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Groß-Zimmern: Künstler baut Dorfkirche zu Wohnhaus und Atelier um
Regional · 29.08.2026 16:57

Groß-Zimmern: Künstler baut Dorfkirche zu Wohnhaus und Atelier um

Kurz: In Groß-Zimmern verwandelt der Künstler Marcel Bender eine 250 Jahre alte, entweihte Pfarrkirche in sein privates Wohnhaus, Atelier und einen Ort der Begegnung.

Ein neues Kapitel für die St. Bartholomäus-Kirche

In der südhessischen Gemeinde Groß-Zimmern im Landkreis Darmstadt-Dieburg vollzieht sich derzeit ein bemerkenswerter Wandel. Die ehemalige Pfarrkirche St. Bartholomäus, ein historisches Gebäude aus dem Jahr 1775, erfährt eine grundlegende Umnutzung. Der Künstler Marcel Bender, der als Maler und Karikaturist tätig ist, hat das Gotteshaus erworben, um es in ein privates Wohnhaus, ein Kunstatelier und einen öffentlichen Begegnungsraum zu verwandeln. Was für viele wie ein ungewöhnliches Immobilienprojekt klingen mag, ist für den neuen Besitzer die Erfüllung eines lang gehegten Traums. Während das Gebäude gegenwärtig noch den Charakter einer Baustelle trägt, sind die ersten Wohnbereiche bereits bezogen. Bender, der sich selbst als Agnostiker bezeichnet, sieht in dem Projekt eine Möglichkeit, den historischen Raum mit neuem Leben zu füllen und einen Ort zu schaffen, der Menschen inspiriert und Hoffnung spendet. Die Transformation der Kirche ist dabei ein komplexes Unterfangen, das sowohl handwerkliches Geschick als auch eine enge Abstimmung mit den zuständigen Denkmalschutzbehörden erfordert, um den historischen Kern des 250 Jahre alten Bauwerks zu bewahren.

Details zum Umbau und zur Ausstattung

Der Umbau der ehemaligen Pfarrkirche umfasst umfangreiche bauliche Maßnahmen, um den sakralen Raum für moderne Wohn- und Arbeitsbedürfnisse nutzbar zu machen. Marcel Bender hat bereits auf der Empore einen Schlafbereich sowie ein Büro eingerichtet, während die ehemalige Sakristei nun als Küche dient. Der Hauptraum, in dem einst die Gottesdienste stattfanden, soll künftig als Atelier für seine künstlerische Arbeit sowie als Veranstaltungsort für Mal- und Zeichenkurse fungieren. Die historische Substanz ist dabei nur noch in Teilen erhalten; während Kirchenbänke und die Orgel bereits vor Jahren entfernt wurden, sind die Kanzel und die Emporenbrüstung als Zeugen der Vergangenheit verblieben. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der farblichen Gestaltung: Die Deckenmalereien, die Bender als gewöhnungsbedürftig empfindet – insbesondere die Darstellung von Engeln mit nackten Hinterteilen –, sollen verschwinden. Stattdessen wird die Decke in einem freundlichen Himmelblau gestrichen. Die restliche Farbgestaltung orientiert sich an historischen Vorgaben: Grau, Terrakotta-Rot, Gold und Blau-Türkis dominieren das neue Konzept. Die Herausforderung bei der Sanierung besteht zudem in der Beschaffenheit des 250 Jahre alten Mauerwerks, das eine spezielle Behandlung erfordert, um Feuchtigkeitsprobleme zu vermeiden, weshalb auf moderne Farben verzichtet werden muss.

Historischer Hintergrund und bisherige Nutzung

Die Geschichte der St. Bartholomäus-Kirche ist von mehreren Phasen geprägt. Erbaut im Jahr 1775, diente sie über fast zwei Jahrhunderte als religiöses Zentrum der Gemeinde. Mitte des 20. Jahrhunderts endete die Nutzung als Gotteshaus, da die Kirchengemeinde im Jahr 1979 in einen modernen Neubau umzog. Nach der offiziellen Entweihung, einem Prozess, bei dem das Gebäude von seiner sakralen Funktion entbunden wird, diente das Bauwerk zeitweise als Veranstaltungsort. Im Jahr 2004 wechselte die Immobilie in private Hände und stand in der Folgezeit über mehrere Jahre leer. In dieser Zeit erlebte das Gebäude verschiedene Umgestaltungen und wurde durch unterschiedliche Besitzer geprägt. Ein früherer Eigentümer, ein Antiquitätensammler, nutzte die Räumlichkeiten unter anderem zur Lagerung seiner umfangreichen Sammlung, zu der zeitweise mehr als 50 Kaminuhren gehörten. Von diesen sind heute nur noch wenige Exemplare übrig geblieben, die derzeit in einem Erker eines Kirchenfensters aufbewahrt werden. Diese wechselvolle Geschichte spiegelt sich in der heutigen Bausubstanz wider, die nun durch Benders Umbau eine neue, dauerhafte Zweckbestimmung erfährt.

