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"Der wollte, dass ich mich ausziehe"
Schlagzeilen · 19.08.2026 09:56

"Der wollte, dass ich mich ausziehe"

Kurz: Ein Jahr nach den Enthüllungen über Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt in der deutschen Leichtathletik bleibt die Aufarbeitung für Betroffene unzureichend

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Ein Jahr nach der Veröffentlichung der Dokumentation „Gold, Silber, Machtmissbrauch“ durch das ZDF-Magazin frontal gerät der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) erneut in die Kritik. Trotz der seinerzeit angekündigten Reformen und Versprechen zur Aufarbeitung berichten Betroffene weiterhin von traumatischen Erfahrungen und einer mangelhaften Reaktion der zuständigen Institutionen. Im Zentrum stehen dabei zwei schwerwiegende Komplexe: Zum einen geht es um einen Berliner Leichtathletik-Trainer, der junge Sportlerinnen und Sportler im Alter von etwa 12 bis 15 Jahren unter dem Deckmantel medizinischer Behandlungen missbraucht haben soll. Zum anderen wird ein Fall aus Niedersachsen thematisiert, bei dem ein Trainer am dortigen Olympiastützpunkt in Hannover übergriffig geworden sein soll. Die Schilderungen der Betroffenen, die teils anonym bleiben, zeichnen ein Bild von Machtmissbrauch, der weit über bloße sportliche Ambitionen hinausgeht. Während der DLV offiziell Veränderungen und neue Athletenvereinbarungen ankündigt, fühlen sich die Opfer von den Verbänden und Vereinen weiterhin nicht ausreichend geschützt oder ernst genommen. Die Recherche verdeutlicht, dass das Versprechen auf einen sicheren Sportraum für viele Athletinnen und Athleten noch immer nicht eingelöst wurde.

Die Einzelheiten der Vorwürfe

Die Schilderungen der Betroffenen, wie etwa der jungen Athletin Kiara, sind erschütternd. Kiara berichtet, wie ihr damaliger Trainer in Berlin sie als 13-Jährige in einen abgedunkelten Raum lockte, um dort unter dem Vorwand von Massagen übergriffig zu werden. Um ungestört zu bleiben, habe der Trainer die Tür abgeschlossen. Die psychologische Einschätzung durch „Safe Sport“, die unabhängige Ansprechstelle für Betroffene von Gewalt im Sport, stuft das Verhalten des Trainers als „schwerwiegendes Fehlverhalten“ ein. Auch der Fall aus Niedersachsen wiegt schwer: Eine ehemalige Athletin schilderte, wie ein Trainer sie mit 16 Jahren zum Ausziehen aufforderte, sich selbst entblößte und sie anschließend unsittlich berührte. Während der beschuldigte Trainer in Niedersachsen die Vorwürfe als „haltlos und unbewiesen“ zurückwies, ermittelt die Staatsanwaltschaft Hannover bereits seit fast einem Jahr wegen des Verdachts auf Missbrauch von Schutzbefohlenen. Der Berliner Trainer hingegen bestreitet die Anschuldigungen über seinen Anwalt „vehement und ausdrücklich“, obwohl ihm Fotos zugespielt wurden, die ihn beim privaten Training mit Mädchen zeigen, nachdem er seinen Verein verlassen hatte.

Hintergrund und bisheriger Verlauf

Die Aufdeckung dieser Missstände begann im September 2025 mit der Ausstrahlung der Dokumentation „Gold, Silber, Machtmissbrauch“. Die Redaktion von frontal hatte damals Zugriff auf vertrauliche Berichte von „Safe Sport“ erhalten, die das Ausmaß der Übergriffe belegten. Bereits im Mai 2025 waren die Vorwürfe gegen den Berliner Trainer bekannt geworden, doch konnte dieser noch über Monate hinweg weiterarbeiten, bevor sich der Verein schließlich von ihm trennte. Diese Verzögerung stieß bei Eltern und Betroffenen auf massives Unverständnis. In Niedersachsen führte die Berichterstattung dazu, dass der dort beschuldigte Trainer von seinem Verein suspendiert wurde und der DLV ihm die Lizenz entzog. Dennoch ergaben Recherchen, dass der Trainer trotz dieser Sanktionen weiterhin junge Athleten trainiert haben soll, wobei er gegenüber dem Verband von den Sportlern unter falschem Namen geführt wurde. Diese Umgehung der Maßnahmen verdeutlicht, wie anfällig das System für Täuschungen ist, wenn keine lückenlose Kontrolle der Trainer-Athleten-Beziehungen stattfindet.

