Ein untypisches Werk im Schaffen von Paul Schrader
Paul Schrader ist in der Filmwelt vor allem für seine Porträts schwieriger, oft isolierter Männerfiguren bekannt, wie sie in Werken wie „Taxi Driver“ oder „American Gigolo“ im Zentrum stehen. Mit seinem Remake des Horrorklassikers „Cat People“ aus dem Jahr 1982 vollzog der Regisseur jedoch einen bemerkenswerten Richtungswechsel. Anstatt die Perspektive eines männlichen Protagonisten einzunehmen, rückt Schrader eine Frau in den Fokus: Irena Gallier. Der Film, der in der schwülen Atmosphäre von New Orleans spielt, hebt sich durch diesen Perspektivwechsel deutlich von Schraders sonstigem Gesamtwerk ab.
Die Geschichte einer familiären Bürde
Irena Gallier reist nach New Orleans, um ihren Bruder Paul zu treffen, zu dem sie seit dem Unfalltod ihrer Eltern – beide Zirkusdompteure – keinen Kontakt mehr hatte. Die Geschwister sind bei verschiedenen Pflegefamilien aufgewachsen, doch bei ihrem Wiedersehen zeigt sich eine unheimliche Vertrautheit. Gemeinsame Kindheitserinnerungen und Jonglierübungen deuten auf eine tiefe, fast instinktive Verbindung hin, die weit über das Normale hinausgeht.
Die Mythologie hinter ihrem Schicksal wird dem Zuschauer bereits vor der Ankunft in Louisiana angedeutet: In einer Wüstenlandschaft opfert ein Stamm ein Mädchen an eine schwarze Raubkatze. Diese düsteren Vorzeichen begleiten Irena, während sie versucht, ihre eigene Identität und die damit verbundenen Gefahren zu ergründen. David Bowies Titelsong unterstreicht diese Zerrissenheit – der Kampf gegen das „Feuer“, das mit Benzin gelöscht werden soll, wird zum Leitmotiv für das Erwachen ihrer Sexualität und die tödliche Gefahr, die davon ausgeht.
Ein neuer Zugang zum Horrorgenre
Ursprünglich zögerte Schrader, sich an eine Neuauflage des 1942 erschienenen Originals von Jacques Tourneur zu wagen. Erst die Inspiration durch Dantes „Göttliche Komödie“ und die Figur der Beatrice lieferte ihm den entscheidenden Zugang. Während das Original oft aus der Sicht des bewundernden Mannes erzählt wurde, entscheidet sich Schrader dafür, den Zuschauer eng an Irenas Seite zu halten. Wir beobachten ihr langsames Begreifen der eigenen Wurzeln und die Konsequenzen, die ihr Erbe für ihr Umfeld – insbesondere für den Zoowärter Oliver – hat.
Hommage und kulturelle Einbettung
Schrader zollt dem Original von Tourneur Respekt, indem er ikonische Momente zitiert:
* Die bedrohliche Szene mit der kreischenden Straßenbahn.
* Die mysteriöse Begegnung im Restaurant, in der Irena als „Schwester“ angesprochen wird.
* Die spannungsgeladene Sequenz im Swimmingpool, in der Schatten und Geräusche den Horror greifbar machen.
Über diese Verbeugungen hinaus erweitert Schrader den Film jedoch um eine lokale Komponente. Er nutzt New Orleans nicht bloß als pittoreske Kulisse, sondern integriert das kulturelle Klima der Südstaatenstadt. Ein zentrales Element ist dabei die Figur der Haushälterin Female, verkörpert von Ruby Dee. Ihre Präsenz verleiht dem Film eine zusätzliche soziale und kulturelle Tiefe, die über das reine Horrorgenre hinausgeht.
Atmosphäre statt Effekthascherei
Im Kern bleibt „Cat People“ seinem Ursprung treu, indem er auf eine fieberhafte, atmosphärische Dichte setzt, statt sich auf plakative Schockeffekte zu verlassen. Die Wirkung des Films speist sich aus Andeutungen, der sinnlichen Inszenierung und dem prägenden Soundtrack von Giorgio Moroder. Auch Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung behält das Werk seine hypnotische Kraft, die maßgeblich durch die sensible Darstellung von Nastassja Kinski und die düstere, fast mythische Erzählweise getragen wird.