Die Akteure und ihre Rollen

Zentraler Akteur dieses Projekts ist Marcel Bender. Der gebürtige Groß-Gerauer ist als Maler und Karikaturist tätig und arbeitet häufig als Schnellzeichner auf Messen und Veranstaltungen. Er sieht seine Rolle nicht nur als Hausherr, sondern als Bewahrer eines historischen Ortes. Seine Entscheidung, die Kirche zu kaufen, beschreibt er als einen Prozess, bei dem er sich vom Gebäude „gefunden“ fühlte, nachdem er das Inserat entdeckt hatte. Neben dem privaten Engagement spielt der Denkmalschutz eine entscheidende Rolle. Die Behörden haben die Genehmigung für die Umgestaltung erteilt, wobei Bender an strenge Auflagen gebunden ist. Diese Auflagen betreffen insbesondere die Materialwahl bei den Malerarbeiten und die Erhaltung der historischen Bausubstanz. Obwohl Bender aus der Kirche ausgetreten ist, agiert er in einem Spannungsfeld zwischen privater Nutzung und dem Erhalt eines Gebäudes, das für viele Menschen eine tiefgreifende spirituelle oder kulturelle Bedeutung hat. Unterstützt wird sein Vorhaben durch den Wunsch, den Raum wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wobei er als Vermittler zwischen Kunst und den Besuchern fungiert.

Einordnung des Projekts

Die Umnutzung von entweihten Kirchen zu Wohn- oder Kulturräumen ist ein Phänomen, das in Deutschland bereits mehrfach beobachtet wurde. Ein bekanntes Beispiel ist die Umwandlung einer Kirche in Bad Orb zu einer Kletterhalle. Die Einordnung des Projekts in Groß-Zimmern erfolgt im Kontext des Strukturwandels kirchlicher Immobilien. Wenn Gebäude entweiht oder profaniert werden, findet ein ritueller Akt statt, bei dem das Allerheiligste entfernt und das Ewige Licht gelöscht wird, um den Raum für weltliche Zwecke freizugeben. Den Berichten zufolge ist Benders Projekt als eine Form der Umnutzung zu verstehen, die den Charakter des Ortes respektiert, ohne ihn als Gotteshaus fortzuführen. Die Entscheidung, das Gebäude als Atelier und Begegnungsstätte zu nutzen, ist aus Sicht des Eigentümers eine Fortführung des ursprünglichen Gedankens, Menschen zusammenzubringen. Die Bewertung dieses Vorhabens fällt positiv aus, da es den Leerstand eines historischen Gebäudes beendet und durch die öffentliche Zugänglichkeit einen Mehrwert für die Gemeinde schafft, auch wenn die ursprüngliche sakrale Nutzung endgültig beendet ist.

Offene Fragen zur Bausubstanz

Trotz der detaillierten Planung und der bereits weit fortgeschrittenen Sanierungsarbeiten bleiben einige Aspekte des historischen Gebäudes rätselhaft. Eine der auffälligsten Lücken in der Dokumentation des Gebäudes betrifft eine kleine Klappe, die sich direkt neben der Eingangstür befindet. Diese ist aus massivem Stein gefertigt und lässt sich gegenwärtig nicht öffnen, da kein passender Schlüssel vorhanden ist. Was sich hinter dieser Klappe verbirgt, bleibt zum jetzigen Zeitpunkt völlig unklar. Es ist nicht bekannt, ob es sich um einen ehemaligen Tresor, einen Hohlraum für Reliquien oder einen anderen funktionalen Bestandteil der ursprünglichen Kirchenarchitektur handelt. Bender selbst hat diesen Teil des Gebäudes noch nicht erkunden können und betrachtet das Geheimnis als ein mögliches zukünftiges Projekt. Diese Unbekannte unterstreicht die Faszination, die das Gebäude auf den neuen Besitzer ausübt, und zeigt, dass selbst nach 250 Jahren noch nicht alle Geheimnisse der St. Bartholomäus-Kirche gelüftet sind.

Ausblick und weitere Schritte

Der Zeitplan für die Fertigstellung des Umbaus ist eng getaktet. Marcel Bender rechnet damit, dass die Arbeiten in den kommenden zwei bis drei Monaten abgeschlossen sein werden. In den nächsten Wochen steht der Beginn der Malerarbeiten an, bei denen die Decke in das geplante Himmelblau getaucht und die Wände in den historischen Farben neu gestaltet werden. Sobald die Renovierung beendet ist, soll das Kirchenportal für Besucher geöffnet werden. Bender plant, den Raum nicht nur für seine eigene künstlerische Tätigkeit zu nutzen, sondern ihn als Treffpunkt für Interessierte zu etablieren. Die angekündigten Zeichenkurse und der offene Austausch mit Besuchern sollen dazu beitragen, das Gebäude wieder mit Leben zu füllen. Die technische Herausforderung der Beheizung des großen Raumes gilt bereits als gelöst: Durch die rund einen Meter starken Mauern, eine moderne Deckendämmung und doppelt verglaste Fenster konnte Bender den Energieverbrauch bereits im vergangenen Winter erfolgreich minimieren, selbst bei niedriger Heizstufe. Damit ist der Grundstein für eine dauerhafte und nachhaltige Nutzung des ehemaligen Gotteshauses gelegt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/wolkenkratzer-28437949/ · Foto: Fabrice Büsching
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/regional/hessen/hr-gross-zimmern-kuenstler-baut-dorfkirche-zu-wohnhaus-und-atelier-um-100.html