Die Beteiligten und ihre Rollen

Die betroffenen Sportlerinnen und Sportler stehen im Zentrum der Debatte, darunter Kiara, die anonym bleiben möchte, um sich vor weiteren Repressalien oder psychischem Druck zu schützen. Auf der Seite der Institutionen spielt „Safe Sport“ als unabhängige Ansprechstelle eine zentrale Rolle; die Psychologin Ina Lambert äußerte sich erschüttert darüber, dass beschuldigte Personen trotz der vorliegenden Erkenntnisse weiterhin im Sportumfeld agieren konnten. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) ist als Dachorganisation gefordert, wobei Vorständin Kristin Behrens nun Anpassungen der Athletenvereinbarungen ankündigt, um den Kaderstatus bei Falschangaben entziehen zu können. Auf lokaler Ebene steht der Berliner Leichtathletik-Verband in der Kritik, insbesondere Präsident Andreas Statzkowski, der aufgrund der Urlaubszeit keine Stellungnahme abgeben konnte. Die Staatsanwaltschaft Hannover ist die zentrale juristische Instanz, die im Fall des niedersächsischen Trainers ermittelt. Die Eltern der betroffenen Kinder fordern derweil mehr Transparenz und eine schonungslose Aufklärung der Vorfälle, da sie sich von den Vereinen im Stich gelassen fühlen.

Einordnung der Situation

Einzuordnen ist die aktuelle Lage als ein tiefgreifendes Versagen der Schutzmechanismen innerhalb des organisierten Sports. Den Berichten zufolge existiert ein strukturelles Problem, bei dem das Streben nach Medaillen und sportlichem Erfolg häufig den Schutz der Athleten überlagert. Die Tatsache, dass Trainer trotz schwerwiegender Vorwürfe ihre Tätigkeit fortsetzen können – sei es durch private Trainingsgruppen oder durch die Angabe falscher Trainernamen gegenüber dem Verband –, deutet auf eine mangelnde Kontrolle und eine Kultur des Wegsehens hin. Die psychologische Belastung für die Opfer ist immens; sie leiden oft jahrelang unter den Folgen der Übergriffe und dem Gefühl, dass ihre Peiniger keine Konsequenzen fürchten müssen. Die Ankündigungen des DLV, künftig strengere Vereinbarungen zu treffen, sind aus Sicht von Beobachtern zwar ein notwendiger Schritt, doch bleibt fraglich, ob diese administrativen Maßnahmen ausreichen, um die tief verwurzelten Machtstrukturen aufzubrechen, die den Missbrauch erst begünstigt haben.

Offene Fragen zur Aufarbeitung

Der Quelltext lässt eine Reihe von Fragen unbeantwortet, die für die vollständige Aufklärung der Missstände von entscheidender Bedeutung wären. So bleibt unklar, wie genau es dem Trainer in Niedersachsen gelingen konnte, trotz entzogener Lizenz weiterhin junge Athleten aus dem Bundeskader zu trainieren, ohne dass dies dem DLV auffiel. Es wird nicht explizit benannt, welche konkreten Kontrollmechanismen innerhalb der Vereine versagt haben, um die Identität der Trainer bei den Athletenmeldungen zu verifizieren. Zudem bleibt offen, inwieweit andere Trainer oder Vereinsverantwortliche von den Übergriffen wussten und diese möglicherweise durch Schweigen oder Untätigkeit gedeckt haben. Auch die Rolle des Berliner Leichtathletik-Verbandes bleibt in der aktuellen Berichterstattung lückenhaft, da eine offizielle Stellungnahme zu den Vorwürfen gegen den dortigen Trainer aussteht. Es ist zudem nicht ersichtlich, welche konkreten Unterstützungsangebote den betroffenen Kindern und Jugendlichen nach den Vorfällen seitens der Vereine oder Verbände aktiv angeboten wurden, um ihre psychische Gesundheit zu stabilisieren.

Wie es weitergeht

Für die Zukunft hat der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) angekündigt, die Athletenvereinbarungen zu verschärfen. Dies soll es dem Verband ermöglichen, bei Fehlangaben zu den Heimtrainern den Kaderstatus zu entziehen oder gar nicht erst zu erteilen. Ob diese administrativen Änderungen in der Praxis zu einer sichereren Umgebung führen, bleibt abzuwarten. Die juristische Aufarbeitung des Falles in Niedersachsen durch die Staatsanwaltschaft Hannover dauert derweil an, wobei ein Ergebnis der Ermittlungen noch aussteht. Für die Betroffenen, wie etwa Kiara, bleibt die Situation belastend, da sie ihre ehemaligen Trainer weiterhin bei Wettkämpfen antreffen können, was den Heilungsprozess erheblich erschwert. Die Forderung der Eltern nach Transparenz steht weiterhin im Raum und wird den Druck auf die Verbände erhöhen, die Vorfälle nicht nur intern zu verwalten, sondern eine offene Aufarbeitung zu forcieren. Die mediale Aufmerksamkeit durch Formate wie frontal sorgt dafür, dass die Verantwortlichen unter ständiger Beobachtung stehen, was den Handlungsdruck auf die Sportorganisationen aufrechterhält.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/nicht-erkennbarer-hemdloser-mann-der-langes-schwarzes-haar-anpasst-5301586/ · Foto: Armin Rimoldi
Quelle: https://www.zdfheute.de/panorama/machtmissbrauch-leistungssport-leichtathletik-100.html