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Charles Ray in Kassel: Der Mann ist zurück, der Kassel einst mit einer Orgie schockte
Regional · 22.08.2026 14:27

Charles Ray in Kassel: Der Mann ist zurück, der Kassel einst mit einer Orgie schockte

Kurz: Der US-Künstler Charles Ray kehrt nach Kassel zurück. Seine erste institutionelle Einzelausstellung im Fridericianum zeigt auch sein skandalöses Werk von 1992.

Ein künstlerisches Comeback mit Geschichte

Kassel steht erneut im Zeichen eines Künstlers, der die Stadt vor über drei Jahrzehnten in helle Aufregung versetzte. Der US-amerikanische Bildhauer Charles Ray ist zurück in der nordhessischen Metropole. Anlass ist seine erste institutionelle Einzelausstellung, die am 22. August 2026 im Fridericianum eröffnet wurde. Ray, der heute 73 Jahre alt ist, erlangte in Kassel erstmals 1992 während der documenta 9 internationale Aufmerksamkeit. Damals sorgte er mit einer provokanten Installation für erhebliches Aufsehen, die das Publikum spaltete und für intensiven Gesprächsstoff in der Stadt sorgte. Die aktuelle Ausstellung bietet nun eine umfassende Werkschau, die nicht nur neue Arbeiten präsentiert, sondern auch den Bogen zur Vergangenheit spannt. Der Künstler selbst, der bei der Pressekonferenz einen zurückhaltenden Eindruck hinterließ, zeigt sich bei den Rundgängen durch die Ausstellungsräume jedoch äußerst engagiert und kommunikativ. Er erläutert dabei detailliert die komplexen Entstehungsprozesse seiner Skulpturen, die oft über Jahre hinweg in einem akribischen Arbeitstempo entstehen. Dass dieses Projekt nun realisiert werden konnte, ist das Ergebnis jahrelanger Vorbereitungen durch das Museumsteam unter der Leitung von Direktor Moritz Wesseler.

Details zur Ausstellung und zum Werk

Die Ausstellung im Fridericianum, die noch bis zum 3. Januar 2027 zu sehen ist, umfasst eine Auswahl von Rays skulpturalem Schaffen, das sich über fünf Jahrzehnte erstreckt. Viele seiner Figuren erinnern in ihrer Anmutung an Schaufensterpuppen, sind häufig in Weiß oder Silber gehalten und nehmen meist ruhige, fast meditative Posen ein. Ray selbst verweist dabei auf den Einfluss von Auguste Rodin, betont jedoch, dass seine Arbeiten keine direkten Porträts seien. Vielmehr operiere er mit einer Meta-Ebene. Ein Beispiel hierfür ist seine jüngste Arbeit, eine Madonna mit Kind, die er nicht als klassische Madonnen-Statue verstanden wissen will, sondern als „Skulptur einer Statue“. Neben diesen eher ruhigen Werken findet sich auch das kontroverse Stück „Oh! Charley, Charley, Charley...“ wieder in Kassel. Die Installation zeigt den Künstler in achtfacher Ausführung in einer sexuellen Interaktion mit sich selbst. Ein weiteres Exponat ist „Clothes Pile“ aus dem Jahr 2020, eine Skulptur aus Aluminium, die einen Haufen achtlos weggeworfener Kleidungsstücke darstellt. Die Ausstellung ist von Dienstag bis Sonntag ab 11 Uhr zugänglich, wobei der Eintrittspreis auf 6 Euro beziehungsweise 4 Euro ermäßigt festgelegt wurde.

Der Weg zur Ausstellung und die Verbindung zu Kassel

Die Planung für diese Einzelausstellung begann bereits im Jahr 2018, kurz nachdem Moritz Wesseler die Leitung des Fridericianums übernommen hatte. Wesseler betonte, dass es ihm ein großes Anliegen gewesen sei, Ray nach Kassel zu holen, da dessen Skulpturen die Betrachter auf eine besondere Weise berühren würden. Die Umsetzung des Vorhabens gestaltete sich jedoch als langwieriger Prozess, was vor allem der spezifischen Arbeitsweise des Künstlers geschuldet ist. Ray plant seine Ausstellungen mit einer Präzision, die den Nachbau der Museumsräumlichkeiten als Miniaturmodell erfordert. In diesem Modell platziert er seine Skulpturen wie Schachfiguren, um die räumliche Wirkung und das Gefühl der Anordnung zu testen. Laut Wesseler war die größte Herausforderung nicht die Überzeugung des Künstlers – dieser verbinde nämlich viele positive Emotionen mit Nordhessen und der documenta-Stadt –, sondern die Verfügbarkeit der Werke. Da Ray für die Fertigstellung einer einzelnen Skulptur oft Jahre benötigt, ist die Anzahl seiner Arbeiten insgesamt sehr begrenzt, was Leihgaben für Museen zu einem logistischen Kraftakt macht.

