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Hanns Zischler im Gespräch: „Die Zumutung, Thomas Mann zu spielen, war mir sehr willkommen“
Kultur · 30.08.2026 16:27

Hanns Zischler im Gespräch: „Die Zumutung, Thomas Mann zu spielen, war mir sehr willkommen“

Kurz: Hanns Zischler spricht über seine Rolle als Thomas Mann in Pawel Pawlikowskis neuem Film „Vaterland“ und reflektiert über ein Leben zwischen Schauspiel und Lite

Was geschehen ist: Die Verkörperung einer literarischen Ikone

Der renommierte deutsche Schauspieler, Schriftsteller und Essayist Hanns Zischler hat in einem ausführlichen Gespräch Einblicke in seine neueste schauspielerische Herausforderung gegeben. In dem Film „Vaterland“ des polnischen Regisseurs Pawel Pawlikowski schlüpft Zischler in die Rolle des Schriftstellers Thomas Mann. Das Werk, das eine spezifische Episode aus dem Jahr 1949 beleuchtet, porträtiert den Nobelpreisträger in einem Moment tiefgreifender persönlicher und politischer Zerrissenheit. Die Handlung führt den Zuschauer durch ein Deutschland, das sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit befindet und zwischen den Fronten der Besatzungsmächte und der eigenen traumatischen Vergangenheit steht. Zischler beschreibt die Arbeit an diesem Projekt als eine außergewöhnliche Erfahrung, die sich durch eine besondere visuelle Strenge und eine hohe Konzentration auszeichnete. Dabei geht es nicht nur um die historische Figur Thomas Mann, sondern auch um die Frage nach Heimat und Identität in einem zerrissenen Land. Der Film, der unter anderem in Schlesien gedreht wurde, setzt sich mit der Instrumentalisierung des Dichters auseinander und zeigt den Kampf zwischen dem öffentlichen Repräsentanten und dem privaten Menschen.

Die Einzelheiten: Hinter den Kulissen von „Vaterland“

Die Produktion von „Vaterland“ zeichnet sich laut Zischler durch eine exakte Vorbestimmung der Szenen aus. Das Licht, die Kulisse und die Objekte waren so präzise arrangiert, dass der Schauspieler seinen festen Platz innerhalb des Bildes einnehmen musste. Im Gegensatz zu vielen anderen Produktionen, etwa denen von Steven Spielberg, verzichtet Pawlikowski auf eine schnelle Abfolge von Schnitten oder häufige Wechsel zwischen nahen und halbnahen Einstellungen. Diese Arbeitsweise erforderte eine enorme Konzentration, die Zischler in dieser Intensität zuletzt bei der Zusammenarbeit mit dem Kameramann Robby Müller erlebt hat. An der Seite von Sandra Hüller, die die Rolle der Erika Mann spielt, entfaltet sich die Dynamik einer Familie, die versucht, in einem kafkaesken Umfeld zu bestehen. Eine Schlüsselszene, in der Thomas Mann mit der Nachricht über den Weiterbetrieb des Konzentrationslagers Buchenwald als Straflager konfrontiert wird, verdeutlicht die Überforderung des Dichters. Zischler betont, dass er in der Darstellung dieser Momente sowohl auf Intuition als auch auf Kalkül setzte, um die subtilen Veränderungen in der Mimik und Haltung der Figur glaubhaft zu machen.

Hintergrund: Ein Roadmovie durch die deutsche Krise

Der Film spielt im Jahr 1949, einer Zeit, in der Deutschland in zwei Teile zerbrochen war – eine Entwicklung, die Thomas Mann als persönliche und nationale Katastrophe empfand. Die Handlung beginnt in Frankfurt, wo der Emigrant mit der unverhohlenen Verachtung der Westdeutschen konfrontiert wird, und führt weiter nach Weimar, wo er in der DDR mit politischem Kalkül empfangen wird. Der im Film zentral vorkommende Buick fungiert dabei als eine Art „Blase“, ein geschlossener Raum, in dem sich die Familie Mann bewegt. Zischler merkt an, dass die filmische Darstellung zwar auf historischen Gegebenheiten basiert, aber durch die künstlerische Gestaltung eine symbolische Überhöhung erfährt. Die Reise durch die vom Krieg gezeichneten Landschaften dient als Kulisse für eine Auseinandersetzung mit der Frage, was es bedeutet, deutsch zu sein. Der Film greift dabei Themen auf, die laut Zischler auch in der heutigen Debatte über Heimat und nationale Identität von Relevanz sind, wobei er die konzentrierte Form des polnischen Regisseurs besonders hervorhebt.

