Ein neues Kapitel für die Berliner Moderne
Die architektonische Bedeutung Berlins auf internationaler Ebene wächst weiter: Die Waldsiedlung im Bezirk Zehlendorf wurde offiziell in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen. Diese Entscheidung fiel während der Sitzung des Welterbekomitees in Busan, Südkorea. Die Aufnahme stellt jedoch keinen isolierten neuen Eintrag dar, sondern fungiert als Erweiterung der bereits seit 2008 bestehenden Welterbestätte „Siedlungen der Berliner Moderne“.
Mit dieser Ergänzung umfasst das Ensemble nun insgesamt sieben Siedlungen. Zu den bereits anerkannten Objekten gehören unter anderem die Hufeisensiedlung in Neukölln sowie die Weiße Siedlung in Reinickendorf. Die deutsche Unesco-Botschafterin Kerstin Pürschel betonte in Busan, dass die Waldsiedlung durch ihre spezifische Symbiose aus Architektur, der umgebenden Waldlandschaft und der städtischen Infrastruktur eine wertvolle neue Facette zum bestehenden Welterbe beitrage.
Historischer Kontext und architektonische Vision
Das Bauvorhaben wurde in der Zeit zwischen 1926 und 1932 realisiert, in unmittelbarer Nähe zum heutigen U-Bahnhof Onkel Toms Hütte. Unter der gestalterischen Leitung der Architekten Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg entstand ein Wohnquartier, das heute rund 1100 Geschosswohnungen sowie eine Mischung aus Reihen- und Einfamilienhäusern umfasst. Seit 1995 steht das Areal bereits unter Denkmalschutz.
Das Leitmotiv der Planer war damals revolutionär: „Licht, Luft und Sonne“ bildeten den Kern des Konzepts. In einer Epoche, in der die gesundheitlichen Aspekte des Wohnens in der Stadtarchitektur noch eine untergeordnete Rolle spielten, rückten die Architekten das Wohlbefinden der Bewohner in den Fokus. Gleichzeitig verfolgte man das Ziel, bezahlbaren Wohnraum für breite Bevölkerungsschichten bereitzustellen.
Die „Papageiensiedlung“: Zwischen Spott und Anerkennung
Besonders charakteristisch für das Viertel ist seine farbliche Gestaltung, die den Einheimischen den Spitznamen „Papageiensiedlung“ eingebracht hat. Die Fassaden sind systematisch koloriert: Während die Ostseiten in Gelb- und Grüntönen gehalten sind, dominieren an den Westfassaden Braun- und Bordeauxrottöne.
Was heute als wegweisendes Design gefeiert wird, stieß zur Zeit der Errichtung nicht nur auf Zustimmung. Zeitgenössische Kritiker, darunter ein damaliger Bezirksbürgermeister, bezeichneten die Gestaltung abfällig als „Zigarrenkistenkunst“, die eher nach Südamerika als nach Berlin gehöre. Die heutige Aufnahme in die Welterbeliste unterstreicht den Wandel in der Wahrnehmung dieser architektonischen Moderne, die nun als fester Bestandteil des kulturellen Erbes der Menschheit gilt.
Einordnung in das globale Welterbe
Die Erweiterung der Berliner Welterbestätten ist Teil eines globalen Netzwerks. Weltweit gibt es derzeit über 1250 Welterbestätten in mehr als 170 Ländern. Deutschland selbst ist nun mit 55 dieser Stätten vertreten. Die Aufnahme der Waldsiedlung Zehlendorf unterstreicht die anhaltende Relevanz der Berliner Architekturgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts und deren Einfluss auf die Stadtplanung der Moderne.