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DGB-Ausbildungsreport: Jeder zweite Azubi ist psychisch belastet
Schlagzeilen · 20.08.2026 17:43

DGB-Ausbildungsreport: Jeder zweite Azubi ist psychisch belastet

Kurz: Der neue DGB-Ausbildungsreport zeigt eine besorgniserregende Entwicklung: Jeder zweite Azubi fühlt sich psychisch belastet – vor allem durch Geld- und Wohnsorge

Was geschehen ist: Die psychische Krise der Auszubildenden

Der aktuelle Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zeichnet ein alarmierendes Bild der Lebens- und Arbeitsbedingungen junger Menschen in Deutschland. Die jüngsten Erhebungen, die am 20. August 2026 veröffentlicht wurden, belegen, dass mittlerweile jeder zweite Auszubildende unter einer signifikanten psychischen Belastung leidet. Diese Entwicklung ist kein isoliertes Phänomen, sondern das Resultat eines komplexen Zusammenspiels aus finanziellen Engpässen, einem angespannten Wohnungsmarkt und einem zunehmenden Druck in der Arbeitswelt. Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen, dass die psychische Gesundheit der jungen Generation in der Ausbildung ein kritisches Niveau erreicht hat. Der DGB sieht angesichts dieser Zahlen die Politik in der dringenden Pflicht, gegensteuernde Maßnahmen zu ergreifen, um die Ausbildungssituation nachhaltig zu verbessern und den jungen Menschen den Einstieg in das Berufsleben nicht nur zu ermöglichen, sondern auch gesundheitlich zumutbar zu gestalten. Die Auswertung basiert auf einer breiten Befragung, die die unterschiedlichen Facetten des Belastungsempfindens bei Azubis detailliert erfasst und analysiert hat.

Die Einzelheiten: Zahlen, Namen und konkrete Auswirkungen

Die statistischen Daten des DGB-Reports sind eindeutig: 49,9 Prozent der befragten Auszubildenden geben finanzielle Sorgen als Hauptursache für ihre psychische Belastung an. An zweiter Stelle folgt mit 35 Prozent die prekäre Wohnsituation. Erst danach rangieren ausbildungsbedingte Faktoren wie ein hoher Leistungs- und Zeitdruck (20,9 Prozent), ein spürbarer Personalmangel im Betrieb (19,6 Prozent) sowie der empfundene Verantwortungsdruck (19,2 Prozent). Ein konkretes Beispiel für die finanzielle Notlage findet sich in Meersburg am Bodensee: Darja Grabow, eine Auszubildende im zweiten Lehrjahr in einer Schreinerei, verdient etwa 1.000 Euro brutto. Angesichts der Inflation und steigender Lebenshaltungskosten reicht dieses Budget kaum aus. Verschärft wird die Lage durch geplante Sparmaßnahmen in Baden-Württemberg: Das Land plant, Wohnzuschüsse für Azubis zu streichen, die für den Berufsschulbesuch weite Strecken zurücklegen müssen. Betriebe wie der von Sebastian Schmäh fürchten dadurch Mehrbelastungen von bis zu 3.000 Euro pro Schüler und Jahr. Auch die Erfahrung von Daniela Aigeldinger, einer ehemaligen Großhandelskauffrau, unterstreicht die Problematik: Sie fühlte sich in ihrer Ausbildung unglücklich und isoliert, bis sie durch ein spezielles Training eine berufliche Neuorientierung fand.

Hintergrund: Wie es zur aktuellen Belastungssituation kam

Die Ursprünge der aktuellen Krise liegen in einer langjährigen Entwicklung, die durch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der letzten Jahre weiter verschärft wurde. Schon vor der Veröffentlichung des aktuellen Reports gab es Anzeichen für eine wachsende Unzufriedenheit und Überforderung bei Auszubildenden. Der DGB-Report zeigt auf, dass die Probleme nicht erst seit kurzem existieren, sondern über einen längeren Zeitraum gewachsen sind. Frühere Berichte und Beobachtungen, wie sie etwa von der Trainerin Lisa Kühn aus Stuttgart geschildert werden, deuten darauf hin, dass bereits vor Jahren strukturelle Defizite in der Ausbildungspraxis bestanden. Die Kombination aus einer allgemeinen wirtschaftlichen Unsicherheit, steigenden Mieten in Ballungszentren und einer mangelnden Unterstützung durch die Betriebe hat dazu geführt, dass sich viele junge Menschen im „Dschungel“ der Ausbildung alleingelassen fühlen. Hinzu kommt eine gesellschaftliche Wahrnehmung, in der Unzufriedenheit im Job oft als „normal“ hingenommen wird, was den Druck auf die Auszubildenden weiter erhöht und die Schwelle zur Suche nach professioneller Unterstützung oder psychologischer Hilfe künstlich in die Höhe treibt.

