Ein kulturelles Erbe unter Druck
Im Westen von Texas erstrecken sich die Lower Pecos Canyonlands, eine Region, die als eine der bedeutendsten Kulturlandschaften Nordamerikas gilt. In den dortigen Felsüberhängen und Höhlen verbergen sich archäologische Schätze von unschätzbarem Wert, darunter Felsmalereien, die bis zu 6000 Jahre in die Vergangenheit zurückreichen. Doch diese Stätten sind nun durch den massiven Ausbau der Grenzanlagen zu Mexiko in ihrer Existenz bedroht.
Die US-Regierung unter Donald Trump treibt den Bau einer sogenannten „Smart Wall“ voran, die mit modernster Überwachungstechnik ausgestattet ist. Ein Unternehmen aus North Dakota wurde mit dem Bau einer 266 Kilometer langen Fahrzeugbarriere beauftragt, die direkt durch die archäologische Zone der Lower Pecos Canyonlands verlaufen soll. Experten befürchten, dass dadurch insgesamt 425 archäologische Fundstätten beeinträchtigt werden könnten, von denen 84 bedeutende Petroglyphen beherbergen.
Aushebelung geltender Schutzgesetze
Das Heimatschutzministerium setzt für den Grenzbau regelmäßig Umwelt- und Denkmalschutzgesetze außer Kraft. Dazu zählen unter anderem der *Clean Water Act*, der *Archaeological and Historic Preservation Act* sowie der *Native American Graves Protection and Repatriation Act*. Durch diese Ausnahmeregelungen entfallen für Archäologen und Vertreter indigener Nationen jegliche institutionalisierten Mitsprachemöglichkeiten.
Die offizielle Begründung für diese Maßnahmen – eine hohe Frequenz illegaler Grenzübertritte in den betroffenen Gebieten – wird von lokalen Organisationen angezweifelt. Sie beschreiben die Region als landschaftlich zu unwirtlich für eine massenhafte Migration. Dass die Sorgen um das kulturelle Erbe berechtigt sind, zeigte sich bereits im April: Die Grenzschutzbehörde musste einräumen, dass Bauarbeiten in Arizona das etwa tausend Jahre alte „Las Playas Intaglio“, eine großflächige, fischförmige Bodenzeichnung, teilweise zerstört haben.
Landesweite Deregulierung des Denkmalschutzes
Die Strategie der Regierung beschränkt sich nicht nur auf die Grenzregionen. Aktuell arbeitet Washington an einer Reform, die den Schutz historischer Stätten im gesamten Bundesgebiet neu regeln soll. Bisher bildet der *National Historic Preservation Act* von 1966 das Fundament. Dieses Gesetz verpflichtet Behörden dazu, vor Genehmigungen die Auswirkungen von Bauvorhaben auf historische Orte zu prüfen und den Dialog mit Fachleuten sowie betroffenen Interessengruppen zu suchen.
Ein vom *Advisory Council on Historic Preservation* (ACHP) entworfener Regelentwurf zielt nun darauf ab, die Anwendung dieses Gesetzes maßgeblich zu verändern, ohne dass der Kongress direkt eingreifen muss. Ziel ist der Abbau von bürokratischen Hürden, wie es aus Regierungskreisen heißt. Kritiker befürchten jedoch, dass dies den Weg für wirtschaftliche Interessen ebnen könnte, etwa durch den Bau von Datencentern auf indigenen Grabstätten oder Öl- und Gasförderungen an historisch sensiblen Orten wie dem Chaco Canyon in New Mexico.
Folgen und Perspektiven
Seit den 1960er Jahren basierte die US-Denkmalpflege auf dem Prinzip der Abwägung zwischen wirtschaftlichen Interessen und kultureller Bedeutung. Die aktuelle Entwicklung deutet auf einen Paradigmenwechsel hin. Sollte die neue Verordnung in Kraft treten, erhielten Regierungsbehörden deutlich größere Entscheidungsspielräume, während die Mitsprache von Wissenschaftlern, Bürgern und indigenen Nationen stark eingeschränkt würde.
Neben den ökologischen und kulturellen Auswirkungen an der Grenze könnte die Deregulierung auch städtebauliche Projekte in Washington betreffen, die bisher strengen Prüfverfahren unterlagen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob der Widerstand von Denkmalschützern ausreicht, um die geplante Schwächung der Schutzvorschriften zu verhindern oder zumindest abzumildern.