Ein zeitloser Noir-Klassiker abseits des Weltgeschehens
Im Jahr 1944 veröffentlichte Otto Preminger sein Kriminaldrama „Laura“, das bis heute als Meilenstein des Film Noir gilt. Bemerkenswert ist dabei die zeitliche Einordnung: Während die Welt vom Zweiten Weltkrieg erschüttert wurde, scheint das Geschehen im Film in einer isolierten Blase der New Yorker Oberschicht zu spielen. Die Handlung konzentriert sich nicht auf das globale Chaos, sondern auf ein intimes, düsteres Kammerspiel, das mit fünf Oscar-Nominierungen gewürdigt wurde.
Das Motiv der „schönen Toten“
Der Film nutzt ein klassisches erzählerisches Werkzeug, das in der Filmgeschichte als „The Beautiful Dead Girl“ bekannt ist. Eine junge Frau stirbt unter mysteriösen Umständen, und ihr Tod dient als Ausgangspunkt für die Ermittlungen. Die Besonderheit: Da die Verstorbene nicht mehr intervenieren kann, wird sie zum Projektionsfeld für die Wünsche, Lügen und moralischen Abgründe ihres Umfelds.
Dieses Motiv findet sich auch in der Realität wieder. Die öffentliche Wahrnehmung von Personen wie Lady Diana zeigt, wie der Tod ein Image konservieren oder gar heiligsprechen kann. In „Laura“ dient dieser Umstand vor allem den Hinterbliebenen: Der exzentrische Radiokolumnist Waldo Lydecker und der Verlobte Shelby Carpenter nutzen die Abwesenheit der Frau, um ihre eigene Version der Geschichte zu verbreiten und ihre manipulativen Absichten zu verschleiern.
Ein unerwarteter Wendepunkt
Die Dynamik des Films ändert sich schlagartig durch einen der berühmtesten Plot-Twists der Kinogeschichte. Während der Ermittler Mark McPherson, verkörpert von Dana Andrews, in der Wohnung der Toten nächtigt und sich zunehmend in das Porträt der Verstorbenen vertieft, kehrt die echte Laura Hunt quicklebendig aus dem Urlaub zurück. Die Identität des Mordopfers entpuppt sich als Irrtum. Dieser Moment bricht mit dem Klischee des passiven Opfers und führt eine aktive, wenn auch in ein gefährliches Netz aus Intrigen verstrickte Frauenfigur ein.
Besetzung und Charakterstudien
Das Ensemble des Films zeichnet ein scharfes Bild gesellschaftlicher Dekadenz:
* **Waldo Lydecker (Clifton Webb):** Ein Dandy und Radiokolumnist, der als Mentor und Gönner auftritt. Seine Figur schwankt zwischen intellektueller Brillanz und besitzergreifender Kälte.
* **Shelby Carpenter (Vincent Prince):** Der Verlobte, der als charmant, aber in Wahrheit unselbständig und opportunistisch dargestellt wird.
* **Laura Hunt (Gene Tierney):** Die titelgebende Figur, deren Perfektion sowohl Anziehungspunkt als auch Auslöser für die kriminellen Verwicklungen ist.
Das Erbe in der Popkultur
Der Einfluss von „Laura“ reicht weit über die 1940er Jahre hinaus. Besonders David Lynch ließ sich für seine Kultserie „Twin Peaks“ maßgeblich von Premingers Werk inspirieren. Die Parallelen sind offensichtlich: Nicht nur der Name des Mordopfers Laura Palmer ist eine Hommage, auch der Mörder findet in der Serie in Form eines Papageis namens „Waldo“ eine skurrile Entsprechung. Auch modernere Produktionen, wie etwa „Pretty Little Liars“, greifen das Konzept der Kommunikation mit einer vermeintlich toten Freundin auf.
Besitzdenken als modernes Thema
Was „Laura“ für heutige Zuschauer überraschend modern wirken lässt, ist die schonungslose Darstellung von Besitzdenken. Der Film hinterfragt, wie Menschen ihre Mitmenschen instrumentalisieren und in ein Korsett aus Erwartungen zwängen. Der Ermittler McPherson verliert sich so sehr in der Faszination für die „Tote“, dass er Gefahr läuft, den Bezug zur Realität zu verlieren – eine psychologische Komponente, die den Film zu weit mehr als einem bloßen Whodunnit-Krimi macht.