Eine humanitäre Krise im Schatten der Weltöffentlichkeit
Fünf Jahre nach der Rückkehr der Taliban an die Macht in Afghanistan ist die humanitäre Situation im Land in eine kritische Phase eingetreten. Während die Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft zunehmend auf andere Krisenherde gerichtet ist, kämpfen Millionen Afghanen täglich ums nackte Überleben. Berichten zufolge leiden rund 17,4 Millionen Menschen unter akutem Hunger – bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 46 Millionen Einwohnern ein erschreckendes Ausmaß an Ernährungsunsicherheit.
Wenn die Vorräte ausgehen
Das Schicksal von Familien wie der von Sharifa, einer vierfachen Mutter, steht exemplarisch für die Not im Land. Grundnahrungsmittel wie Mehl oder Reis sind für viele Haushalte unerschwinglich geworden. Die Ernährung beschränkt sich oft auf das Nötigste, wie Tee und Brot, während vollwertige Mahlzeiten für viele zur Seltenheit oder gar Unmöglichkeit geworden sind. Die wirtschaftliche Lage ist prekär: Zwar sind Lebensmittel auf den Märkten verfügbar, doch die Kaufkraft der Bevölkerung ist durch Arbeitslosigkeit und fehlende Einkommen massiv eingebrochen.
Steigende Preise und wirtschaftliche Isolation
Die wirtschaftliche Instabilität wird durch externe Faktoren weiter verschärft. Handelsunterbrechungen, die aus Konflikten mit dem benachbarten Pakistan sowie den Spannungen im Nahen Osten resultieren, haben die Preise für Grundnahrungsmittel in Afghanistan um 20 bis 30 Prozent in die Höhe getrieben. Die Taliban-Regierung, die das Land international weitgehend isoliert hat, konnte bisher keine nachhaltigen Lösungen für diese wirtschaftliche und humanitäre Misere vorweisen.
Hilfsorganisationen am Limit
Das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen warnt eindringlich vor den Folgen der ausbleibenden Unterstützung. Laut John Aylieff, dem Landesvertreter des WFP, stehen der Organisation in diesem Jahr 85 Prozent weniger Mittel zur Verfügung als benötigt. Diese drastische Unterfinanzierung hat zur Folge, dass das WFP in den ersten sechs Monaten des Jahres neun von zehn akut hungernden Menschen abweisen musste. Die Lagerhäuser, etwa in Kabul, leeren sich zusehends.
Von den ursprünglich benötigten 900 Millionen Dollar für das laufende Jahr sind bisher lediglich 130 Millionen Dollar eingegangen. Um die akute Not in den kommenden sechs Monaten zumindest teilweise zu lindern, werden weitere 540 Millionen Dollar benötigt.
Die verheerenden Auswirkungen auf die nächste Generation
Besonders besorgniserregend ist die Situation der Kinder. Nach UN-Angaben war im ersten Quartal dieses Jahres fast die Hälfte der Minderjährigen im Land unterernährt. In Gesundheitszentren berichten Mitarbeiter von Müttern, die ihre Kinder in einem Zustand extremer Abmagerung vorstellen. Die medizinische Versorgung stellt eine zusätzliche Hürde dar: Familien müssen Medikamente oft selbst bezahlen, was bei ohnehin fehlenden Einkommen zu einer weiteren Verschärfung der Existenznot führt.
Herausforderungen durch Rückkehrer
Die ohnehin angespannte Lage wird durch eine hohe Zahl an Rückkehrern zusätzlich belastet. Allein im vergangenen Jahr kehrten laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk 2,9 Millionen Menschen aus den Nachbarländern Iran und Pakistan nach Afghanistan zurück. Diese massive Bevölkerungsbewegung stellt die Taliban-Regierung vor enorme logistische und versorgungstechnische Herausforderungen, für die derzeit kaum Ressourcen bereitstehen.
Kontext und Ausblick
Die politische Isolation Afghanistans unter den Taliban, die unter anderem durch die Einschränkungen für Mädchen im Bildungswesen und die Verdrängung von Frauen aus dem öffentlichen Leben geprägt ist, erschwert die internationale Zusammenarbeit erheblich. Während die Taliban die wirtschaftliche Lage nicht stabilisieren konnten, droht eine ganze Generation unter den Folgen der Unterernährung dauerhafte gesundheitliche Schäden davonzutragen. Ob und wie die internationale Gemeinschaft auf die erneuten Appelle der Hilfsorganisationen reagieren wird, bleibt angesichts der globalen politischen Gemengelage ungewiss.