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Glyndebourne & Garsington: Der Dirigent wird verprügelt
Schlagzeilen · 22.07.2026 18:37

Glyndebourne & Garsington: Der Dirigent wird verprügelt

Kurz: Das Opernfestival in Garsington überzeugt mit Gerald Barrys Adaption von Oscar Wildes 'Ernst sein ist alles', während Glyndebourne Strauss' 'Ariadne' zeigt.

Ein musikalisches Ereignis der besonderen Art

In der aktuellen Spielzeit ziehen zwei renommierte britische Opernfestivals die Aufmerksamkeit der Klassikwelt auf sich. Während das Festival in Glyndebourne mit einer hochkarätigen Produktion von Richard Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ glänzt, sorgt das Garsington Opera Festival mit einer ungewöhnlichen und mutigen Neuinterpretation für Furore. Im Zentrum steht hierbei die Opernfassung von Oscar Wildes berühmter Sittenkomödie „Ernst sein ist alles“, die aus der Feder des irischen Komponisten Gerald Barry stammt. Die Inszenierung zeichnet sich durch eine radikale Reduktion des Textes aus, die den ohnehin schon absurden Humor der Vorlage in eine musikalische Form übersetzt, die das Publikum gleichermaßen herausfordert wie begeistert. Es handelt sich um ein Werk, das den Geist des Originals bewahrt und gleichzeitig durch eine eigene, fast schon exzentrische Tonsprache ergänzt, die den Zeitgeist der viktorianischen Gesellschaft auf eine neue, fast schon aggressive Weise demaskiert.

Die künstlerische Handschrift von Gerald Barry

Gerald Barry, der in seiner Ausbildung von prägenden Persönlichkeiten wie Karlheinz Stockhausen und Mauricio Kagel beeinflusst wurde, zeigt in dieser Arbeit eine bemerkenswerte Konsequenz. Die Oper, die bereits im Jahr 2011 in Los Angeles ihre konzertante Uraufführung erlebte, ist weit mehr als eine bloße Vertonung des literarischen Stoffes. Barry hat es verstanden, die Essenz von Wildes Parodie auf die heuchlerischen Werte der Oberschicht herauszuarbeiten. In der Welt von „Ernst sein ist alles“ zählen Statussymbole und starre Benimmregeln weit mehr als moralische Integrität. Barrys Musik unterstreicht diesen Nonsens, indem sie die Strukturen des Stücks auf das Äußerste reduziert und die Absurdität der Handlung musikalisch zuspitzt. Der Komponist beweist hierbei einen Mut, der in der zeitgenössischen Opernlandschaft selten geworden ist, und schafft es, den Zuschauer durch eine Mischung aus musikalischer Härte und komödiantischem Timing zu fesseln.

Kontrastprogramm in Glyndebourne

Parallel zu den Ereignissen in Garsington bietet Glyndebourne eine Produktion, die in ihrer ästhetischen Ausrichtung einen spannenden Kontrast bildet. Richard Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ steht hier im Mittelpunkt und überzeugt durch eine exzellente Besetzung. Besonders hervorzuheben ist die Darstellung der Zerbinetta durch Alina Wunderlin, deren gesangliche und darstellerische Leistung als „gewitzt“ und „glücklich erschöpft“ beschrieben wird. Sie agiert in einem Ensemble, dem unter anderem Liam Bonthrone als Brighella, Mikhail Timoshenko als Harlequin, Liam James Karai als Truffaldino und Caspar Singh als Scaramuccio angehören. Diese Produktion verdeutlicht die hohe Qualität, für die das Festival in Glyndebourne seit Langem bekannt ist, und bietet einen Gegenpol zur eher experimentellen Herangehensweise in Garsington, ohne dabei an künstlerischer Relevanz einzubüßen.

Einordnung der künstlerischen Ansätze

Den Berichten zufolge lässt sich die aktuelle Situation in der britischen Opernszene als ein spannendes Spannungsfeld zwischen Tradition und radikaler Moderne beschreiben. Während Glyndebourne die klassische Opernkunst auf höchstem Niveau zelebriert und dabei auf die bewährte Brillanz von Strauss setzt, wagt Garsington den Schritt in Richtung einer Dekonstruktion bekannter Stoffe. Einzuordnen ist das so, dass Gerald Barrys Ansatz einer „Kübelweise“ vorhandenen Courage bedarf, um die viktorianische Gesellschaftskritik Wildes in eine Form zu gießen, die auch ein modernes Publikum erreicht. Die Reduktion auf das Wesentliche, die Barry in seiner Komposition anwendet, dient dabei als Spiegel für die Oberflächlichkeit, die Wilde bereits in seinem Theaterstück anprangerte. Es ist ein bewusster Bruch mit der Konvention, der das Festival in Garsington in diesem Sommer zu einem wichtigen Ort für zeitgenössisches Musiktheater macht.

Offene Fragen und Ausblick

Obwohl die Berichte einen detaillierten Einblick in die Inszenierungen geben, bleiben einige Fragen unbeantwortet. So wird nicht explizit dargelegt, wie das Publikum in Garsington auf die spezifischen musikalischen Härten von Barrys Komposition reagiert oder ob es zu kontroversen Diskussionen über die radikale Textkürzung gekommen ist. Auch über die langfristigen Pläne der beiden Festivals, insbesondere im Hinblick auf weitere zeitgenössische Auftragsarbeiten, schweigen sich die vorliegenden Informationen aus. Dennoch ist klar, dass beide Spielstätten mit ihren aktuellen Programmen ihre Position als zentrale Akteure im europäischen Opernbetrieb untermauern. Wie es mit den Produktionen weitergeht und ob Barrys Werk nach dem Erfolg in Garsington eine breitere Rezeption in anderen europäischen Opernhäusern erfahren wird, bleibt abzuwarten. Die aktuelle Spielzeit bietet jedenfalls ein breites Spektrum, das sowohl Liebhaber des klassischen Repertoires als auch Freunde experimenteller Klänge anspricht.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-menschen-dunkel-hemd-7569418/ · Foto: cottonbro studio
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/oper/garsington-opera-gerald-barrys-ernst-sein-ist-alles-201053503.html