Die Akteure hinter dem Projekt

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht Charles Ray, der sich bei der Pressekonferenz zwar nicht persönlich vor das Mikrofon stellte, aber bei Führungen durch das Fridericianum durch seine Energie und Detailverliebtheit beeindruckte. Der Künstler selbst blickt humorvoll auf sein Alter und seine Arbeitsweise: Da er nach der aktuellen Ausstellung noch zwei weitere Skulpturen in sich spüre, müsse er wohl mindestens 93 Jahre alt werden, um diese fertigzustellen. Auf institutioneller Seite ist Moritz Wesseler die treibende Kraft. Als Direktor des Fridericianum hat er das Projekt über acht Jahre hinweg maßgeblich vorangetrieben. Er fungiert als Vermittler zwischen dem anspruchsvollen künstlerischen Prozess Rays und den organisatorischen Anforderungen des Museumsbetriebs. Die Zusammenarbeit wird als ein gegenseitiges Verständnis beschrieben, bei dem sowohl der Künstler als auch das Museumsteam ihre spezifischen Anforderungen einbringen, um die Skulpturen in der für Ray typischen, exakten Weise zu präsentieren. Die institutionelle Einbettung in das Fridericianum stellt dabei eine Premiere dar, da Ray bisher noch keine vergleichbare Einzelausstellung in diesem Rahmen in Kassel realisiert hatte.

Einordnung der künstlerischen Bedeutung

Die Rückkehr von Charles Ray nach Kassel lässt sich als eine Auseinandersetzung mit der eigenen documenta-Geschichte verstehen. Die documenta 9 im Jahr 1992 war ein Wendepunkt für die Wahrnehmung von Kunst im öffentlichen Raum und in Galerien. Während Werke wie der „Himmelstürmer“ von Jonathan Borofsky zu einem geliebten Wahrzeichen wurden, stießen andere Arbeiten auf Unverständnis oder gar rechtliche Konsequenzen, wie der Abriss der „Königsplatz“-Treppe von Gustav Lange zeigt. Rays Arbeit „Oh! Charley, Charley, Charley...“ wurde damals als Schock empfunden. Einzuordnen ist das so: Die Kunst der 90er Jahre in Kassel war geprägt von einer Suche nach der menschlichen Figur und der Provokation durch das Körperliche. Während Zoe Leonard in der Neuen Galerie Vagina-Fotos mit historischen Porträts konfrontierte, forderte Ray mit seinen Klonen die moralischen Vorstellungen des Publikums heraus. Dass diese Installation heute erneut gezeigt wird, deutet auf eine Neubewertung hin. Den Berichten zufolge ist das Werk heute weniger ein Skandalobjekt als vielmehr ein fester Bestandteil einer künstlerischen Biografie, die nun in ihrer Gesamtheit gewürdigt wird.

Offene Fragen und verbleibende Lücken

Obwohl die Ausstellung einen tiefen Einblick in das Schaffen von Charles Ray bietet, bleiben einige Aspekte im Dunkeln. Der Quelltext macht keine Angaben dazu, wie die breite Öffentlichkeit oder die lokale Kasseler Bevölkerung heute auf die erneute Präsentation der „Orgie“-Skulptur reagiert. Es wird nicht explizit erwähnt, ob es im Vorfeld der Ausstellung kritische Stimmen gab oder ob die Stadtgesellschaft die Rückkehr des Werkes, das 1992 für so viel Gesprächsstoff sorgte, heute gelassener aufnimmt. Zudem bleibt offen, wie die kuratorische Entscheidung getroffen wurde, genau diese spezifischen Werke für die Ausstellung auszuwählen und welche anderen Entwürfe oder Skulpturen eventuell aufgrund der langen Produktionszeit nicht verfügbar waren. Auch die finanzielle Unterstützung der Ausstellung, abgesehen von den Eintrittspreisen, wird nicht thematisiert. Es ist unklar, welche Rolle private Förderer oder öffentliche Mittel bei der Realisierung dieses aufwendigen Projekts spielten. Die technischen Details des Transports und der Versicherung der wertvollen und seltenen Exponate werden ebenfalls nicht weiter ausgeführt, was angesichts der Seltenheit der Werke eine interessante Leerstelle bleibt.

Ausblick auf die kommenden Monate

Die Ausstellung im Fridericianum ist als ein langfristiges Ereignis konzipiert, das über den Jahreswechsel hinaus Bestand haben wird. Mit dem Enddatum am 3. Januar 2027 ist ein klarer Zeitrahmen gesetzt, in dem Besucher die Möglichkeit haben, sich mit dem Werk von Charles Ray auseinanderzusetzen. Für den Künstler selbst markiert diese Zeit eine Phase der weiteren Produktion. Da er bereits angekündigt hat, nach dieser Werkschau an weiteren zwei Skulpturen arbeiten zu wollen, bleibt abzuwarten, ob diese Werke in Zukunft ebenfalls in einem institutionellen Kontext in Europa zu sehen sein werden. Das Fridericianum hat mit dieser Ausstellung einen markanten Punkt im Kasseler Kulturkalender gesetzt. Weitere Schritte, wie etwa begleitende Vortragsreihen oder spezifische Vermittlungsprogramme, werden im Quelltext nicht explizit angekündigt, doch der reguläre Museumsbetrieb läuft bis zum Abschluss der Ausstellung im Januar 2027 planmäßig weiter. Die Entscheidung, den Künstler nach so vielen Jahren erneut in den Fokus zu rücken, unterstreicht den Anspruch des Hauses, die documenta-Tradition der Stadt Kassel kontinuierlich zu reflektieren und in einen zeitgenössischen Diskurs zu überführen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/charismatischer-altstadtplatz-in-kassel-deutschland-33593192/ · Foto: Arlind D
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/regional/hessen/hr-charles-ray-in-kassel-der-mann-ist-zurueck-der-kassel-einst-mit-einer-orgie-schockte-100.html