Ein Abschied von hoher musikalischer Güte
Die Bayreuther Festspiele präsentieren in dieser Spielzeit letztmalig die Inszenierung des „Fliegenden Holländers“ durch den Regisseur Dmitri Tcherniakov. Was als Abschied einer Produktion markiert ist, die über sechs Jahre hinweg das Publikum prägte, erweist sich als ein künstlerischer Höhepunkt des Festivals. Die Aufführung überzeugt dabei nicht nur durch ihre konzeptionelle Strenge, sondern vor allem durch eine musikalische Exzellenz, die das Werk in ein neues Licht rückt.
Elisabeth Teige: Eine Senta von seltener Strahlkraft
Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht die norwegische Sopranistin Elisabeth Teige. Seit fünf Jahren verkörpert sie die Senta und zeigt dabei eine stimmliche Konstanz, die im jugendlich-dramatischen Fach als Ausnahmeerscheinung gilt. Ihre Technik, insbesondere das Decken der Töne bei abgesenktem Kehlkopf, ermöglicht ihr eine beeindruckende Kontrolle über ihre Spitzentöne. Das Ergebnis ist ein Klangbild, das durch die Verbindung von Brustregister und Kopfresonanzen eine Wärme und Nuancierung erreicht, die oft als betörend beschrieben wird. Ihre Interpretation verleiht der Figur eine fast sirenenhafte Faszination, die weit über das bloße Singen hinausgeht.
Ein Ensemble der Spitzenklasse
Neben Teige ist das gesamte Ensemble exzellent besetzt, wobei jede Rolle zur atmosphärischen Dichte des Stücks beiträgt:
* **Nicholas Brownlee (Holländer):** Der Bariton hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Heldenbariton entwickelt. Er versteht es, selbst in leisesten Passagen eine unterschwellige Gewaltbereitschaft zu vermitteln, die eine zärtlich-manipulative Grausamkeit ausstrahlt.
* **Mika Kares (Daland):** Er überzeugt durch ein strenges Legato, das die moralische Ambivalenz seiner Figur unterstreicht. Sein Gesang macht die Verkommenheit des Biedermanns, der seine Tochter an den Holländer verkauft, auf beklemmende Weise hörbar.
* **Benjamin Bruns (Erik):** Er findet für seine Rolle eine Balance zwischen Wehleidigkeit und Eifersucht und zeichnet das Bild einer emotionalen Erpressung, die in einer Jammerlappenpose gipfelt.
* **Kieran Carrel (Steuermann):** Trotz kurzer Bühnenpräsenz hinterlässt er einen bleibenden Eindruck durch sein vokales Raffinement und die Fähigkeit, zwischen jugendlicher Unbekümmertheit und tiefer Sehnsucht zu changieren.
* **Nadine Weissmann (Mary):** Sie verleiht der Rolle durch ihre Darstellung der verdrängten Verbitterung eine menschliche Tiefe, die in den Momenten der Selbstermächtigung kulminiert.
Regie und musikalische Leitung als Einheit
Die darstellerische Wirkung ist eng mit der präzisen Regiearbeit Tcherniakovs verknüpft. Er gilt als Regisseur, der ein exaktes Konzept für Bewegungen und Gesten verfolgt, das eng mit der Musik korrespondiert. In einer Zeit, in der Debatten über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz auf der Bühne die Festspiele beschäftigen, wird diese Inszenierung als ein starkes Plädoyer für die menschliche, natürliche Intelligenz und künstlerische Präzision wahrgenommen.
Unterstützt wird dies durch die Dirigentin Oksana Lyniv. In ihrer sechsten Saison hat sie eine neue Souveränität und Gelöstheit gefunden, die es ihr ermöglicht, den „Fliegenden Holländer“ von dem Vorwurf zu befreien, ein klanglich rohes Frühwerk Wagners zu sein. Zusammen mit dem von Thomas Eitler-de Lint einstudierten Festspielchor, der auch darstellerisch stark gefordert ist, gelingt ihr eine differenzierte und kraftvolle musikalische Gestaltung.
Ausblick
Für das Publikum bietet sich im August noch einmal die Gelegenheit, die Senta der Premierenbesetzung zu erleben: Asmik Grigorian kehrt für zwei Vorstellungen am 6. und 18. August nach Bayreuth zurück. Auch ihre Darstellung, die durch ein intensives Kräftemessen in der Mimik und eine konsequente Rollenführung besticht, zählt zu den festen Größen dieser hochgelobten Produktion.