Eine Figur mit blinden Flecken
Wenn Georg Zeppenfeld in die Rolle des Gurnemanz schlüpft, begegnet dem Publikum oft ein Charakter, der durch Einsicht und Empathie besticht. Doch der Bassist zeichnet ein deutlich kritischeres Bild der Figur, die er regelmäßig bei den Bayreuther Festspielen verkörpert. Zeppenfeld sieht in Gurnemanz keinen visionären Anführer, der die Gralsritterschaft in eine neue Ära führen könnte. Stattdessen beschreibt er ihn als einen Mann, der in einer starren Schwarz-Weiß-Wahrnehmung gefangen bleibt und sich nach einer rückwärtsgewandten Ordnung sehnt.
Besonders die berühmte Zeile „Zum Raum wird hier die Zeit“ betrachtet Zeppenfeld als einen Moment, der fast über den intellektuellen Horizont der Figur hinausgeht. Für den Sänger wirkt es mitunter überraschend, diese metaphysischen Worte aus der Perspektive des Gurnemanz zu artikulieren, da sie nicht recht zu dessen sonstiger, eher begrenzter Wahrnehmung passen wollen.
Verborgene Schuld und mangelnde Empathie
Die vermeintliche moralische Überlegenheit des Gurnemanz entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Fassade. Zeppenfeld weist darauf hin, dass der Ritter bei der schicksalhaften Entwendung des Speers durch Klingsor anwesend war. Dass er damals nicht eingriff, als Amfortas seine Pflichten vernachlässigte, wirft ein bezeichnendes Licht auf seine Rolle. Nach Ansicht des Sängers ist die Unerbittlichkeit, mit der Gurnemanz dem leidenden Amfortas begegnet, eine Form der Kompensation. Er projiziert seine eigene, unbewältigte Schuld auf den geschwächten Herrscher, was die Grenzen seiner Empathie deutlich markiert.
Die Arbeit an der Wagner-Partie
Für Zeppenfeld ist die stimmliche und darstellerische Entwicklung ein fortlaufender Prozess. Während er in seiner Ausbildung bei Hans Sotin vor allem technische Grundlagen verinnerlichte, indem er die körperliche Herangehensweise seines Lehrers förmlich „in sich aufnahm“, setzt er heute auf eine tiefe Textarbeit. Bei Sängern wie Michael Spyres bewundert er hingegen eine Perfektion, die so mühelos wirkt, dass sie sich der technischen Analyse entzieht.
Beim Übergang vom Gurnemanz zum Hans Sachs in den „Meistersingern“ hat der Bassist eine zunehmende Annäherung bemerkt. Während er anfangs noch vorsichtig mit den Kräften haushaltete, hat er mittlerweile zu seinem stimmlichen Kern gefunden. Dabei spielt die rhythmische Präzision eine entscheidende Rolle. Zeppenfeld betont, dass Wagner in seinen späten Werken den natürlichen Sprachduktus strikt vorgibt. Jede kleinste Abweichung in der Rhythmik könne die Bedeutung einer Passage verschieben, weshalb die akribische Analyse des Textes für ihn das Fundament der Probenarbeit bildet.
Herausforderung Bühnenpräsenz
Die physische Belastung bei einer Oper wie dem „Parsifal“ ist immens, insbesondere durch die langen Pausen. Da Gurnemanz im zweiten Akt nicht auf der Bühne steht, muss der Darsteller einen Weg finden, die Spannung nicht vollständig zu verlieren, ohne sich zu verausgaben. Zeppenfeld nutzt diese Zeit für eine bewusste Ruhephase, inklusive kleiner Mahlzeiten und kurzer Ruhepausen, um für den dritten Akt wieder die volle stimmliche und körperliche Präsenz abrufen zu können. Diese individuelle Strategie ist für ihn essenziell, um die hohen Anforderungen des Wagner-Gesangs über den gesamten Abend hinweg zu erfüllen.