Ein Trend aus dem Süden erreicht Hessen
Was in südeuropäischen Ländern wie Italien oder Spanien längst zum Standard gehört, gewinnt in Hessen zunehmend an Bedeutung. Angesichts von Hitzewellen, die in ihrer Dauer und Intensität zunehmen, suchen immer mehr Menschen nach Wegen, ihre Wohnräume abzukühlen. Die Marktforscher von NIQ verzeichneten im ersten Halbjahr 2026 einen deutlichen Anstieg: Rund 387.000 mobile Klimageräte wurden bundesweit verkauft – ein Wert, der die Verkaufszahlen des Vorjahreszeitraums mehr als verdoppelt hat.
Sind Klimaanlagen künftig unverzichtbar?
Fachleute blicken differenziert auf diese Entwicklung. Klaus Vajen, Physiker an der Universität Kassel, prognostiziert, dass Klimaanlagen in Teilen Deutschlands künftig zum Standard gehören könnten. Während sich kurze Hitzeperioden oft durch nächtliches Lüften oder konsequente Verschattung überbrücken lassen, stoßen diese Methoden bei lang anhaltenden Hitzewellen von zehn oder elf Tagen an ihre Grenzen. In solchen Phasen seien Klimaanlagen laut Vajen kaum noch zu ersetzen.
Auch Sven Linow, Professor für Thermodynamik und Umwelttechnik an der Hochschule Darmstadt, sieht einen wachsenden Bedarf. Insbesondere in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Hochschulen sowie in Wohnungen seien die Geräte bei mangelndem baulichem Hitzeschutz kaum zu vermeiden. In sensiblen Bereichen wie Krankenhäusern oder Krippen, in denen sich besonders schutzbedürftige Personengruppen aufhalten, ist der Einsatz laut Linow bereits heute sinnvoll.
Energiebilanz und Klimaschutz
Das Vorurteil, Klimaanlagen seien reine Stromfresser, relativiert sich nach Einschätzung der Experten. Klaus Vajen verweist auf den Ausbau der Photovoltaik: Da im Sommer häufig ein Überschuss an Solarstrom produziert wird, sei der Betrieb einer Klimaanlage energetisch vertretbar. Auch die Entwicklung bei den Kältemitteln habe Fortschritte gemacht; besonders klimaschädliche Stoffe werden zunehmend durch modernere Alternativen ersetzt.
Dennoch bleibt der Rat der Wissenschaftler, nicht vorschnell zu investieren. Ein kritischer Faktor bei älteren Geräten ist die Dichtigkeit, da austretende Kältemittel die Umwelt belasten können. Wer über eine Photovoltaikanlage verfügt, kann den Strombedarf der Kühlung zudem direkt vor Ort decken.
Die Prioritätenliste für ein kühles Zuhause
Bevor der Kauf eines Klimageräts in Erwägung gezogen wird, sollten bauliche und einfache Maßnahmen ausgeschöpft werden. Die Experten empfehlen eine klare Priorisierung:
1. **Verschattung:** Außenjalousien, Rollläden oder Markisen sind die effektivsten Mittel, um Hitze gar nicht erst in das Gebäude gelangen zu lassen.
2. **Lüftungsmanagement:** Fenster sollten tagsüber geschlossen bleiben. Gelüftet werden sollte nur nachts, sofern die Außentemperaturen tatsächlich deutlich unter die Innentemperatur sinken.
3. **Ventilatoren:** Sie kühlen zwar nicht die Raumluft, sorgen aber durch Luftbewegung für eine spürbare Abkühlung der Personen bei deutlich geringerem Stromverbrauch.
4. **Umgebung:** Bäume, Fassadenbegrünung und Grünflächen im Umfeld des Gebäudes wirken als natürliche Klimaanlagen.
Mobile Geräte oder Split-Anlagen?
Wer sich für den Kauf entscheidet, steht vor der Wahl zwischen mobilen Einheiten und fest installierten Split-Anlagen. Technisch gelten Split-Systeme, bestehend aus einem Innen- und einem Außengerät, als effizienter. Da kein Fenster für einen Abluftschlauch geöffnet bleiben muss, geht weniger Kühlleistung verloren. Laut Verbraucherzentrale verursachen mobile Geräte jährliche Stromkosten zwischen 40 und 140 Euro. Split-Anlagen können trotz höherer Anschaffungskosten über die Jahre hinweg wirtschaftlicher sein.
Uwe Loth, Landesinnungsmeister für Sanitär- und Klimatechnik, weist darauf hin, dass Split-Anlagen Räume schnell kühlen und bei effizienter Nutzung moderate Betriebskosten verursachen. Dennoch haben mobile Geräte ihre Daseinsberechtigung, insbesondere für Mieter, da sie keinen Wanddurchbruch erfordern und bei einem Umzug einfach mitgenommen werden können.
Nachhaltigkeit durch bessere Gebäudeplanung
Die nachhaltigste Lösung bleibt jedoch die Vermeidung von Hitze durch eine vorausschauende Architektur. Experten fordern, bei Sanierungen von Schulen, Kitas und Krankenhäusern den Hitzeschutz zwingend mitzudenken. Langfristig wird es darauf ankommen, Gebäude so zu gestalten, dass sie auch ohne aktive Kühlung ein angenehmes Raumklima bieten können.