Die Beteiligten: Wer entscheidet und wer leidet

Im Zentrum stehen die Auszubildenden selbst, die unter den genannten Bedingungen leiden. Stellvertretend hierfür stehen Personen wie Darja Grabow, die ihre finanzielle Situation kritisch hinterfragt, oder Daniela Aigeldinger, die nach einer unglücklichen Ausbildung den Weg in einen anderen Beruf suchte. Auf der anderen Seite stehen Akteure wie Nina Krüger, die DGB-Bundesjugendsekretärin, die als Sprachrohr der Interessenvertretung die Politik und die Wirtschaft scharf kritisiert und konkrete Forderungen stellt. Auch Arbeitgeber wie der Schreinermeister Sebastian Schmäh sind direkt betroffen; sie sehen sich mit der Herausforderung konfrontiert, ihre Auszubildenden trotz widriger Umstände zu halten, und müssen teilweise sogar private finanzielle Mittel einplanen, um den Ausfall staatlicher Zuschüsse zu kompensieren. Zudem spielen externe Experten wie die Trainerin Lisa Kühn eine Rolle, die als Unterstützerin für Azubis agiert und Defizite in der betrieblichen Betreuung aufdeckt. Auf institutioneller Ebene steht das Kultusministerium von Baden-Württemberg im Fokus, da es durch geplante Streichungen bei den Wohnzuschüssen direkt in die Lebensplanung der Auszubildenden eingreift und nun unter dem Druck der öffentlichen Kritik steht.

Einordnung: Was die Zahlen bedeuten

Einzuordnen ist das Ergebnis des DGB-Reports als ein deutliches Warnsignal für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Wenn jeder zweite Auszubildende psychisch belastet ist, gefährdet dies nicht nur die Gesundheit der jungen Menschen, sondern auch die Qualität und den Erfolg der dualen Ausbildung insgesamt. Den Berichten zufolge ist die Betreuungssituation ein entscheidender Faktor: Dort, wo Azubis eine gute Begleitung erfahren, sinkt die Quote der hoch belasteten Personen auf lediglich 8,5 Prozent. Dies unterstreicht, dass die psychischen Probleme keineswegs zwangsläufig mit der Ausbildung einhergehen müssen, sondern oft ein Versagen der betrieblichen Strukturen widerspiegeln. Es ist besorgniserregend, dass 41,7 Prozent der Befragten angeben, über ihre Sorgen mit niemandem im Betrieb sprechen zu können. Diese soziale Isolation im Arbeitsumfeld ist ein strukturelles Problem, das den Fachkräftemangel weiter verschärfen könnte, da junge Menschen bei negativen Erfahrungen eher dazu neigen, die Ausbildung abzubrechen oder sich nach Abschluss gegen den erlernten Beruf zu entscheiden, wie das Beispiel von Daniela Aigeldinger zeigt.

Offene Fragen: Was der Bericht nicht klärt

Der DGB-Report liefert zwar eine umfassende Bestandsaufnahme der psychischen Belastungen, lässt jedoch einige Fragen unbeantwortet, die für ein vollständiges Verständnis der Problematik wichtig wären. So bleibt unklar, inwieweit die psychischen Belastungen regional unterschiedlich stark ausgeprägt sind, da der Bericht zwar Einzelfälle aus Baden-Württemberg nennt, aber keine detaillierte regionale Aufschlüsselung über das gesamte Bundesgebiet liefert. Auch die Frage, welche konkreten psychischen Erkrankungen oder Symptome bei den Betroffenen am häufigsten diagnostiziert werden, wird nicht spezifiziert. Zudem bleibt offen, wie viele der befragten Auszubildenden aufgrund ihrer Belastung tatsächlich die Ausbildung abgebrochen haben oder dies in naher Zukunft planen. Der Bericht benennt zwar die Ursachen, liefert aber keine quantitativen Daten darüber, wie viele Unternehmen bereits spezielle Programme zur mentalen Gesundheit implementiert haben und wie effektiv diese in der Praxis sind. Die langfristigen Auswirkungen auf die spätere Erwerbsbiografie der heute belasteten Azubis sind ebenfalls noch nicht absehbar.

Wie es weitergeht: Ausstehende Entscheidungen und Termine

Die Situation bleibt dynamisch, insbesondere in Baden-Württemberg. Das dortige Kultusministerium hat nach der Welle der Kritik angekündigt, die geplanten Streichungen der Wohnzuschüsse für Auszubildende noch einmal einer genauen Prüfung zu unterziehen. Man befinde sich derzeit im Austausch mit den betroffenen Branchenverbänden, um eine Lösung zu finden. Die Zeit drängt jedoch, da die Streichungen eigentlich zum Beginn des neuen Lehrjahres im September 2026 in Kraft treten sollen. Sollte das Land bei seinem Plan bleiben, stehen Arbeitgeber wie Sebastian Schmäh vor der Entscheidung, ob sie die Kosten für ihre Auszubildenden übernehmen können oder ob dies den finanziellen Rahmen ihrer Betriebe sprengt. Parallel dazu fordert der DGB auf Bundesebene eine konsequente Verbesserung der Rahmenbedingungen, insbesondere durch eine bessere Qualifizierung von Ausbildern und den Ausbau von Wohnheimplätzen. Ob diese Forderungen in konkrete politische Maßnahmen münden, bleibt abzuwarten. Die Entwicklung der Ausbildungszahlen und die psychische Verfassung der jungen Generation werden in den kommenden Monaten weiterhin ein zentrales Thema der bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Debatte bleiben.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/industrieller-arbeiter-bedient-schwere-maschinen-sicher-34194568/ · Foto: Freek Wolsink
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/dgb-ausbildungsreport-106.html