Ein Neuanfang im Ungers-Bau
Das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main hat einen bedeutenden Schritt in seiner Entwicklung vollzogen und die Dauerausstellung grundlegend aktualisiert. Diese Neugestaltung markiert eine Zäsur für das renommierte Haus, das für seine architektonische Präsenz weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt ist. Im Zentrum der räumlichen Veränderungen steht dabei der markante Ungers-Bau, der nun eine deutlich stärkere Wirkung entfaltet als in den vorangegangenen Jahren. Durch die neue Anordnung der Exponate und die Anpassung der Ausstellungsflächen tritt die architektonische Qualität des Gebäudes, das von Oswald Mathias Ungers entworfen wurde, stärker in den Vordergrund. Besucherinnen und Besucher erleben die Räumlichkeiten nun in einer Weise, die die Struktur des Bauwerks betont, statt sie durch eine überladene Präsentation zu verdecken. Dennoch bleibt die Neugestaltung nicht ohne Kritik, da die architektonische Klarheit des Gebäudes in einem gewissen Spannungsverhältnis zur inhaltlichen Vermittlung steht, die den Besucher durch die Geschichte der Baukunst führen soll.
Der Verlust des narrativen Schwungs
Ein zentraler Punkt der aktuellen Debatte um die Neugestaltung ist der Verlust des erzählerischen Elans, der das Haus über Jahrzehnte geprägt hat. Heinrich Klotz, der Gründungsdirektor des Deutschen Architekturmuseums, hatte bei der Konzeption des Hauses einen ganz eigenen, narrativen Ansatz verfolgt, der das Museum zu einem lebendigen Ort der Architekturgeschichte machte. Dieser Schwung, der die Besucher förmlich durch die Epochen und Konzepte der gebauten Umwelt trug, scheint in der aktuellen Präsentation in den Hintergrund gerückt zu sein. Die neue Ausstellung wirkt in ihrer Struktur nüchterner und weniger auf eine durchgehende Erzählung ausgerichtet, als es Klotz einst intendierte. Während die räumliche Inszenierung des Ungers-Baus zweifellos profitiert hat, vermissen Kenner der Museumsgeschichte jene spezifische Dynamik, die das DAM einst zu einem Pionier der Vermittlung von Architekturgeschichte machte. Die Frage, wie viel narrative Führung ein solches Museum benötigt, um die Komplexität der Architektur für ein breites Publikum verständlich zu machen, bleibt damit ein zentraler Diskussionspunkt.
Die historische Dimension der Dioramen
Die Geschichte der Ausstellung reicht bis in die frühen achtziger Jahre zurück, als Heinrich Klotz die Vision einer umfassenden Darstellung der gebauten Umwelt verfolgte. Ein eindrucksvolles Zeugnis dieser Ära sind die Dioramen, die als maßstabsgetreue Modelle die Entwicklung der Architektur illustrierten. Ein Beispiel hierfür ist das Diorama der Siedlung Bruchfeldstraße in Frankfurt am Main, das auch in der aktuellen Ausstellung zu sehen ist. Bereits kurz vor Weihnachten 1983 reflektierte Klotz in seinem Tonbandtagebuch über die Faszination, die Welt im Kleinen darzustellen. Er hatte damals Ivor und Sigrid Swain in Königswinter besucht, um die ersten dieser Modelle zu begutachten, die unter dem Titel „Von der Urhütte bis zum Wolkenkratzer“ die Geschichte der Architektur veranschaulichen sollten. Diese Dioramen bildeten das Rückgrat der ursprünglichen Ausstellung und vermittelten auf eine fast spielerische, aber hochpräzise Weise, wie sich menschliche Behausungen über Jahrhunderte hinweg verändert haben. Dass diese Elemente nun in einen neuen Kontext eingebettet wurden, zeigt den Wandel im Umgang mit dem musealen Erbe.
Die Akteure und ihre Visionen
Die Identität des Deutschen Architekturmuseums ist untrennbar mit den Persönlichkeiten verbunden, die es geprägt haben. Heinrich Klotz bleibt als Gründungsdirektor die zentrale Figur, deren geistiges Erbe in der aktuellen Diskussion immer wieder als Referenzpunkt dient. Seine Überlegungen zur Vermittlung von Architektur, die er in persönlichen Aufzeichnungen wie seinem Tonbandtagebuch festhielt, verdeutlichen den hohen Anspruch, den er an das Museum stellte. Die Zusammenarbeit mit den Modellbauern Ivor und Sigrid Swain war dabei ein entscheidender Faktor für die Umsetzung seiner visionären Ausstellungskonzepte. Heute stehen die Verantwortlichen des Museums vor der Herausforderung, dieses Erbe zu bewahren und gleichzeitig den Anforderungen eines modernen Museumsbetriebs gerecht zu werden. Die Entscheidung, den Ungers-Bau stärker zur Geltung zu bringen, ist dabei eine bewusste kuratorische Wahl, die zeigt, wie sich die Prioritäten in der musealen Praxis verschoben haben. Die Auseinandersetzung zwischen der Bewahrung der ursprünglichen Erzählweise und der Notwendigkeit einer zeitgemäßen räumlichen Präsentation bleibt ein fortlaufender Prozess, der die institutionelle Arbeit des DAM maßgeblich bestimmt.
Einordnung und offene Fragen
Einzuordnen ist die Neugestaltung als Versuch, das architektonische Juwel des Ungers-Baus wieder stärker in den Fokus zu rücken. Den Berichten zufolge ist dies räumlich gelungen, doch der Preis dafür ist eine gewisse inhaltliche Distanzierung von der ursprünglichen, sehr persönlichen und narrativen Handschrift des Gründers. Es stellt sich die Frage, ob eine rein architektonische Inszenierung ausreicht, um die komplexe Geschichte der gebauten Umwelt für ein heutiges Publikum greifbar zu machen. Offen bleibt zudem, wie die Besucher auf den Verlust der erzählerischen Dichte reagieren und ob die neue Struktur langfristig als Ersatz für den früheren narrativen Schwung dienen kann. Der Quelltext lässt zudem unbeantwortet, welche konkreten inhaltlichen Schwerpunkte in der neuen Dauerausstellung nun an die Stelle der alten Erzählung getreten sind und wie die langfristige Strategie des Museums aussieht, um die Balance zwischen Architektur als Exponat und Architektur als Geschichte zu finden. Die Zukunft wird zeigen, ob das DAM mit diesem neuen Weg sein Publikum ebenso zu begeistern vermag wie in den Anfangsjahren unter Klotz.