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Capus’ neuer Roman: Höhere Langeweile im Grenzgebiet
Kultur · 28.07.2026 15:43

Capus’ neuer Roman: Höhere Langeweile im Grenzgebiet

Kurz: Alex Capus verarbeitet in seinem neuen Roman „Querfeldein“ historische Schmuggel-Ereignisse an der Schweizer Grenze. Ein Werk mit Licht und Schatten.

Ein historisches Grenz-Szenario als Romanstoff

Der Schweizer Schriftsteller Alex Capus widmet sich in seinem aktuellen Werk „Querfeldein“ einem düsteren Kapitel der Geschichte: dem Jahr 1933. Im Zentrum steht der Schmuggler Hermann, der bei einer illegalen nächtlichen Aktion in einem Schweizer Gasthof von NS-Schergen aufgegriffen und gewaltsam über die Grenze verschleppt wird. Hermann hatte zuvor regelmäßig Lebensmittel und kommunistische Publikationen nach Deutschland geschmuggelt. Dieser reale historische Hintergrund dient Capus als Gerüst für eine Erzählung, die persönliche Schicksale mit den großen politischen Dynamiken jener Zeit verknüpfen möchte.

Zwischen Fakt und Fiktion

Capus nutzt die Freiheit des Romans, um die überlieferten Ereignisse auszuschmücken. So ist der Widerstand der Dorfbewohner gegen das Vorgehen der NS-Kräfte eine rein fiktive Zutat. Auch die Biografie des Wirtes Arnold, der nach einem glücklichen Kasinogewinn einen Gasthof nahe der deutschen Grenze eröffnet, entstammt der Feder des Autors. Die Geschichte entwickelt sich weiter, als Arnold die geheimnisvolle Betty heiratet und ihre gemeinsame Tochter Clara sich schließlich in den Schmuggler Hermann verliebt.

Interessanterweise bricht der Autor im Verlauf des Buches mit seinem erzählerischen Stil. In der Hermann-Episode wechselt Capus plötzlich von einer personalen Erzählweise in die Ich-Perspektive und integriert echtes Archivmaterial wie Briefe und Protokolle. Diese Kehrtwende gewährt den Lesern zwar Einblicke in die akribische Recherchearbeit des Autors, sorgt jedoch für einen deutlichen Bruch im Lesefluss.

Stilistische Gegensätze und erzählerische Hürden

Das Werk präsentiert sich als ein in vielerlei Hinsicht widersprüchliches Buch. Capus, der in Interviews betont, Sprache diene primär dazu, eine Geschichte effizient von Punkt A nach Punkt B zu befördern, lässt diesen pragmatischen Ansatz in seinem Schreibstil spüren. An manchen Stellen wirkt die Prosa mit blumigen Metaphern überladen oder verliert sich in phrasenhafter Geschwätzigkeit. Besonders die ausschweifenden Gedanken eines Grenzwächters über eine gigantische Holzkuh wirken auf manche Leser eher ermüdend als bereichernd.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die repetitive Verwendung bestimmter rhetorischer Konstruktionen. Die Aufzählung von Dingen, die bei einer Figur nicht vorhanden sind, nutzt der Autor über zwanzig Mal. Hier stellt sich die Frage nach der Rolle des Lektorats, das diese stilistische Marotte hätte glätten können.

Stärken in der Charakterzeichnung

Trotz der genannten Schwächen beweist Capus an anderen Stellen seine erzählerische Klasse. Wenn er die Figur der Betty einführt, gelingen ihm zwei Seiten feiner, poetischer Prosa, die durch ihre Anschaulichkeit bestechen. Auch die Charakterzeichnung überzeugt: Die Tochter Clara bereichert das Geschehen durch ihre freimütigen Dialoge, und der unheimliche Kasinocroupier mit seinen markanten Gesichtszügen zeugt von der literarischen Inspiration des Autors durch Texte der Jahrhundertwende.

Einordnung für die Leserschaft

„Querfeldein“ ist ein Werk, das sich nur schwer in eine Kategorie einordnen lässt. Es bewegt sich zwischen anspruchsvoller Belletristik und einem eher leichten Historienroman. Wer eine stringente, durchweg hochklassige Erzählung erwartet, könnte angesichts der stilistischen Unebenheiten und der gelegentlichen Längen enttäuscht werden. Leser, die hingegen einen launigen Historienroman suchen, der historische Fakten als Ausgangspunkt für eine freie Erzählung nutzt, finden in dem Buch eine unterhaltsame Lektüre. Die Zukunft des Romans wird zeigen, ob die erzählerische Ambition des Autors, reale Geschichte und Fiktion zu verschmelzen, bei einem breiten Publikum Anklang findet oder ob die stilistischen Brüche den Gesamteindruck zu stark belasten.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-frau-professionell-geschichte-8667953/ · Foto: cottonbro studio
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur/hoehere-langweile-capus-neuer-roman-querfeldein-accg-201035780.html