Ein elektrisches Riesen-SUV auf großer Fahrt
Kann ein Elektroauto mit fünf Personen und umfangreichem Urlaubsgepäck problemlos die Reise ans Mittelmeer bewältigen? Um diese Frage zu beantworten, begab sich ein Praxistest mit dem Volvo EX90 von Berlin an die ligurische Küste. Das 5,04 Meter lange SUV, das seit zwei Jahren auf dem Markt ist, erhielt im Frühjahr 2026 ein bedeutendes technisches Upgrade. Zu den Neuerungen zählt ein 800-Volt-System, das Ladeleistungen von bis zu 350 Kilowatt ermöglicht. Zudem setzt Volvo nun auf zwei Nvidia Drive-AGX-Orin-Prozessoren, um die zuvor als fehleranfällig geltende Software-Architektur zu stabilisieren.
Reichweite und Ladestrategie
Für den Test wurde die Hinterradantrieb-Variante gewählt, die zwar weniger Strom verbraucht als die Allradversion, jedoch über einen kleineren Akku verfügt. Während die Allradmodelle 103 kWh Kapazität bieten, kommt das Testmodell auf 90 kWh. Dennoch verspricht der Hersteller eine Ladezeit von 22 Minuten für den Bereich von 10 auf 80 Prozent. Auf der rund 3.600 Kilometer langen Gesamtstrecke lag der durchschnittliche Verbrauch bei 19,3 kWh pro 100 Kilometer. Die Routenplanung erwies sich dabei als zwiespältig: Während die automatische Berechnung schnell und präzise arbeitet, erschwert das System manuelle Eingriffe oder das gezielte Hinzufügen von Ladestopps.
Bedienung und Software-Herausforderungen
Im Innenraum setzt Volvo auf ein aufgeräumtes Design mit einem 14,5-Zoll-Zentraldisplay und reduziert physische Tasten weitgehend. Diese minimalistische Ausrichtung führt im Alltag jedoch zu Herausforderungen:
* **Klimatisierung:** Die Steuerung der Klimaanlage erfordert während der Fahrt ständige Aufmerksamkeit und wirkt umständlich.
* **Assistenzsysteme:** Der Tempolimitwarner lässt sich nur schwer deaktivieren, und die Verkehrszeichenerkennung zeigte sich im Test nicht immer zuverlässig.
* **Stabilität:** Trotz der neuen Prozessoren gab es Aussetzer; so fiel das Fahrerdisplay während der Fahrt einmal komplett aus.
* **Schlüssel-Problematik:** Die Schlüsselkarte muss zum Starten in einer Ladeschale liegen, wird dort aber oft nicht sofort erkannt.
Infrastruktur in Italien
Die Reise verdeutlichte die Abhängigkeit von einer funktionierenden Ladeinfrastruktur. Vorab wurden Apps für lokale Anbieter wie Duferco Energia und Plenitude on the Road installiert. In der Praxis zeigte sich jedoch, dass nicht alle Ladesäulen in den Apps verzeichnet sind und gelegentlich manuelle Eingaben von Ladepunkt-Codes erforderlich waren. Ein besonderes Ärgernis stellte ein defekter 800-Volt-Lader am Zielort dar, der die Reiseplanung vor Herausforderungen stellte. Zudem kann das Fahrzeug nur eine einzige Ladekarte für "Plug & Charge" hinterlegen, was die Flexibilität bei verschiedenen Anbietern einschränkt.
Platzangebot und Alltagstauglichkeit
Abseits der Software-Themen punktet der EX90 durch sein Raumangebot. Mit umgeklappten Rücksitzen stehen 2.135 Liter Stauraum zur Verfügung. Die dritte Sitzreihe ist jedoch primär für Kinder geeignet. Beim Rangieren in engen italienischen Bergdörfern erweist sich die 360-Grad-Kamera als unverzichtbares Hilfsmittel für das große SUV. Trotz der technischen Hürden und der teils komplexen Bedienung erreichte das Fahrzeug sein Ziel ohne größere Zwischenfälle, was die prinzipielle Langstreckentauglichkeit moderner Elektro-SUV unterstreicht.