art kaum Auswirkungen auf die langfristige Bestandsentwicklung habe.
Alternative Ansätze: Das Beispiel Frankfurt
Andere Kommunen gehen mit der Problematik anders um. In Frankfurt am Main, wo Nilgänse ebenfalls Grünanlagen und Freibäder verschmutzen, wird auf eine Bejagung verzichtet. Die Stadt verweist auf gesetzliche Hürden und einen unverhältnismäßig hohen Aufwand, etwa durch notwendige polizeiliche Sperrungen von Flächen.
Stattdessen setzt Frankfurt auf sogenannte "Lenkungsmaßnahmen". Diese Strategie wird auch vom NABU favorisiert. Ziel ist es, den Lebensraum für die Gänse unattraktiver zu gestalten, indem man ihnen die Sicht auf potenzielle Feinde versperrt. Konkret bedeutet das:
- Anpflanzung von Hecken.
- Belassen von hochgewachsenen Grasstreifen.
- Aufstellen von Sichtschutzzäunen.
Durch diese Maßnahmen wird die Umgebung für die Vögel unübersichtlich, was sie dazu veranlassen soll, sich andere Standorte zu suchen. Ob solche Maßnahmen in Darmstadt langfristig ausgereicht hätten oder ob die Bejagung als notwendiges Ergänzungsinstrument bestehen bleibt, wird von der weiteren Entwicklung der Populationsdichte am Steinbrücker Teich abhängen.