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Innsbrucker Festwochen: Pompöser Zickenkrieg
Politik · 10.08.2026 20:13

Innsbrucker Festwochen: Pompöser Zickenkrieg

Kurz: Zum 50. Jubiläum der Innsbrucker Festwochen wagt Ottavio Dantone die Rekonstruktion von Antonio Cestis monumentaler Barockoper „Il pomo d’oro“.

Ein barockes Mammutprojekt kehrt zurück

Die 50. Innsbrucker Festwochen Alter Musik starteten mit einem künstlerischen Kraftakt: Die szenische Wiederaufführung von Antonio Cestis „Il pomo d’oro“. Das Werk, das 1668 in Wien uraufgeführt wurde, galt lange Zeit als unspielbar. Die Partitur war nur lückenhaft überliefert, was das monumentale Stück für Jahrhunderte von den Spielplänen verbannte. Unter der Leitung von Ottavio Dantone gelang nun die Rekonstruktion, die das Tiroler Landestheater in ein Zentrum barocker Pracht verwandelte.

Der Titel der Oper, der übersetzt „Der goldene Apfel“ bedeutet, spielt auf den mythologischen Zankapfel an. In der Handlung führt dieser zum Streit zwischen den Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite – bei Cesti als Giunone, Pallade und Venere bezeichnet. Der trojanische Königssohn Paris wird als Schiedsrichter eingesetzt, was letztlich den Trojanischen Krieg einleitet. Doch Cesti und sein Librettist Francesco Sbarra wählten ein versöhnlicheres Ende: Der Streit wird beigelegt, um den Ruhm des Hauses Habsburg zu feiern, wobei der Apfel einer idealisierten Herrscherin zugesprochen wird.

Herausforderung Rekonstruktion

Die historische Bedeutung von „Il pomo d’oro“ ist kaum zu überschätzen. Es gilt als das aufwendigste Opernprojekt der Barockzeit. Bereits die Uraufführung im 17. Jahrhundert war von Verzögerungen geprägt, da das eigens errichtete Theater nicht rechtzeitig fertiggestellt werden konnte. Die ursprüngliche Aufführung dauerte fast zehn Stunden und erforderte eine komplexe Bühnenmaschinerie für Seestürme und Göttererscheinungen.

Für die Innsbrucker Produktion nahm Dantone eine philologische und interpretatorische Herkulesaufgabe auf sich. Da zwei der fünf Akte als verschollen galten, nutzte er das erhaltene Libretto sowie weitere Fragmente Cestis, um die Lücken zu schließen. Rund drei Dutzend Arien mussten zudem neu instrumentiert werden, da sie lediglich als Gesangslinie mit Continuo-Begleitung vorlagen. Dantone stützte sich dabei auf seine umfassende Kenntnis des Gesamtwerks von Cesti.

Zwischen Mythos und moderner Satire

Die Regie von Fabio Ceresa interpretiert den Stoff als groteske Misswahl. Das zwanzigköpfige Ensemble agiert in einer Inszenierung, die den antiken Zickenkrieg der Göttinnen in den Kontext einer modernen, oft narzisstischen Weltpolitik rückt. Bühnenbildner Nikolaus Webern schuf eine Bilderflut, die barocke Ästhetik mit Anspielungen auf heutige Machtstrukturen und korrupte Hinterzimmer-Deals verbindet. Dieser Kontrast zwischen historischem Prunk und beißendem, zeitgenössischem Spott zieht sich durch die gesamte Aufführung.

Die musikalische Umsetzung durch die Accademia Bizantina unter Dantones Leitung wird als präzise und farbenreich beschrieben. Unterstützt von einer opulenten Ausstattung mit 260 Kostümen, entfaltet sich ein Panorama, das sowohl sängerisch als auch schauspielerisch hohe Anforderungen an das Ensemble stellt. Die Besetzung, darunter Mauro Borgioni als Paris und Sophie Rennert als Giunone, überzeugt durch technische Brillanz und darstellerische Intensität.

Ein Erfolg für die Alte Musik

Die Resonanz auf das Wagnis war beeindruckend. Das Premierenpublikum honorierte die enorme Leistung aller Beteiligten mit über viertelstündigen Ovationen. Dass ein derart komplexes und über Jahrhunderte vernachlässigtes Werk heute wieder in voller Länge erlebbar ist, unterstreicht den Stellenwert der Innsbrucker Festwochen. Die Produktion zeigt, dass Barockoper weit mehr als ein historisches Relikt ist – sie bietet eine Plattform für aktuelle gesellschaftliche Reflexion, verpackt in eine opulente musikalische Sprache, die nach wie vor eine starke Anziehungskraft ausübt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/modell-eines-tanks-auf-weissem-hintergrund-35546855/ · Foto: Matias Luge
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/oper/il-pomo-d-oro-von-cesti-in-innsbruck-accg-201110695.html