Die Dominanz der Hyperscaler und der Ruf nach Souveränität
Digitale Infrastrukturen bilden das Rückgrat der modernen Wirtschaft und Verwaltung. Dennoch ist die Abhängigkeit von globalen Cloud-Plattformen in Europa massiv. Daten der Synergy Research Group aus dem Jahr 2025 verdeutlichen das Ungleichgewicht: Rund 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes entfallen auf die US-amerikanischen Hyperscaler Amazon, Microsoft und Google. Europäische Anbieter erreichen im Vergleich dazu lediglich einen Marktanteil von etwa 15 Prozent.
Dieser Zustand gerät zunehmend unter Druck. Geopolitische Spannungen, die Anfälligkeit globaler Lieferketten sowie steigende Kosten für Hardware und Energie zwingen die EU zum Handeln. Hinzu kommt ein regulatorischer Schub, der darauf abzielt, die Kontrolle über kritische Daten und Infrastrukturen zurückzugewinnen.
Regulatorische Rahmenbedingungen: Der Digital Networks Act
Ein zentraler Baustein der europäischen Strategie ist der Digital Networks Act (DNA), der seit dem 21. Januar 2026 in Kraft ist. Mit diesem Regelwerk modernisiert die EU die bestehenden Telekommunikationsvorschriften. Dies umfasst Anpassungen am EU-Electronic-Communications-Code, dem Radio-Spectrum-Programme sowie Teile der Open-Internet-Regelung. Ein wesentliches Ziel des DNA ist die Einführung eines sogenannten Single Passports für Netzbetreiber, der den Zugang zu Märkten harmonisiert und bürokratische Hürden abbauen soll.
EURO-3C: Vernetzung durch Telco-Edge-Cloud
Um die Abhängigkeit von Anbietern außerhalb der EU weiter zu verringern, hat die Europäische Kommission im März 2026 das Projekt EURO-3C vorgestellt. Mit einem Budget von 75 Millionen Euro soll eine gemeinsame Telco-Edge-Cloud geschaffen werden. Das Projekt verfolgt den Ansatz, bestehende nationale Netze miteinander zu verknüpfen. Dies hat nicht nur strategische Vorteile bei der Unabhängigkeit, sondern bringt die Datenverarbeitung auch physisch näher an die Endnutzer, was Latenzzeiten und Effizienz verbessert.
Politische Initiativen und der Cloud & AI Development Act
Die Debatte um digitale Souveränität findet auch im Europäischen Parlament ihren Niederschlag. Aktuell steht der Cloud & AI Development Act (CAIDA) zur Diskussion. Europäische Unternehmen fordern in diesem Zusammenhang klare Definitionen von Souveränität sowie einen wirksamen Schutz vor unbefugten ausländischen Zugriffen. Ein weiterer Kernpunkt der Forderungen sind gezielte öffentliche Investitionen, um die Wettbewerbsfähigkeit heimischer Anbieter gegenüber den US-Giganten zu stärken.
Wege zur souveränen Cloud-Architektur
Die Erreichung digitaler Souveränität ist kein rein politisches Ziel, sondern eine architektonische Herausforderung. Konzepte wie Gaia-X, EuroStack und SECA spielen hierbei eine zentrale Rolle. Unternehmen stehen vor der Aufgabe, ihre Cloud-Strategien unter dem Prinzip „Sovereignty by Design“ neu zu bewerten. Dabei geht es darum, Architektur-Entscheidungen so zu treffen, dass Datenhoheit und technologische Unabhängigkeit von Beginn an integriert sind.
Die aktuelle Entwicklung zeigt, dass die europäische Cloud-Landschaft im Jahr 2026 an einem Wendepunkt steht. Während die Marktanteile der US-Hyperscaler weiterhin hoch sind, schaffen neue gesetzliche Rahmenbedingungen und technologische Verbundprojekte wie EURO-3C die Basis für eine eigenständigere digitale Infrastruktur. Der Erfolg dieser Maßnahmen wird maßgeblich davon abhängen, wie konsequent die regulatorischen Vorgaben in die Praxis umgesetzt werden und ob die europäischen Anbieter ihre technologischen Stärken in einem hart umkämpften Markt ausspielen können.