Die Beteiligten: Ein Zusammenspiel der Generationen

Neben Hanns Zischler, der Thomas Mann verkörpert, spielt Sandra Hüller eine zentrale Rolle als Erika Mann. Zischler lobt die akribische Vorbereitung seiner Kollegin, die es ermöglichte, ohne lange Absprachen eine Grundspannung zwischen den Figuren aufzubauen. Die Dynamik zwischen den beiden Charakteren ist geprägt von der dämmernden Erkenntnis, dass der Dichter für politische Zwecke instrumentalisiert wird, während die Tochter die Situation bereits vollständig durchschaut hat. Regisseur Pawel Pawlikowski wird als ein Filmemacher beschrieben, der genau weiß, was er will, was Zischler als „beruhigend“ empfindet. Unterstützt wurde die visuelle Ästhetik durch den Kameramann Łukasz Żal, dessen Blick für die Erzählung des Lichts von Zischler mit dem des legendären Robby Müller verglichen wird. Diese Zusammenarbeit zwischen den Akteuren und dem Regie-Team war entscheidend, um die beabsichtigte Atmosphäre der Fremdheit und der historischen Schwere des Stoffes einzufangen.

Einordnung: Die Deutung der Rolle und des Werks

Einzuordnen ist das Projekt laut Zischler als ein faszinierender Versuch, den Augenblick der Krise Deutschlands im Jahr 1949 einzufangen. Der Film sei kein klassisches Biopic, sondern eine Familiengeschichte, die durch die Figur Thomas Mann eine allgemeinere Dimension gewinne. Zischler reflektiert kritisch über die eigene Rolle: Es ging ihm nicht darum, bloß in die Haut des Schriftstellers zu schlüpfen, sondern die Haltungen zu erforschen, die dieser entwickelt hat. Den Berichten zufolge ist „Vaterland“ ein Film, der im deutschen Kino fremd wirkt, was Zischler auf die spezifische Perspektive des polnischen Regisseurs zurückführt. Die schauspielerische Leistung wird dabei als ein Prozess beschrieben, in dem die Grenze zwischen der historischen Person und der künstlerischen Interpretation verschwimmt. Die Darstellung des „Bösewichts“ oder des „Repräsentanten“ in dunklen Anzügen zieht sich wie ein roter Faden durch Zischlers späte Karriere, wobei er betont, dass das Entdecken einer gewissen „Infamie“ oder Seriosität in den Rollen durchaus reizvoll sei.

Offene Fragen: Was der Quelltext nicht klärt

Der Quelltext bietet zwar einen tiefen Einblick in die schauspielerische Arbeit und die inhaltliche Ausrichtung des Films, lässt jedoch einige Fragen offen. So wird nicht explizit dargelegt, wie die Rezeption des Films durch ein breiteres Publikum ausfallen könnte, da der Film zum Zeitpunkt des Gesprächs noch nicht offiziell angelaufen war. Auch bleibt unklar, welche weiteren historischen Figuren neben Thomas und Erika Mann im Film eine tragende Rolle spielen. Die genaue Struktur des Drehbuchs und ob es sich um eine rein fiktive Erzählung mit historischen Anleihen oder um eine strikte historische Aufarbeitung handelt, wird nur angedeutet. Ebenso fehlen Details zur Finanzierung und zur internationalen Produktion des Films, abgesehen von der Erwähnung, dass es sich um eine polnische Produktion über ein urdeutsches Thema handelt. Auch die Frage nach der langfristigen Wirkung solcher filmischen Auseinandersetzungen auf das kollektive Gedächtnis bleibt eine offene Reflexion des Schauspielers ohne abschließende Antwort.

Wie es weitergeht: Die Zukunft des Films und des Schauspielers

Für Hanns Zischler ist die Arbeit an „Vaterland“ ein weiterer Meilenstein in einer fast sechzigjährigen Karriere. Er betont, dass für ihn nach wie vor das Lesen und Schreiben die Basis seines Schaffens bildet. Die Balance zwischen dem fremdbestimmten Schauspielberuf und der selbständigen Arbeit als Autor, Übersetzer und Fotograf bleibt eine ständige Herausforderung. Zischler hat bereits weitere Projekte abgeschlossen, etwa ein Buch über die Geschichte des Bleistifts, das er noch vor Beginn der Dreharbeiten fertigstellen musste. Der Schauspieler deutet an, dass er auch in Zukunft auf eine Auswahl von Projekten setzen wird, bei denen er von der Vision des Regisseurs überzeugt ist. Ob und wann weitere Zusammenarbeiten mit Pawel Pawlikowski folgen werden, bleibt offen, doch die Zufriedenheit mit dem Ergebnis von „Vaterland“ lässt darauf schließen, dass dieser Film für Zischler einen besonderen Stellenwert in seiner Filmografie einnimmt, die er selbst mit Werken wie „Im Lauf der Zeit“ oder „Munich“ vergleicht.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/stadt-wahrzeichen-gebaude-architektur-25053933/ · Foto: detait
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/kino/ein-gespraech-mit-hanns-zischler-der-thomas-mann-im-film-vaterland-spielt-accg-201141209.html